Steinbrüche in Indien

Im Staub versunken

Mit einem Tuch versucht dieser Arbeiter, sich gegen den Staub zu schützen, der beim Zerkleinern der Gesteinsbrocken entsteht.
Tausende Arbeiter in indischen Steinbrüchen sterben an Silikose, weil sie Steinstaub einatmen. Ein Entwicklungsprojekt, das sie davor schützen sollte, ist gescheitert. Ein Erklärungsversuch.

Norbert Wagner steht mitten in einem Steinbruch in Zentralindien. Der 59-Jährige zückt sein Handy und macht Fotos: von rostigen Metallplatten, verbogenen Leitungen, von Schrott, den grauer Staub bedeckt. „Das hätten wir so leicht verbessern können“, sagt er und schüttelt den Kopf. Ein Konstruktionsfehler hat verhindert, dass die Absauganlage das tut, was sie sollte: den Staub verringern und die Arbeiter schützen.

Der Arbeitsmediziner Wagner war an einem 2005 begonnenen Projekt der – damals noch – Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) beteiligt. Ziel war es, die Arbeitsprozesse in indischen Steinbrüchen zu untersuchen und die Risiken für Mensch und Umwelt langfristig zu verringern. Dafür führten die Forscher Befragungen und Gesundheitschecks durch, sie nahmen Luft-, Wasser- und Bodenproben. Den Staub, den sie bald als Hauptproblem identifizierten, untersuchten sie zudem auf Siliziumoxid, das eine tödliche Lungenkrankheit auslösen kann: die Silikose.

Als Projektstandort wurden drei Steinbrüche und zwei Dörfer in der Region Tikamgarh, Bundelkhand im Bundesstaat Madhya Pradesh ausgewählt, eine der ärmsten Gegenden Indiens. In dem Staat wurden allein 2015 mehr als 600 Bergbaulizenzen vergeben – die Zahl der illegalen Steinbrüche dürfte aber weit höher liegen. 2006 übernahm die kanadische Entwicklungsagentur „International Development Research Centre“ (IDRC) die Finanzierung des Projektes. Verwirklicht wurde es von „Development Alternatives“, einem sozialen Unternehmen aus der Hauptstadt Neu-Delhi, sowie der Universität Chennai in Südindien, an der Norbert Wagner damals als GTZ-Ortskraft beschäftigt war. 

Heute, acht Jahre nach dem Ende des Projektes, will sich Wagner auf eigene Faust anschauen, was von den Bemühungen und den Maschinen geblieben ist – etwa von diesem Filtergerät, das als Gehäuse für eine Maschine dienen sollte, die Geröll zu feinem Schotter verarbeitet. Damit er Zugang zu den Steinbrüchen erhält, dürfen Orte und Namen der Anlagenbesitzer nicht genannt werden. Der Manager eines Steinbruches sagt, die Absauganlage habe für etwa zehn Monate „einwandfrei“ funktioniert. Dann versagte das Schüttelsieb. Auch die beiden anderen Maschinen sind heute außer Betrieb: Bei Nummer zwei senkten sich die Absaugrohre, die dritte wurde nie installiert.

"Das wäre in keinem europäischen Land zulässig"

Wagner schaut sich die Zerkleinerungsanlage an, die nun ohne die Schutzvorrichtung auskommen muss. Sie rattert laut – hier entsteht aus dem abgebauten Dolerit-Gestein der Schotter, mit dem indische Straßen unterlegt werden. Nach ein paar Minuten trübt grauer Staub die Sicht ein. Die umstehenden Arbeiter tragen Tücher um Mund und Nase. „Das wäre in keinem europäischen Land zulässig“, sagt Wagner. Auf die Frage, ob es Kontrollen vonseiten der Behörden gibt, antwortet einer der Anlagenbesitzer, die Vertreter der Umweltbehörde seien streng. „Der von der Gesundheitsbehörde kommt immer nur, um sich sein Geld abzuholen.“

An der Zerkleinerungsanlage knirscht es bereits zwischen den Zähnen. Dabei ist der Staub, den man sehen und spüren kann, nicht der gefährlichste. „Es sind die unsichtbaren Staubteilchen, die die Lunge zerstören“, sagt Wagner. Am schädlichsten ist der Quarzstaub mit dem Bestandteil Siliziumoxid, aus dem Dolerit bis zu fünf Prozent besteht. Kristallines Siliziumoxid ist kleiner als fünf Mikrometer – etwa ein Zehntel eines Sandkorns. Laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung kann es beim Menschen Krebs erzeugen. Schätzungen zufolge sind in Indien rund zehn Millionen Bergarbeiter dem Quarzstaub ausgesetzt; in der Projektregion übertrifft seine Konzentration laut den Erkenntnissen aus dem Projekt alle zulässigen Grenzwerte. 

