"Man schenkt uns Gehör"

Bewegungsmelder
Wir fragen Menschen aus der Szene, was sie motiviert und wo sie an Grenzen stoßen. Dieses Mal: Eva-Maria Hartmann vom Verein „erlassjahr.de – Entwicklung braucht Entschuldung“.

Wie sind Sie zu dem Thema „Entwicklung braucht Entschuldung“ gekommen?
Zunächst über meinen Beruf. Als ehemalige Lehrerin bin ich seit vielen Jahren im Globalen Lernen aktiv. So habe ich für die Deutsche UNESCO-Kommission die inzwischen rund 300 UNESCO-Projektschulen koordiniert. Den Ausschlag gab aber eine Ausstellung „Geschichten der Schuldenkrise“, die der Verein „erlassjahr.de“ auf Einladung unseres örtlichen Weltladens in Schorndorf zeigte. Ich fand sie hervorragend anschaulich aufbereitet und konnte gar nicht fassen, dass sie von nur drei Personen eines kleinen Vereins konzipiert und organisiert worden war. Da wollte ich gerne mithelfen.

Worin sehen Sie die Stärke Ihres Vereins?
Wir haben heute um die 600 Trägerorganisationen, unter anderem Brot für die Welt und Misereor, die sich für das Ziel unserer Lobbyarbeit einsetzen: ein geregeltes Insolvenzverfahren, welches es Staaten ermöglicht, aus der Schuldenkrise herauszukommen, ohne dass die Bevölkerung völlig verarmt. Da wir gut mit verschiedenen Ministerien und auch mit internationalen Verbänden und Organisationen vernetzt sind, schenkt man uns zunehmend Gehör.

Führt mehr Dialog denn auch zu Verbesserungen?
Leider nein. Die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft geben sich offen für unser Anliegen und nehmen sich durchaus Zeit für uns. Aber sobald es ernst wird – wie etwa im Juli 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg – gehören sie doch zu den Bremsern und stimmen entsprechend gegen Entschuldungsinitiativen.

Was war bislang Ihr größter Erfolg?
Der liegt schon viele Jahre zurück. Zum Kölner G8 Gipfel 1999 setzten sich weltweit Millionen Menschen für einen Schuldenerlass für die ärmsten Staaten ein. Und siehe da: Erstmals erließen IWF und Weltbank einigen Ländern tatsächlich Schulden.

Wie schätzen Sie aktuell die Erfolgsaussichten ein?
Leider steuern wir auf eine ähnliche Schuldenkrise zu wie in den 1980er Jahren, als der weltweite Ruf nach einem Schuldenschnitt erstmals aufkam. Allerdings ist die Situation heute komplizierter, weil nicht mehr nur IWF und Weltbank, sondern aufgrund der Niedrigzinskrise auch viele private Banken Kredite an Entwicklungs- und Schwellenländer vergeben. Nach unserem gerade veröffentlichten Schuldenreport sind 119 von 141 Staaten kritisch verschuldet, das heißt sie steuern auf die Zahlungsunfähigkeit zu; 13 Staaten mussten die Rückzahlung ganz oder teilweise einstellen. Da in der Regel vor allem bei Bildungs- und Gesundheitsausgaben gekürzt wird, tragen so gut wie immer die Armen die Last der Einschnitte.

Das Gespräch führte Barbara Erbe.

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erschienen in Ausgabe 5 / 2018: Müllberge als Goldgruben
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