Rassismus in Indien
Rassismus in Indien

Hartes Leben bei den indischen Freunden

Afrikanische Studenten in Indien brauchen ein dickes Fell: Zu ihrem Alltag gehören rassistische Anfeindungen und Gewalt. Das belastet inzwischen sogar die diplomatischen Beziehungen zwischen Indien und Afrika.

Schwere weiße Vorhänge mit einem bunten Zickzackmuster können die sengende Sonne nicht ganz aus dem Wohnzimmer von Sandra Adaora Okoyeegbe fernhalten. Ihre Mietwohnung liegt in einem Vorort Neu-Delhis. Auf dem kleinen Fernseher flimmert eine YouTube-Folge einer neuen britischen Webserie. Die 21-jährige afrikanische Studentin erklärt, in dieser „Chat Show“ diskutierten junge, meist dunkelhäutige Gäste über Probleme ihres Alltags in Großbritannien, darunter auch Rassismus.

Dem ist Okoyeegbe auch in Indien begegnet. Sie stammt aus Anambra, einem Bundesstaat im Süden Nigerias, und ist hergekommen, um ihren Bachelor in Pharmazie zu machen. Sie studiert an einer der Privatunis, die in jüngerer Zeit in Greater Noida, einer etwa 40 Kilometer vom Zentrum Neu-Delhis entfernten Satellitenstadt, wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. „Die Inder haben Rassismus im Blut, selbst die gebildeten“, bemerkt sie mit einer Spur Sarkasmus. „Sie halten uns wegen unserer Hautfarbe für minderwertig.“

Im März hat nicht weit von ihrem Viertel ein Mob mehrmals afrikanische Studenten verprügelt. Von einem Fall gibt es ein Video, das nun breit zirkuliert. Es zeigt, wie indische Männer in einem Einkaufszentrum einen Schwarzen mit Fußtritten traktieren und mit Blechmülleimern und Hockern auf ihn einschlagen. Das Opfer, ein junger Nigerianer, überlebte schwer verletzt. Viele Afrikaner, auch Okoyeegbe, trauten sich danach tage- oder wochenlang nicht aus dem Haus.

Vorangegangen war der Tod eines indischen Teenagers. Er war als vermisst gemeldet worden, worauf Gerüchte kursierten, er sei von einem Nigerianer entführt worden. Bald machten Schauergeschichten über Kannibalismus die Runde – bis der Jugendliche in stark benommenem Zustand nach Hause zurückkehrte. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Nun wurde gemunkelt, Nigerianer hätten ihm Drogen verschafft und er hätte eine Überdosis genommen. Seine Eltern erstatteten Anzeige, und die Polizei verhaftete die Verdächtigten. Da man ihnen nichts nachweisen konnte, wurden sie wieder freigelassen. Dennoch hielt sich hartnäckig die Überzeugung, Afrikaner hätten etwas mit der Sache zu tun. Irgendwann entlud sich die aufgeheizte Stimmung.

Kaum Kontakte zwischen Inden und Afrikanern

Diese Spannungen haben teilweise mit dem in der indischen Gesellschaft weit verbreiteten Vorurteil zu tun, Nigerianer seien sämtlich Drogendealer oder bedrohten die Gesellschaft. Viele Afrikaner, gleich welcher Nationalität, werden pauschal als Kriminelle verdächtigt. Weil es kaum soziale Kontakte zwischen der indischen Bevölkerung und den Afrikanern gibt, lösen sich diese Vorurteile nie auf.

In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Einheimischen und Afrikanern; deren Zahl in Indien wird auf 40.000 geschätzt, viele von ihnen sind Studentinnen und Studenten. Ob solche Übergriffe tatsächlich zunehmen oder nur mehr Aufmerksamkeit in den Medien finden, ist schwer zu sagen. Doch offenbar unterscheiden sich die indisch-afrikanischen Beziehungen auf der Straße gefährlich von denen in der Diplomatie und von den historischen Verbindungen zwischen Indien und Afrika.

Vielen Indern ist wohl nicht klar, dass aus Afrika stammende Menschen schon lange unter ihnen leben: Die Vorfahren der Siddis, die sich an Indiens Westküste bis hinunter in den Süden finden, kamen vermutlich im Mittelalter als Reiter und Sklaven mit muslimischen Eroberern. Manche brachten es zu hohen militärischen Ehren, einige wurden in Westindien sogar Provinzfürsten. Die Siddis haben eigene musikalische und künstlerische Traditionen bewahrt, sich aber ansonsten assimiliert. Eine kleinere Welle von Afrikanern kam als Sklaven mit den europäischen Kolonialherren.