Norbert Wagner war Ortskraft bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Nach acht Jahren schaut er sich an, was von seinem Projekt in Tikamgarh geblieben ist: eine kaputte Absauganlage. Petra Sorge
Wird er eingeatmet, lagert er sich in den Lungenbläschen ab. Dort bildet das Gewebe Narben, verdickt und verliert so seine Fähigkeit zum Sauerstoffaustausch. Es ist ein schleichender kontinuierlicher Entzündungsprozess – eine Berufskrankheit von Steinbruch- und Bergarbeitern weltweit, die sich Silikose nennt. In Indien ist sie meldepflichtig. Silikose-Patienten leiden an Husten, Atemnot. Nach Jahren sterben sie unweigerlich daran.

In Sitapur, einem Dorf in der Steinbruchregion, bestätigt der Priester Hari Ram: „Unsere Lungen sind verstopft, viele werden krank, manche sterben.“ Der Boden um Sitapur sei zu karg und steinig, um ihn großflächig zu bewirtschaften, erzählt der 67-Jährige. Deshalb müssten rund 70 Prozent der Dorfbewohner in den Tagebauen schuften.  „Wer älter als 50 ist“, ergänzt ein Steinbrucharbeiter, der  anonym bleiben möchte, „hat fast immer Atembeschwerden. Wir wissen eigentlich nie wirklich, woran wir leiden, wenn wir einen Arzt besuchen.“ Priester Ram sagt, sein Dorf werde von der Tuberkulose heimgesucht. Von Silikose erwähnen sie nichts.

Auf Röntgenbildern ließen sich Tuberkulose und Silikose kaum unterscheiden, erläutert Wagner. „Besonders dann, wenn der Arzt nicht nach der Vorgeschichte, also der Staubbelastung fragt. Ganz sicher kann man Silikose nur durch zusätzliche Untersuchungen diagnostizieren.“ Er und sein Team untersuchten ihre Patienten damals aber nicht darauf: „Sollten wir den Menschen sagen, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leiden – die Untersuchung für sie nutzlos war und wir ihnen nicht helfen können?“

Laut den ethischen Richtlinien für Forschungsprojekte in stark benachteiligten Regionen, die der Rat für Internationale Organisationen der medizinischen Wissenschaft CIOMS und die Weltgesundheitsorganisation WHO erarbeitet haben, sollen die Menschen einen direkten Nutzen von einer Teilnahme haben. Das wäre laut Wagner nur der Fall gewesen, wenn es für die Diagnose der Berufskrankheit Silikose eine Entschädigung gab, wie sie etwa der Bundesstaat Rajasthan an Betroffene zahlt. Dort haben anerkannte Silikosekranke Anspruch auf eine einmalige Zahlung von umgerechnet 1300 Euro, im Todesfall erhält die Familie 4000 Euro. In Madhya Pradesh gibt es solche Regelungen nicht. Die Kampagne für den Schutz von Minenarbeitern kämpft seit Jahren dafür, dass auch andere Staaten einen Ausgleich an Betroffene zahlen. Eine Musterklage ist derzeit beim Obersten Gerichtshof Indiens anhängig.

Atemprobleme? Das gab es in Bhojpura angeblich noch nie

In Bhojpura will Gemeinderatsvorsteher Rupesh Rai von den Gefahren des umliegenden Tagebaus nichts wissen. „Wenn es Probleme gibt, dann helfen die Minenbesitzer, wo sie können, sie zahlen auch für Behandlungen.“ Knapp zwei Drittel der Einwohner leben vom Hämmern, Hauen und Steine schleppen. Rai erzählt, die Anlagenbesitzer verabreichten den Arbeitern „Gur“, einen Sirup aus Zuckerrohr. In den Steinbrüchen hält sich die Legende, dass die klebrige Melasse den Staub im Hals auffängt. „Völlig nutzlos“, sagt Wagner, „das eine geht die Speiseröhre runter, das andere in die Luftröhre.“ Rai sagt, ein Arbeiter, der abends nach der Schicht an Atemproblemen leide, könne keine Ansprüche an den Steinbruch geltend machen. „Aber wir hatten hier noch nie so einen Fall“. Dasselbe behaupten auch zwei Anlagenbesitzer.

