Herausgeberkolumne
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Sorge um das gemeinsame Haus

Der Ruf nach gemeinsamer, aber unterschiedlicher Verantwortung für unsere Erde lässt sich nur in die Tat umsetzen, wenn auch die Bedürfnisse der Armen berücksichtigt werden, meint Pirmin Spiegel.

Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer von Misereor.
Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einmal satt. Lehre ihn fischen und er wird nie wieder hungern.“  Diese chinesische Weisheit ist bekannt. Aber ist es heute garantiert, dass er nie wieder hungern muss, wenn hochgerüstete internationale Fangflotten die Fischgründe plündern und die Ozeane so warm werden, dass die Fische sterben? Was, wenn er vor Herausforderungen steht, die er durch eigene Anstrengungen nicht bewältigen kann, weil die Ursachen für seine Probleme nicht in seinem Umfeld liegen?

Als Misereor vor 60 Jahren gegründet wurde, lagen die Schrecken des Zweiten Weltkriegs gerade einmal 13 Jahre zurück. Der wirtschaftliche Aufstieg setzte sichtbar ein; Deutschland wurde schon bald zu einem der wohlhabendsten Länder der Erde. Heute wissen wir, dass unser Wohlstand nicht allein auf eigenem Fleiß und Können beruht. Wie andere Industrienationen profitierte und profitiert Deutschland davon, dass es soziale und ökologische Kosten seiner Entwicklung systematisch auslagert. So werden Rohstoffe, die wir einführen und nutzen, in Ländern wie Peru oder Kolumbien oft unter großen Schäden für die Umwelt gewonnen.

Die Lebenswelten im Norden des Planeten lassen sich von den Lebenswelten im globalen Süden nicht trennen. Wir „hier“ sind durch unseren Lebensstil Teil des Problems „dort“. Doch wenn alles miteinander in Beziehung steht, bedeutet das nicht gleichzeitig, dass wir alle, hier und dort, auch Teil der Lösungen sein können? „Eine interdependente Welt“, schreibt Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Sí“, „bedeutet nicht einzig und allein zu verstehen, dass die schädlichen Konsequenzen von Lebensstil, Produktionsweise und Konsumverhalten alle betreffen, sondern es bedeutet in erster Linie, dafür zu sorgen, dass die Lösungen von einer globalen Per­spektive aus vorgeschlagen werden.“ Die Interdependenz verpflichte uns, so Franziskus, an einen gemeinsamen Plan zu denken. Wie kann der aussehen?

Bei den UN-Klimaverhandlungen geht es seit einiger Zeit um das „Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung“. Dieses soll zum einen der Tatsache Rechnung tragen, dass wir ein „gemeinsames Haus“, die Erde, bewohnen und deshalb alle dafür „Sorge tragen müssen“, wie es Papst Franziskus in „Laudato Sí“ so wunderbar formuliert hat. Zum anderen berücksichtigt das Prinzip auch, dass wir in unterschiedlichem Maß und auf unterschiedliche Weise an den Ursachen der Probleme Anteil haben und entsprechend auch in unterschiedlichem Maß über Möglichkeiten zu ihrer Behebung verfügen. Der Entwicklungsökonom Mohan Munasinghe aus Sri Lanka hat die Situation armer Länder mit geringem CO2-Ausstoß mit der von Schwellenländern mit stark steigenden Emissionen und der von reichen Ländern mit hohem CO2-Ausstoß verglichen. Er empfiehlt, dass die reichen Länder ihren viel zu hohen CO2-Ausstoß massiv reduzieren. Gleichzeitig müsse akzeptiert werden, dass in armen Ländern zugunsten von wirtschaftlicher Entwicklung zur Armutsbekämpfung vorläufig noch weitere sogenannte Umweltkosten entstehen. Schwellenländer hingegen stehen nach Munasinghe vor der Aufgabe, alternative Entwicklungspfade zu beschreiten, bei denen Wohlstandsgewinne nicht wie bei den früh industrialisierten Ländern mit Umweltschäden verbunden sind.

Wie schwierig es ist, die Forderung nach einer gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung in die Tat umzusetzen, zeigt sich in Ozeanien. Durch den Anstieg des Meeresspiegels steht den Menschen auf Inselstaaten wie Vanuatu das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Sie leiden bereits massiv unter den Auswirkungen des Klimawandels, ohne selbst viel dazu beigetragen zu haben. Der große Nachbar Australien hingegen gehört mit seinen riesigen Kohleminen zu den Top 20 der CO2-Verursacher weltweit.

Ein hoffnungsvolles Zeichen, dass sich hier ein Bewusstseinswandel vollzieht, ließ bei der Vollversammlung der ozeanischen Bischofskonferenzen in Papua-Neuguinea im Frühjahr aufmerken: Zum ersten Mal standen die Auswirkungen des Klimawandels auf der Agenda, zum ersten Mal war mit Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ein externer europäischer Berater eingeladen worden, und zum ersten Mal wurde über die Perspektiven gesprochen, die in der Enzyklika „Laudato Sí“ aufgezeigt werden – aus Sorge um das gemeinsame Haus.

erschienen in Ausgabe 7 / 2018: Vormarsch der starken Männer

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