Nach der Kolonialzeit entwickelte sich eine natürliche Nähe zwischen früheren Kolonien im globalen Süden. Indien setzte sich international für die Befreiung Afrikas vom Imperialismus und für ein Ende des Apartheidregimes in Südafrika ein. Mahatma Gandhi, der Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, sagte einst: „Indiens Freiheit bleibt unvollendet, solange Afrika in Ketten liegt.“ Diese Solidarität bildete die Grundlage dafür, dass Indien seit seiner ersten unabhängigen Regierung unter Jawaharlal Nehru afrikanischen Nationen diplomatisch, finanziell und materiell beistand.

Gandhi hat in Südafrika, wo er von 1893 bis 1914 lebte, die Philosophie des gewaltfreien Widerstands entwickelt, das entscheidende Instrument für Indiens Befreiung von den Briten. Sie hatte auch großen Einfluss auf den antikolonialen Kampf in Afrika – etwa auf Nelson Mandela in Südafrika, Kwame Nkrumah in Ghana, Jomo Kenyatta in Kenia, Julius Nyerere in Tansania und Kenneth Kaunda in Sambia. Die Verbindungen, gefestigt durch den Kalten Krieg, brachten dann Studenten aus Afrika nach Indien. Viele afrikanische Staatschefs haben dort irgendeine Art von Ausbildung absolviert.

Im Jahr 1971 wurde in der westindischen Stadt Pune der Grundstein für die renommierte Symbiosis International University gelegt, um eine internationale Studentenschaft aufzunehmen. Die löste dort nicht ansatzweise solche Gewalt aus, wie sie nun anderswo zum Alltag gehört. Heute sind an dieser Hochschule 3000 ausländische Studierende eingeschrieben, hauptsächlich aus Afrika. „Tränen eines ausländischen Studenten waren ein Wendepunkt meines Lebens“, sagt S. B. Mujumdar, der Gründer der Universität: Ein von Gelbsucht und Heimweh geplagter Mauretanier veranlasste ihn, sich energisch für einen Dialog zwischen der einheimischen Bevölkerung und den ausländischen Studenten einzusetzen. Auch heute hört man dort nur selten von Übergriffen auf Afrikaner – vielleicht weil man so früh begann, die indische Bevölkerung zu sensibilisieren.

Afrikanische Studenten sind eine einträgliche Einnahmequelle geworden

Der afrikanische Studentenverband in Indien schätzt, dass derzeit etwa 25.000 Afrikaner und Afrikanerinnen in Indien studieren, viele in Greater Noida. Dies ist einer der neuesten Satellitenstädte der Hauptstadt; die meisten Alteingesessenen sind ländlich geprägt und auch jene, denen der Immobilienboom in der neuen Stadt Wohlstand gebracht hat, haben wenig Erfahrung mit ausländischen Kulturen. Nun konkurrieren sie mit einer jungen, aufstrebenden, mobilen Bevölkerung, darunter afrikanischen Studenten, die Ingenieure, Pflegekräfte oder Finanzexperten werden.

Afrikanische Studenten sind eine einträgliche Einnahmequelle geworden, sie zahlen oft höhere Studiengebühren als ihre indischen Kommilitonen. Andere erhalten vom indischen Staat Stipendien für das Studium in Indien – das ist Teil eines Programms, regionalen Handel und regionale Kooperation zu fördern. Doch diese Demonstration der Freundschaft kann nicht den kulturellen Graben überbrücken. „Wenn Indien und die afrikanischen Staaten diplomatisch so gut verbunden sind, warum dann nicht auch die Völker?“, fragt Tochukwu Alagba.

Der 25-jährige Student ist 2013 aus dem nigerianischen Bundesstaat Ebonyi nach Indien gekommen. Seitdem hat man ihn verspottet, angestarrt und rassistisch beleidigt. Alagba erklärt sich das mit einem tiefen kulturellen Missverständnis: der Annahme, alle afrikanischen Männer seien Drogendealer und alle Frauen Prostituierte. Hinzu kommen die Nahrungstabus. „Viele Hindus essen kein Fleisch. In Afrika ist es jedoch ganz normal, Fleisch zu essen. Aber wenn man hier Fleisch isst, dann heißt es gleich, die Afrikaner essen Menschenfleisch“, sagt Alagba. Er hat in vier Jahren acht verschiedene Wohnungen gehabt. „Ich bezahle meine Miete pünktlich. Ich halte meine Wohnung sauber.“ Wenn er die Vermieter fragte, warum sie ihm dennoch aus heiterem Himmel kündigten, dann hieß es: „Die anderen Mieter haben sich beschwert, es sei gegen ihre Kultur, mit Schwarzen zusammenzuleben.“

Vorurteile äußern sich auf die primitivste Weise

Afrikaner wurden in Indien „immer begafft und beobachtet“, sagt Siddharth Varadarajan, ein Mitgründer der Nachrichtenwebsite „Wire“ in Neu-Delhi. „Neu und beunruhigend sind Schikanen der Polizei unter dem Vorwand, Drogenhandel und Prostitution zu bekämpfen, und die zunehmende Gewaltbereitschaft mancher Inder.“ Die Gründe sieht er zumindest teilweise in Fehlentwicklungen der indischen Gesellschaft. „Der öffentliche Raum ist unsicherer geworden“, sagt er. Varadarajan weist darauf hin, dass die indische Regierung rassistische Straftaten nicht statistisch erfasst, obwohl die heimische und internationale Presse häufiger über sie berichtet. Afrikanische Studenten sind seiner Meinung nach Opfer der „üblichen Ressentiments, die wir rund um die Welt gegenüber Migranten und Ausländern beobachten“.

Selbst an Universitäten äußern sich diese Vorurteile manchmal auf die primitivste Weise. Okoyeegbe, die nigerianische Pharmaziestudentin, wurde auf einer Toilette von einer indischen Studentin, die offenbar beim bloßen Anblick einer Afrikanerin Abscheu empfand, als „Affe“ beschimpft. Wenig später begegneten sich die beiden in einem Aufzug wieder. Als Okoyeegbe das Schimpfwort wieder an den Kopf geworfen wurde, meldete sie den Vorfall dem Disziplinarausschuss der Universität. Die indische Studentin entschuldigte sich schriftlich. Das ist beigelegt, sagt Okoyeegbe, die beiden sind Freundinnen geworden. Dennoch hat sie nach wie vor das Gefühl, auf dem Campus herablassend behandelt zu werden. Einmal wurde sie für eine Prostituierte gehalten, nur weil sie sich abends außerhalb ihres Wohnbezirks aufhielt.

Laut dem indischen Soziologen Tharailath Koshy Oommen ist in Indien helle Haut schon immer mit Überlegenheit und Schönheit assoziiert worden. Das Kastensystem, das traditionell die gesellschaftliche Hierarchie in der mehrheitlich hinduistischen Gesellschaft bestimmt, zielte darauf ab, dass höhere Kasten auch hellere Haut haben. „Varna“, das alte Sanskrit-Wort für das indische Kastensystem, bedeutet so viel wie „Farbe“. Dieser tief verwurzelte Rassismus wird aber verleugnet und verdrängt – kein Wunder, sieht sich Indien doch als Volk dunkelhäutiger Menschen, das sich von hellhäutigeren Unterdrückern befreit und die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt gegründet hat.

Weizenfarbene Haut gilt als wünschenswert

Dennoch gilt im Norden des Landes „weizenfarbene“ Haut als wünschenswerter als die dunkleren Töne, die in südlichen Landesteilen vorherrschen. Auch bestimmte Gesichtszüge werden bewertet: Menschen aus den nordöstlichen Bundesstaaten Indiens müssen trotz ihrer hellen Hautfarbe wegen ihrer eher mandelförmigen Augen nicht selten Schmähwörter ertragen, wie sie sonst Ostasiaten zu hören bekommen. „Unser Verhalten gegenüber Afrikanern hier in Indien ist im Grunde ein Ausfluss unseres Verhaltens gegenüber den eigenen Mitbürgern“, sagt Oommen.

Zudem ist in den letzten Jahren in Indien eine Tendenz zu Intoleranz und Missachtung der Gesetze zu erkennen. Uneinigkeit über Speisevorschriften und andere Fragen der Kultur hat mehrfach Gewaltexzesse ausgelöst. Weltweit hat die politische Rechte Zulauf und das hat Zurückhaltung und Höflichkeit untergraben und Minderheiten angreifbar gemacht. In vielen Ländern, auch Indien, hat die Idee vom Nationalstaat als Ausdruck eines Rückschlags gegen die Globalisierung wieder Hochkonjunktur. Und in Indien treten unter der Hindu-nationalistischen Regierung, die eine Kultur der Intoleranz fördert, die Verwerfungslinien von Kaste und Religion wieder deutlicher hervor.