Murti Devi hat das anders erlebt. Sie habe ihren Mann an den Staub verloren, sagt die Frau im orangefarbenen Sari. „Er arbeitete zwei Jahre im Steinbruch. Er schützte sich mit einem Tuch vor dem Mund.“ Irgendwann begann sein Husten, der sich mit keiner Medizin bekämpfen ließ. Er verlor den Appetit, hatte Schmerzen beim Trinken, spuckte Blut. Die Ärzte in Jhansi, der nächstgelegenen Großstadt, konnten ihm nicht mehr helfen. Die genaue Diagnose kennt Devi bis heute nicht.

Im Bundesstaat Madhya Pradesh gibt es laut offiziellen Statistiken nur 3000 Fälle von Silikose. Überraschend wenig bei so vielen Bergarbeitern. 2009 fand eine nationale Konferenz zu den Gefahren des Siliziumoxids statt, auf der auch Norbert Wagner seine Erkenntnisse vorstellte – doch offenbar ohne dauerhafte Resonanz, wie ein Besuch in der Klinik von Jhansi zeigt. Chefarzt Suresh Singh bestätigt zwar, neben den Krankheiten, die durch verunreinigtes Wasser hervorgerufen werden, seien Lungenkrankheiten tatsächlich das zweithäufigste Problem in der Region. Er spricht von Asthma, Bronchitis, obstruktiven Atemwegserkrankungen, Tuberkulose. Und Silikose? „Vielleicht gibt es sie, vielleicht nicht“, sagt Singh, „wir haben aber nicht die richtigen Geräte, um danach zu suchen.“

Die Ärzte scheuen bei ihren Diagnosen die Bürokratie

Wer aus den Minen komme, werde häufig mit einer interstitiellen Lungenerkrankung (ILD) diagnostiziert, erklärt sein Kollege, der Lungenspezialist Rajiv Kumar. Dabei handelt es sich um eine ganze Gruppe von Erkrankungen, bei denen die Lungenbläschen beschädigt sind. Silikose zählt dazu. „Der Unterschied ist, dass ILD nicht meldepflichtig ist“, sagt Norbert Wagner, „die Silikose aber schon. Indem sie das nicht weiter diagnostizieren, sparen sich die Ärzte jede Menge Bürokratie, Gutachten und Aussagen vor Gericht. Sie müssen sich so gar nicht erst mit den Eigentümern der Steinbrüche anlegen.“

Autorin

Petra Sorge

ist freie Journalistin in Berlin. Sie hat als Medienbotschafterin der Bosch-Stiftung einige Zeit in Indien verbracht.
Das wollten auch die Entwicklungshelfer nicht. Im IDRC-Abschlussbericht heißt es zum Thema Silikose, die Untersuchung sei auch wegen der „Empfindsamkeiten der Anlagenbesitzer“ verworfen worden. Die Diagnose einer meldepflichtigen Krankheit hätte womöglich die Behörden auf den Plan gerufen und den einen oder anderen Eigentümer in Erklärungsnot gebracht. Immerhin erkannten sie: Um die Arbeiter vor den krank machenden Partikeln zu schützen, muss man den Staub „einfangen“. So kam es zu der Idee mit den Absauganlagen – die nun alle defekt sind.

Der Ingenieur der Filteranlagen, George Shailender, entschuldigt sich: „Ich kam damals direkt von der Uni.“ Inzwischen hat er die Technik verbessert und ist erfolgreicher Unternehmer. Das Geschäft boomte von 2010 bis 2013. Er installierte fast 150 Filteranlagen. „Wir haben den Staub an einigen Orten um bis zu 90 Prozent reduzieren können.“ Denn in Madhya Pradesh gab es staatlichen Druck auf die Steinbrüche: Während die Gesundheitsbehörden nichts von Silikose hören wollen, sorgten sich die Umweltbeamten wenigstens um die Pflanzenwelt. Andere Bundesstaaten folgten diesem Beispiel allerdings nicht; und so musste er die Filterproduktion wieder einstellen.

Shailender sagt, er hätte auch die Maschinen in Tikamgarh gerne nachträglich gewartet. Aber sein Arbeitgeber Development Alternatives ließ ihn nicht mehr in die Region reisen. Fragen zu dem Projekt haben die Verantwortlichen nicht beantwortet. Und Kanadas Entwicklungsagentur antwortete auf die Frage, ob nachträgliche Wartungen bezahlt wurden: „Mit der Erfüllung des Projektzeitplans endete auch die Förderung durch das IDRC.“ Langzeit-Evaluation: Fehlanzeige.

Die Recherche in Indien wurde vom European Journalism Center unterstützt und von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert. Mitarbeit: Sunaina Kumar und Julia Wadhawan.

erschienen in Ausgabe 11 / 2017: Süd-Süd-Beziehungen: Manchmal beste Freunde

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