Die deutsche Entwicklungshilfe nimmt Ältere kaum in den Blick

Das Thema alte Menschen ist ein blinder Fleck in der deutschen Entwicklungsarbeit. So sieht es jedenfalls die nichtstaatliche Organisation Help Age, die sich speziell für alte Menschen einsetzt. Das Angebot an Projekten für diese Gruppe sei in der deutschen Entwicklungsarbeit mager, sagt Michael Bünte, der Vorstand von Help Age Deutschland. Es sei schwierig, Geldgeber für entsprechende Projekte zu finden. Dabei hat sich auch Deutschland verpflichtet, ältere Menschen weltweit zu fördern und ein Altern in Sicherheit und Würde zu ermöglichen. So steht es im zweiten Weltaltenplan, den 159 Staaten 2002 verabschiedet haben. Rechtlich bindend sind die Verpflichtungen dieses Plans allerdings nicht.

Es ist jedoch entwicklungspolitisch sinnvoll, alten Menschen zu helfen. Sie sind besonders in Afrika wichtige Stützpfeiler vieler Gesellschaften. So kümmern sich Großeltern oft um die Enkel, weil deren Eltern weit entfernt arbeiten oder an Aids gestorben sind. Help Age hat zum Beispiel 2003 mit Partnern ein Projekt in Tansania gestartet, bei dem Menschen ab 65 Jahre eine monatliche Grundrente von umgerechnet knapp vier Euro erhalten - und rund zwei Euro zusätzlich für jedes Kind, das sie versorgen. Eine Studie über das Projekt hat ergeben, dass das Geld für Seife oder Kochsalz ausgegeben wurde oder den Schulbesuch der Enkel gesichert hat. Extreme Armut werde so verhindert.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) stuft Sozialtransfers mittlerweile als wichtige Hilfe für Ältere ein. In Sambia hat sie sich an der Durchführung eines Projekts zur Grundsicherung für „überlebensgefährdete" Haushalte beteiligt. Insbesondere alten Menschen kämen diese Zahlungen zugute. Die sambische Regierung wandelt das Projekt laut GTZ nun in ein nationales Programm um.

Das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) nennt die Alterssicherung ein „Zukunftsthema" und will den Aufbau von Rentensystemen im Süden fördern. GTZ-Mitarbeiterin Sanna Stockstrom weist darauf hin, dass staatliche Rentensysteme in Entwicklungsländern nur eine Säule der Alterssicherung sein könnten. Denn viele Menschen arbeiten dort im informellen Sektor und würden von solchen Systemen nicht profitieren. Sie haben auch nicht das nötige Einkommen für eine private Alterssicherung. Sozialtransfers seien deshalb wichtig. Zudem müsse es jungen wie älteren Menschen ermöglicht werden, trotz geringem Einkommen eine Krankenversicherung abzuschließen. Für jedes Land muss ein Sozial- und Rentensystem entwickelt werden, das den jeweiligen finanziellen Möglichkeiten entspricht, betont Matthias Zeeb, der seit März für die GTZ zum Thema „Ältere Menschen als Zielgruppe der Entwicklungszusammenarbeit" arbeitet.

Ein Pionier auf dem Gebiet der „sozialen Seniorenarbeit" ist Caritas international. Seit 30 Jahren baut das katholische Hilfswerk Pflegedienste auf, bildet für die häusliche Altenhilfe aus und unterstützt Selbsthilfegruppen - besonders in Osteuropa und Lateinamerika. Ein Schwerpunkt sei zudem, alte Menschen über ihre Rechte aufzuklären und sie zu ermutigen, sich für diese einzusetzen, sagt Christine Decker von Caritas. Die Qualifizierung von alten Menschen trage dazu bei, dass sie sich trotz des Alters ein wenig Geld verdienen könnten.

Andere Hilfswerke räumen ein, dass ihre Arbeit nicht explizit auf alte Menschen ausgerichtet ist. Sie verweisen aber darauf, dass diese Gruppe dennoch erreicht werde. Besonders trifft das auf die Christoffel Blindenmission zu. Sie unterstützt weltweit jährlich über 673.000 Operationen am Grauen Star. Die Patienten sind überwiegend alte Menschen, sagt Pressesprecher Wolfgang Jochum. Nach erfolgreicher Behandlung könnten sie der Familie wieder helfen und seien keine Belastung mehr.

Misereor hat 1998 die Initiative „einfach anders altern" ins Leben gerufen, um ältere Menschen in Deutschland für Entwicklungsarbeit zu begeistern. Daraus seien Projekte für alte Menschen in Entwicklungsländern entstanden, sagt Jörg Siebert, der die Initiative begleitet hat. Laut Siebert ist an die Stelle von „einfach anders altern" inzwischen der Aktionskreis „Eine-Welt-Arbeit im Dritten Lebensalter" getreten, der sich ebenfalls mit menschenwürdigem Altern in armen Ländern befasst und in die Projektarbeit von Misereor eingebunden ist.

In der Spendenwerbung praktisch aller Werke dominieren aber Kinder, denn Kinderaugen fördern die Spendenbereitschaft am stärksten. Alte Menschen tauchen auf den Plakaten der Hilfswerke selten auf. Das stützt das Bild von ausschließlich „jungen" Entwicklungsländern; ein Bewusstsein für die Not alter Menschen entsteht so nicht. Um die Zahl der Armen weltweit bis 2015 zu halbieren, muss laut Michael Bünte aber auch die Lage von Millionen alter Menschen verbessert werden. Wenn der Weltaltenplan im Jahr 2010 seinen zehnten Geburtstag begeht, wird das keine Feierstunde, prognostiziert er: Das Thema werde zu langsam aufgegriffen, die Bundesregierung müsse es stärker fördern. Sonst, sagt Bünte, „sehen wir irgendwann wirklich alt aus".

Felix Ehring

 

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2009: Alte Menschen: Zu wenig geachtet