Senioren in Kuba
Senioren in Kuba

Die Rentner der Revolution

In Kuba müssen sich viele Ruheständler mit wenig Geld durchschlagen. Zwar hat die Regierung das Renten­niveau angehoben. Doch es werden zu wenige Kinder geboren, um das auf Dauer zu finanzieren.

Der letzte von 80 Henkelmännern aus Aluminium und Edelstahl verschwindet in der geräumigen, hellblau lackierten Box des Lastenfahrrads. Der Inhalt stammt aus der Großküche des Christlichen Zentrums für Reflexion und Dialog (Centro Cristiano de Reflexión y Diálogo – CCRD) in der kubanischen Hafenstadt Cárdenas. Jeden Morgen wird dort frisch gekocht für die alten Frauen und Männer, die das Zentrum betreut. Juan Alberto Bello liefert heute das Essen aus, er hat den Job von einem kranken Kollegen übernommen.

Auf seiner Tour durch die Stadt wird er von der  Krankenschwester Maribel Domínguez und der Sozialarbeiterin Liliana Riverón begleitet. Sie weisen ihn ein, denn es ist alles andere als einfach, sich die Adressen der Rentner zu merken, die über ganz Cárdenas verteilt wohnen. Die Stadt liegt nur wenige Kilometer von Varadero entfernt, Kubas wichtigstem Touristenmagnet – doch die Uhren hier ticken vollkommen anders. „Cárdenas ist eine arme Stadt. Es ist Teil unserer kirchlichen Arbeit, den Rentnern zu helfen“, sagt Maribel Domínguez.

Fünf Tage die Woche werden die Senioren auf ihrer Liste mit Essen auf Rädern aus der rollenden „Cantina“ versorgt. Domínguez und Riverón schauen regelmäßig vorbei. Sie besorgen Medikamente, kontrollieren Blutdruck und Puls der chronisch Kranken, wechseln Verbände und sorgen dafür, dass Diabetiker ihre Medikamente einnehmen. Sie kümmern sich außerdem um die Fußpflege, frisieren die alten Leute und bringen hin und wieder frisch gewaschene Kleidung aus der Kleiderkammer des CCRD mit. Gabriel del Monte Aranjo wäre ohne dieses Hilfe aufgeschmissen: „Ich habe mein halbes Leben für die staatliche Telefongesellschaft Etecsa gearbeitet. Jetzt bekomme ich 270 Peso (neun Euro) Rente, aber mit der nationalen Währung kann ich mir kaum etwas kaufen“, klagt der 82-Jährige. Nachdem im Juli 1993 der Besitz von US-Dollar in Kuba legalisiert wurde, hat die Landeswährung, der Peso nacional (CUP), an Kaufkraft verloren. Der US-Dollar wurde 2004 durch den konvertiblen kubanischen Peso (CUC) ersetzt. Die kommunistische Führung hatte 2011 auf ihrem Parteikongress beschlossen, die Parallelwährung abzuschaffen. Bislang ist das aber nicht geschehen, zu groß ist die Angst vor einer hohen Inflation und Problemen bei der Umstellung.

Wer keine Familie im Ausland hat, muss auf vieles verzichten

Das doppelte Währungssystem hat eine zweigeteilte Gesellschaft hervorgebracht: eine mit Zugang zum CUC und eine ohne. Die staatlichen Angestellten bekommen bis auf wenige Ausnahmen ihr Gehalt in Peso nacional ausgezahlt. Sie können ihn in Wechselstuben (Cadeca) im Verhältnis 24:1 gegen CUC tauschen. Seit einigen Jahren akzeptieren alle Geschäfte in Kuba beide Währungen. Wenn die Rentner jedoch keine Familie im Ausland haben, die ihnen Devisen schickt, müssen sie auf höherwertige Konsumartikel, Drogerieartikel oder Kleidung verzichten. Sie sind schlicht zu teuer, und es gibt sie fast nur in den staatlichen Supermärkten, die Importware verkaufen.

Gabriel del Monte Aranjos karge Rente reicht für den Einkauf dort nicht aus, sie geht fast komplett für Lebensmittel und Medikamente drauf. Zwar garantiert die „libreta“, das kubanische Rationierungsbüchlein, allen Kubanern den Bezug eines subventionierten Warenkorbs von Grundnahrungsmitteln wie Reis, Bohnen, Zucker, Brot und etwas Fleisch. „Doch die Menge deckt höchstens den Bedarf von zehn Tagen“, erklärt CCRD-Psychologin Rocio Fernández Ruíz.