„Ein Land wie Indien, in dem Unwissenheit und Vorurteile allgegenwärtig sind, wird immer anfällig für Gewalt bleiben“, sagt Varadarajan, der Herausgeber des „Wire“. Veränderungen in der Wirtschaft seien allenfalls „eine partielle Erklärung für die Gewalt des Mobs“, die sich auch gegen Afrikaner richtet. „Die Wurzeln dieser schrecklichen Vorfälle sind ein Versagen der politischen Führung – die Regierung weigert sich sogar anzuerkennen, dass das Problem existiert – sowie das Fehlen einer wirksamen Rechtsdurchsetzung“, sagt er.

Autorin

Pamposh Raina

arbeitet als Journalistin in Neu-Delhi. Sie schreibt regelmäßig für die „New York Times“ und AFP. Der Beitrag ist im Original in „Foreign Policy“ erschienen.
Die Übergriffe belasten inzwischen auch Indiens Beziehungen zu afrikanischen Staaten. Im Jahr 2016 wurde im Süden Neu-Delhis ein Kongolese zu Tode geprügelt, der mit einer Gruppe indischer Männer in Streit geraten war. Sein Tod veranlasste die afrikanischen Diplomaten in Indien zu einem seltenen Protest: Die Spitzen von 42 Botschaften machten klar, dass sie ihren Regierungen empfehlen würden, so lange keine neue Studenten nach Indien zu schicken, bis deren Sicherheit garantiert werden könne. Sushma Swaraj, die indische Außenministerin, suchte die Ängste zu beschwichtigen: Sie versicherte, die Polizei arbeite mit Hochdruck daran, die Mörder des Kongolesen zu fassen. Schließlich verhaftete die Polizei drei Verdächtige. Die Außenministerin betonte, es habe sich um ein gewöhnliches Verbrechen gehandelt, das man nicht als rassistisch missdeuten solle.

Aber die Gewalt in Greater Noida hat die afrikanischen Gesandten erneut aufgebracht. In einer schriftlichen Erklärung vom 31. März 2017 drohten die Leiter der afrikanischen diplomatischen Vertretungen, die Vereinten Nationen und andere internationale Institutionen anzurufen, um Ausschreitungen gegen ihre Bürger untersuchen zu lassen, die ihrer Meinung nach „fremdenfeindlicher und rassistischer Natur“ sind. Die indische Ministerin für auswärtige Angelegenheit beschwichtigte erneut mit dem Hinweis, Indiens Behörden könnten angemessen „auf die vereinzelten Taten weniger Krimineller reagieren“.

Doch indische Studenten fühlten sich verpflichtet, mit Protestveranstaltungen ihre Solidarität mit den afrikanischen Kommilitonen auszudrücken. Auch Universitätsleiter intervenierten. So hat der Vizekanzler der Technischen Universität in Lucknow erklärt, er habe deren Partner-Institute in Greater Noida gebeten, für die Sicherheit der afrikanischen Studierenden zu sorgen. Auch in populären Fernseh-Talkshows wird die vorherrschende Verleugnung des Problems in Frage gestellt: Themen wie „Sind Inder Rassisten?“ und „Werden wir eine intolerante Nation?“ sind dort aufgetaucht.

Okoyeegbe bereut inzwischen ihre Entscheidung, nach Indien zu gehen. „Mein Traum war, einen Gesundheitsberuf zu studieren. In Afrika hält man große Stücke auf die Medizin in Indien“, sagt sie. „Viele Afrikaner kommen zur Behandlung hierher. Also dachte ich, warum nicht nach Indien gehen, von indischen Ärzten lernen, Kontakte knüpfen, damit nicht Nigerianer für simple Behandlungen so weit reisen müssen?“ Inzwischen aber hält sie nur noch ihre Abschlussarbeit, die im kommenden Jahr fertig sein soll, in Greater Noida. In Indien zu leben würde sie „nicht einmal meinen Feinden empfehlen“

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

erschienen in Ausgabe 11 / 2017: Süd-Süd-Beziehungen: Manchmal beste Freunde

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