Malawi
Paul Mekani ist Psychiatriefachkraft und Projektleiter im Nkhoma- Krankenhaus in Malawi. Der Vater von drei Töchtern ist im Juli 40 Jahre alt geworden.
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„Für Psychiatrie interessieren sich nur wenige“

Ein Krankenhaus in Malawi geht neue Wege bei der Versorgung von Patienten. Wer depressiv oder schizophren ist, gilt in dem afrikanischen Land häufig als verhext. Therapien und Medikamente sind knapp. Der Chef-Krankenpfleger der Klinik von Nkhoma im Zentrum Malawis, Paul Mekani, will gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Ärztliche Mission dafür sorgen, dass sich das ändert.

Wie wird mit psychisch kranken Menschen in Malawi umgegangen?
Sie werden stigmatisiert und diskriminiert. Malawi hat 17 Millionen Einwohner und nur vier psychiatrische Kliniken. Wir haben eine staatliche Psychiatrie in der Hauptstadt Lilongwe, eine Klinik in der Stadt Zomba, die größte im Land, und zwei St. John of God- Kliniken, die von einem katholischen Orden geführt werden. Eine ist im Norden, die andere hat gerade in Lilongwe eröffnet. Die Behandlung psychischer Krankheiten ist nicht in die medizinische Grundversorgung eingebunden.

Wie viele Menschen in Malawi leiden an psychischen Erkrankungen?
Das ist schwer zu sagen. Laut Schätzungen knapp 30 Prozent, Depressionen sind am weitesten verbreitet.

Und wie viele  Fachleute, Psychologen oder Psychiater, gibt es?
Genaue Zahlen kenne ich nicht. Aber für Psychiatrie interessieren sich nur wenige. Die Mehrheit des Personals in den psychiatrischen Kliniken sind allgemeine Mediziner und Gesundheitskräfte. Es gibt ein paar Krankenschwestern und -pfleger, die in der Pflege für psychisch Erkrankte geschult wurden. Einige der Allgemeinmediziner haben am St. John of God-Institut für zwei Jahre eine Psychiatriefortbildung gemacht haben, aber nicht viele.

Warum interessieren sich so wenige für Psychiatrie?
Viele Medizinstudenten belegen Kurse, mit denen sie später viel Geld verdienen können. In der Psychiatrie ist das im Allgemeinen nicht der Fall. In einem Krankenhaus in Malawi zu arbeiten ist an sich schon ein Opfer. Unsere Gehälter sind sehr gering. Die meisten arbeiten deshalb in anderen Bereichen oder spezialisieren sich anderweitig, um im privaten Sektor unterzukommen, da dort die Löhne höher sind. Wir haben auch nicht genügend Lehrer, die die Studenten im Fach Psychiatrie unterrichten könnten.

Wieviel gibt der Staat für die Versorgung psychisch Kranker aus?
Nicht viel. Das jährliche Budget für den Gesundheitssektor beträgt weniger als 15 Prozent. Und davon geht weniger als ein Prozent in den Bereich seelische Gesundheit. Landwirtschaft und Bildung stehen viel besser da.

Ist eine Verbesserung in Sicht?
Nein, überhaupt nicht. In den staatlichen Krankenhäusern gibt es keine Medikamente für die Patienten mit psychischen Problemen. Selbst in den psychiatrischen Einrichtungen gibt es nicht genügend Arzneimittel.

Erkennen Ärzte oder Gesundheitskräfte in den Krankenhäusern Leute mit psychischen Problemen? Und wie werden die Patienten behandelt?
Bei den Allgemeinmedizinern und beim Gesundheitspersonal  existiert eine große Wissenslücke im Umgang mit psychisch Kranken. Die Bezirkskrankenhäuser sollten aber in der Lage sein, alle Patienten aus ihrem Bezirk zu behandeln. Manchmal fragen sie aber nicht die richtigen Informationen ab und das führt zu Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen. In den Psychiatrien haben die Patienten Einzel- oder Gruppentherapie, und sie bekommen Psychopharmaka. In einer der St. John of God-Kliniken werden Drogen- und Alkoholabhängige in einem vierwöchigen Programm therapiert.