"Ohne die Hilfe der Kirche geht es nicht. Ich lebe allein, habe nur noch eine Schwester, die hin und wieder vorbeikommt“, sagt Gabriel del Monte Aranjo, der gerade seinen Henkelmann von Juan entgegengenommen hat. Er ist einer von gut 2,2 Millionen Kubanern, die älter als 60 Jahre sind. Ähnlich wie in Deutschland stehen ihnen immer weniger junge Erwerbstätige gegenüber. Die Geburtenquote ist seit Beginn der 1990er Jahre, dem Einsetzen der bis heute anhaltenden Wirtschaftskrise, rückläufig und liegt derzeit bei 1,61 Geburten pro Frau. Ein Drittel der Bevölkerung wird laut demografischen Prognosen 2030 das sechzigste Lebensjahr überschritten haben. Damit ist Kuba schon heute nach Uruguay die zweitälteste Gesellschaft in der Region. Die Gründe für die Überalterung sind zahlreich, doch tragen in jedem Fall das liberale Abtreibungsrecht, der hohe Anteil arbeitender und gut ausgebildeter Frauen sowie die hohe Lebenserwartung von 78,45 Jahren dazu bei.

Ein anderer Faktor ist das Geld. „Kinder sind teuer und junge Familien haben in Kuba keinen leichten Stand, selbst wenn beide Eltern berufstätig sind“, sagt der Ökonom Omar Everleny Pérez Villanueva. Das Studienzentrum der kubanischen Ökonomie (CEEC) hat bereits vor fünf Jahren kalkuliert, dass eine vierköpfige Familie mindestens 1500 Peso im Monat braucht, um über die Runden zu kommen. Seitdem sind die Lebenshaltungskosten gestiegen, die Löhne jedoch kaum – mit Ausnahme der Gehälter der Ärzte, die auf 1100 Peso angehoben wurden. Das wirkt nicht gerade als Anreiz, Kinder zu bekommen – und das Loch in der kubanischen Rentenkasse wird immer größer, weil immer weniger Menschen in sie einzahlen.

Das Loch in der Rentenkasse wird immer größer

Die Regierung sieht die „demographische Krise“ kommen und hat im Januar 2009 das Renteneintrittsalter für Frauen auf 60, für Männer auf 65 Jahre heraufgesetzt. Einige Jahre später wurde zudem die Berechnungsgrundlage der Rente modifiziert – allerdings nur für Neurentnerinnen und -rentner. Sie bekommen das Durchschnittseinkommen der fünf Jahre der Berufstätigkeit ausgezahlt, bei der sie am meisten verdient haben. Die Älteren haben davon nichts – sie bekommen durchschnittlich im Monat rund 270 Peso nacional. Trotzdem wächst das Loch in der Rentenkasse von Jahr zu Jahr. „Der Staatshaushalt ist defizitär“, sagt Omar Everleny Pérez Villanueva, „weil die Wirtschaft nicht produktiv genug ist“. Wie das Defizit langfristig abgebaut werden soll, weiß niemand in Kuba.

Die Frauen und Männer, um die sich das christliche Zentrum CCRD kümmert, zählen zu denen, die von diesen Neuerungen nicht profitieren. „Etliche sind auf sich allein gestellt, weil die Kinder nach Havanna oder ins Ausland gegangen sind. In solchen Fällen springen wir ein“, erklärt Krankenschwester Domínguez. Die Bitten um Unterstützung erhält das kirchliche Zentrum aus der Nachbarschaft, von Familienangehörigen oder Freunden. Domínguez, die Sozialarbeiterin Riverón und die Psychologin Rocio Fernández Ruíz besuchen die alten Leute, analysieren die Situation und entscheiden, ob es möglich ist, sie in das Betreuungsprogramm des CCRD aufzunehmen.

Alleinstehend sei ein Auswahlkriterium, ein anderes, dass die Rente nicht mehr als 270 kubanische Peso im Monat beträgt, erklärt Domínguez. Zudem haben viele ihrer Patienten chronische Krankheiten – wie Orlando Muñoz Hernández. Der 69-Jährige ist Diabetiker. Er sitzt im Rollstuhl vor seiner Wohnung und verfolgt das Treiben auf der Straße. Er lächelt, als er die Fahrradkolonne kommen sieht. „Bohnen, Reis, Kürbis, ein Ei und Salat“, informiert ihn Juan, bevor er in die kleine Küche geht, um den Henkelmann abzustellen und den vom Vortag mitzunehmen.

