Kommunale Entwicklungszusammenarbeit
Flosel Piad-Almirante koordiniert die Klimapartnerschaft in Dumangas.
Kommunale Entwicklungszusammenarbeit

Städte helfen sich gegenseitig

Entwicklungszusammenarbeit ist in Deutschland nicht nur eine Sache der Regierung in Berlin. Auch viele Kommunen engagieren sich und haben Partnerschaften mit Gemeinden im Süden und im Osten. Vier Beispiele.

Klimaschutz in zwei Welten

Seit 2015 sind die Städte Herdecke in Nordrhein-Westfalen und Dumangas auf den Philippinen in einer Klimapartnerschaft verbunden. Schwerpunkte der Zusammenarbeit sind die Förderung erneuerbarer Energien und der Energieeffizienz, klimaschonende Mobilität, Anpassung an die Folgen des Klimawandels, Umweltbildung sowie Katastrophenschutz. „Die Ausgangslage in Herdecke und Dumangas ist sehr unterschiedlich, dennoch sind die Probleme häufig vergleichbar“, sagt Jörg Piontek-Möller, der Klimaschutzbeauftragte in Herdecke und Koordinator der Klimapartnerschaft. „Dumangas kann aus Fehlern, die im Ruhrgebiet gemacht wurden, lernen.“ So sei dort geplant, Flüsse möglichst schonend zu kanalisieren, um Fehler wie im Ruhrgebiet zu vermeiden, die jetzt im Rahmen einer Renaturierung von Flüssen und Bachläufen korrigiert werden.

Auch Herdecke profitiert von den Erfahrungen aus Dumangas, etwa im Umgang mit Naturkatas-trophen und der Bereitstellung von Informationen für die Bürger. Die  Klimapartner haben zudem begonnen, in der Landwirtschaft in Dumangas Diesel- durch Solarpumpen zu ersetzen – ein Projekt, das die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt finanziert. In beiden Städten hat die Partnerschaft das Problembewusstsein für den Klimaschutz und für ganzheitliche Lösungen gesteigert. So dient das Projekt mit den Solarpumpen nicht nur dem Klimaschutz, sondern die Bauern sparen auch Geld dabei, was ihre Lebensbedingungen verbessert.

Wie lernt man Nachhaltigkeit?

Der Wolfsburger Oberbürgermeister Klaus Mohrs (zweiter von links) und seine Mitarbeiter lassen sich von zwei Vertreterinnen der Servicestelle Kommunen in der Einen welt beraten. Stadt Wolfsburg
Die Städtefreundschaft zwischen Wolfsburg in Niedersachsen und Sarajewo in Bosnien und Herzegowina besteht seit 1985. Seit gut einem Jahr beteiligen sich die beiden Städte zudem an der Pilotphase des Projektes „Kommunale Nachhaltigkeitspartnerschaften“ der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt. Das Ziel: die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung auf lokaler Ebene verankern. Das geschieht unter anderem über die Schulen: In beiden Kommunen werden Bildungsangebote geschaffen, die die Themen der Agenda 2030 aufgreifen und Schülerinnen und Schüler einbinden.

In Wolfsburg geht es zum Beispiel um die sogenannte Kreislaufwirtschaft, in der Ressourcen soweit es geht wiederverwendet werden. In Sarajewo wiederum wird Lehrmaterial zu den Themen Wasser- und Energieverbrauch erarbeitet. Es geht in der Zusammenarbeit also um Bildung für nachhaltige Entwicklung. In beiden Kommunen sollen die Bürger und Bürgerinnen auf diese Weise für den Nutzen internationaler kommunaler Partnerschaften und die Beachtung der globalen Nachhaltigkeitsziele sensibilisiert werden.

Schwaben und Algerier bauen eine neue Stadt

Pläne für eine ganz neue Stadt: Einmal im Jahr kommen die Projektteilnehmerinnen aus Algerien zum Erfahrungsaustausch nach Sindelfingen.Stadt Sindelfingen
Im Herbst 2016 reiste eine Delegation aus Sindelfingen in Baden-Württemberg nach Annaba Draâ Errich in Algerien. Erste Kontakte wurden geknüpft, eine weitere Zusammenarbeit vereinbart. Seit diesem Auftakt begrüßen die  Baden-Württemberger die Gäste aus Annaba Draâ Errich jährlich in ihrer Stadt. Bei diesen Treffen geht es um das gemeinsame Projekt der beiden Kommunen: Westlich von Annaba soll eine neue Stadt gebaut werden, in der 240.000 Menschen eine neue Heimat finden sollen: Draâ Errich. Die neue Stadt wird im Sinne einer sogenannten Smart City entwickelt: Grünanlagen sollen ein angenehmes Stadtklima schaffen, die Energieversorgung soll aus erneuerbaren Quellen gespeist und die städtische Infrastruktur intelligent vernetzt werden.

Beteiligt sind an diesem Vorhaben neben den städtischen Behörden auch Verbände und Vereine der Zivilgesellschaft sowie Investoren, Bauträger und Bauunternehmen. Bei den Besuchen in Deutschland tauschen die Gäste aus Algerien sich mit Fachleuten aus der städtischen Verwaltung und den kommunalen Versorgern aus. Es geht um Stadtplanung, Wasserversorgung und Abwasserbehandlung, Planung von Grünanlagen und eine nachhaltige Energiegewinnung. Das nutzt auch den deutschen Partnern: Sie erhalten Einblicke in die Verwaltungsstrukturen und Entscheidungswege in Algerien.

Entwicklungshilfe aus Nordhessen

Der Gudensberger Bürgermeister Frank Börner (vorne, zweiter von rechts) und seine Verwaltung helfen in der Ukraine. Elisa Mand
Gudensberg liegt im Norden Hessens, Schtschyrez im Westen der Ukraine. Ungefähr auf halber Strecke zwischen beiden Kommunen liegt ihre gemeinsame Partnerstadt Jelcz-Laskowice in Polen. Dort haben die Hessen und die Ukrainer sich 2012 bei einem Treffen kennengelernt, und dort begann ihre Zusammenarbeit, die sie vor zwei Jahren mit einer Partnerschaftsurkunde besiegelt haben. Die Gudensberger wollen ihren ukrainischen Partnern beim Aufbau einer modernen Kommunalverwaltung helfen. 2017 hat sich Schtschyrez im Rahmen der staatlichen Dezentralisierung der Ukraine mit 16 Dörfern zu einer Großgemeinde mit mehr als 10.000 Einwohnern zusammengeschlossen. Gudensberg kann hier seine Erfahrungen aus der deutschen Gebiets- und Verwaltungsreform der 1970er Jahre einbringen.

Im vergangenen Jahr haben die beiden Städte ihre Beziehungen vertieft. Ein Vorhaben zur Verbesserung der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in Schtschyrez wurde gestartet, und auch bei der Gründung der freiwilligen Feuerwehr dort haben die deutschen Partner geholfen. Solche Entwicklungspolitik ist für kleinere Kommunen wie Gudensberg kein Alltagsgeschäft. Die Nordhessen zeigen aber mit ihrem Engagement, dass sie viel bewirken und zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bürger von Schtschyrez beitragen können.

erschienen in Ausgabe 4 / 2018: Globale Politik von unten

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