Drogenabhängige und Alkoholiker tauschen sich in Malawi beim Treffen einer Selbsthilfegruppe mit Männern aus, die ihre Sucht überwunden haben. Isabel Reusch/DIFÄM

Wie gehen Familienmitglieder mit psychisch Erkrankten um?
Sehr schlecht. Die Familien vernachlässigen die psychisch Kranken, sie binden sie an einen Baum oder Felsen, damit sie nicht weggehen und verleugnen sie die meiste Zeit. Soweit ich weiß, werden die meisten Leute mit psychischen Problemen in ihren Gemeinden gelassen und nicht ins Krankenhaus gebracht. Manchmal bringen die Angehörigen die Kranken zu einem traditionellen Heiler, weil sie glauben, dass psychische Erkrankungen durch Zauberei verursacht werden. Erst wenn das nichts hilft,  bringen sie den Patienten manchmal doch in die Klinik.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Patient, dessen Vater im Nkhoma-Krankenhaus arbeitet, wurde verhaftet und ist derzeit im Gefängnis. Der Vater hat mir erzählt, dass sein Sohn sich gegenüber der Familie aggressiv verhält,  deshalb bin ich hingegangen und habe die Polizei mitgenommen. Der Mann war überhaupt nicht aggressiv, er schlief auf seinem Bett. Ich wollte ihm helfen, aber die Polizei hat ihn mitgenommen. Er sitzt im Gefängnis, weil seine Familie dem zugestimmt hat. Sie will ihn nicht mehr bei sich haben, weil sie Angst vor ihm hat.

Sie haben gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Ärztliche Mission im Krankenhaus von Nkhoma ein Projekt zur seelischen Gesundheit gestartet. Was wollen Sie damit erreichen?
Das Hauptziel ist, dass Leute mit psychischen Problemen so einfach wie möglich Zugang zu Behandlungen bekommen sollen. Wir versuchen, die Versorgung von psychisch Kranken in unsere bestehenden Angebote zu integrieren, und unser Personal entsprechend zu schulen. Eine eigene psychiatrische Abteilung wollen wir nicht eröffnen.

Wie kamen Sie dazu, sich für psychisch Kranke zu engagieren?
Mein Hintergrund ist sehr bescheiden. Ich arbeite nun seit drei Jahren im Nkhoma-Krankenhaus. Seit vierzehn Jahren bin ich Krankenpfleger. Zu Beginn habe ich drei Jahre lang als Junior-Krankenpfleger und als medizinisch-technischer Geburtshelferassistent gearbeitet. Danach habe ich eine Fortbildung absolviert, um staatlich anerkannter Krankenpfleger und Geburtshelfer zu werden. 2012 bin ich im St. John of God-Institut in Nordmalawi zur Psychiatriefachkraft ausgebildet worden.

Das neue Projekt bedeutet zusätzliche Arbeit für Sie. Was reizt Sie daran?
Mich motiviert zu sehen, wie es den Patienten besser geht. Wenn ich sehe, wie jemand wieder spricht oder sich bewegt, der das vorher nicht mehr konnte, oder jemand, der Suizid begehen wollte, jetzt wieder Hoffnung hat – das ist es, was mich antreibt diese Arbeit zu machen.

Wie erreichen Sie Leute, die Hilfe brauchen?
Das Nkhoma-Krankenhaus verfügt über 220 Betten und hat 16 Außenkliniken. In der Regel gehen zwei Fachkräfte von uns jeden Tag, von Montag bis Freitag, dorthin, und kümmern sich um Patienten mit psychischen Erkrankungen und Epilepsie. Sie machen auch Hausbesuche und geben Medikamente aus. Unser Team besteht aus 20 Fachkräften. Ich habe sieben Trainer ausgebildet, die wiederum andere geschult haben. In den Außenkliniken haben wir außerdem Dorfgesundheitshelfern das nötige Wissen für den Umgang mit psychisch Kranken vermittelt. Nun sind wir gerade dabei, auch Ehrenamtliche einzubeziehen, die in den Gemeinden arbeiten.

Bekommen die Trainer selbst psychologische Hilfe, um ihre manchmal belastenden Erfahrungen zu verarbeiten?
Nicht wirklich, manchmal bekommt man Ratschläge von anderen. Als psychiatrische Fachkraft sollte man mit seiner eigenen Gesundheit zurechtkommen.

Das Gespräch führte Johanna Greuter.

erschienen in Ausgabe 8 / 2017: Wenn die Seele krank ist

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