„Heute schaffen wir es nur, das Essen auszuliefern. Rasieren muss warten“, erklärt Liliana Riverón, die genau weiß, dass Hernández es nicht mag, wenn sein weißer Haarkranz sprießt. Er lässt sich seinen markanten Schädel gern zweimal die Woche rasieren. Hernández trägt es mit Fassung und streicht sich über den buschigen, weißen Schnauzer: „Ohne das Essen und die Besuche von Maribel und Liliana wüsste ich nicht, was ich tun soll“, erklärt er. Vor drei Jahren ist sein Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, seitdem hat er keine Angehörigen mehr.

Für mehr als 80 Empfänger reicht das Geld des Zentrums nicht. „Der Bedarf ist höher als die uns zur Verfügung stehenden Mittel“, erklärt Pfarrer Raimundo Franco, der das CCRD aufgebaut und die Leitung mittlerweile an seine Tochter Rita Morris übergeben hat. Spenden kommen in erster Linie aus Deutschland, Kanada und den USA. Sie ermöglichen die Arbeit des Zentrums, das auch Entwicklungsprojekte in der Landwirtschaft verwirklicht.

Die Senioren rangieren in der sozialen Hierarchie ganz unten

Zwar kümmert sich auch der Staat um seine Rentner. Das christliche Zentrum arbeitet mit den staatliche Sozialarbeitern, dem Altenheim und den zwei Seniorentreffs von Cárdenas zusammen sowie mit den Familienärzten, die in den Stadtvierteln angesiedelt sind. „Aber es fehlt überall an Ressourcen und Personal“, sagt Maribel Domínguez. Sie ist seit elf Jahren beim CCRD beschäftigt; dort verdient sie mehr und die Arbeitsbedingungen sind deutlich besser als im staatlichen System.

Die Senioren sind in der sozialen Hierarchie des Inselstaates ganz nach unten gerutscht. Viele von ihnen verkaufen auf der Straße die Tageszeitung „Granma“, bieten Zigarren und Zigaretten an. So wie Elias Antonio Navarro in Santiago de Cuba. Der 82-Jährige lebt mit seinem Sohn unter einem Dach, wird von der Familie mitversorgt und zieht jeden Morgen mit seinem Schemel hoch zum Markt in der Straße San Agustín. Dort verdient er sich mit dem Zigarettenverkauf etwas zu seiner Rente von rund 230 Peso dazu. „Für die kleinen Extras“ sagt der kahlköpfige Senior und grinst.

Nur wenige arbeiten länger, weil es ihnen Spaß macht

Miguel Salcines hingegen freut sich über die neue Form der Rentenberechnung. Er hat lange im Agrarministerium gearbeitet, bis er die Genossenschaft Vivero Alamar gegründet hat, deren Präsident er heute ist. Dort verdient er besser als beim Staat. Vivero Alamar betreibt in Havannas Stadtteil Alamar einen Stadtgarten mit elf Hektar Anbaufläche. Dort werden Lebensmittel für die Nachbarschaft produziert – von Salat über Yucca und Süßkartoffeln bis zu Tomaten und Kräutern. Ein erfolgreiches Projekt, das den Genossen faire Löhne zahlt und gute Umsätze mit Prämien honoriert. Salcines kann deshalb mit 1500 Peso monatlich aus der Rentenkasse kalkulieren.

Das sind umgerechnet gut 50 Euro, und obendrein hat der 67-Jährige Verwandte in den USA, die ihn bei Bedarf unterstützten. Das Privileg weiß er zu schätzen, die Präsidentschaft im Vivero Alamar hat er aber nach wie vor inne. Er arbeitet wie viele andere Genossen nach dem Renteneintritt weiter. „Mir macht es Spaß, viele andere sind jedoch auf die zusätzlichen Pesos angewiesen, um über die Runden zu kommen“, sagt Salcines.
Alltag in Kuba, wo Rentner auch als Parkwächter, Portiers oder als Gärtner arbeiten, um die Rente aufzubessern. Augustín Figueroa hat 30 Jahre als Fahrer, dann als Gärtner in einem der großen Hotels von Varadero gearbeitet. Weil die Rente nicht reicht, kümmert sich der 74-Jährige nun um den Garten des christlichen Zentrums CCRD. Dort ist Juan mit seinem Lastenfahrrad gerade wieder eingetroffen. Nun bringt er die Henkelmänner zum Spülen in die Küche, morgen wird er dann zum ersten Mal allein mit seiner rollenden „Cantina“ auf den Straßen von Cárdenas unterwegs sein – im Dienste der Senioren

Bert Bastians ist freier Journalist. Der Name ist ein Pseudonym, der Autor ist der Redaktion bekannt.

erschienen in Ausgabe 11 / 2017: Süd-Süd-Beziehungen: Manchmal beste Freunde

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben