Jugend gegen Tribalismus
Shiko Kihika gibt ihren Kampfgeist weiter. Ihr vierjähriger Sohn sei „schon jetzt ein kleiner Aktivist“, sagt sie stolz.
Jugend gegen Tribalismus

„Wir müssen einen Stamm namens Kenia gründen“

Shikoh Kihika glaubt an ein vereintes Kenia, in dem die ethnische Herkunft nebensächlich ist. Ihr Engagement hat sie zum Sprachrohr der Jugend gemacht. Mit ihren Eltern hingegen hat sie es sich verscherzt.

Diesmal haben wir es ihnen gezeigt, oder was meinst du?“ Shikoh Kihika sitzt in einem Matatu-Bus auf dem Weg nach Hause, als der Mann sie in seiner Sprache der Kikuyu anspricht. Am Tag zuvor hat Präsident Uhuru Kenyatta – ebenfalls ein Kikuyu – die Präsidentschaftswahlen in Kenia gewonnen. Für den Mann im Bus ein Zeichen der Überlegenheit seiner Ethnie. Kihika gibt vor, ihn nicht zu verstehen, und als sie ihn bittet, in der Landessprache Kisuaheli zu sprechen, ist er irritiert: „Was meinst du? Von welchem Stamm kommst du? Bist du Luo, Kikuyu, Kalenjin?“ „Ich bin all das zusammen“, antwortet Kihika.

Als Shikoh Kihika diese Geschichte erzählt, sitzt sie in ihrem Büro in Nakuru, von dem aus sie die Organisation Tribeless Youth anführt. Hinter ihr hängen Plakate gegen Diskriminierung, auf den Schreibtischen liegen Faltblätter gegen Polizeigewalt. Es ist ein sehr politisches Haus, neben Tribeless Youth beherbergt es auch eine kenianische Menschenrechtsorganisation.

Shikoh Kihika ist zum wichtigsten Sprachrohr der Jugend in Kenia geworden, wenn es um den Kampf gegen den Tribalismus geht – gegen die Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, die Kenias Gesellschaft spalten. Mit Tribeless Youth möchte sie jungen Menschen zeigen, dass sie das Potenzial haben, ihr Land zu verändern. „Wir müssen die Jugend bestärken, für ihre Standpunkte einzustehen“, sagt Kihika. Mit ihren 26 Jahren weiß sie aus eigener Erfahrung, wie hart die Jugend hier kämpfen muss, um gehört zu werden.

Ein Land mti 42 Ethnien

013 war die Geburtsstunde ihres politischen Engagements. Die Arbeitslosenquote lag bei 40 Prozent, am meisten betroffen waren junge Leute. Nur wenige können sich den Besuch einer weiterführenden Schule oder ein Studium leisten, viele müssen teure Kredite aufnehmen. Und die Politiker und Politikerinnen? Machten Wahlkampf in ihren verschiedenen Sprachen, stundenlang, auf einem nationalen Fernsehsender. „Das hat mich wütend gemacht“, sagt Kihika: „Wie soll ich so jemanden zum Staatsoberhaupt wählen, das die gesamte kenianische Nation vertreten soll?“

Autorin

Lisa Winter

studiert Publizistik und Politikwissenschaft in Mainz. Für ein Praktikum war sie mehrere Monate in Nairobi. Im Sommer 2018 hat sie erneut in Kenia recherchiert.
Offiziell gibt es in Kenia 42 Ethnien. Bisher haben vor allem die vier größten über die Zukunft des Landes bestimmt. Statistiken zufolge sind das die Kikuyus mit 24 Prozent der Bevölkerung, die Luyhas mit 14 Prozent, die Luos mit 13 Prozent und die Kambas mit 12 Prozent. Jede Gruppe hat eine eigene Sprache und eigene Traditionen; Politiker nutzen das aus und betonen in Wahlkämpfen die Interessen ihrer jeweiligen Ethnie. Das ist ein Erbe der britischen Kolonialherrschaft: Die Briten teilten das Land in ethnische Gebiete auf, um es regierbar zu machen und Volksaufstände zu verhindern. Kenianer und Kenianerinnen durften sich nur innerhalb ihrer ethnischen Gruppe politisch organisieren und wurden von der Kolonialregierung teilweise umgesiedelt und räumlich getrennt.

Bis heute führt der Weg in die Politik vor allem über die eigene Ethnie. Die ersten Parteien wurden entsprechend der ethnischen Zugehörigkeit gegründet. Nach den Präsidentschaftswahlen Ende 2007 entlud sich die politische Feindschaft besonders heftig in blutigen Straßenschlachten, Plünderungen und Vergewaltigungen. Insgesamt starben rund 1300 Menschen, 500.000 lebten fortan als Binnenflüchtlinge. Kihikas Heimatstadt Nakuru war mit am stärksten betroffen. Noch Wochen nach der Wahl beherrschten wütende Mobs die Straßen, Luos und Kikuyus setzten gegenseitig ihre Häuser in Brand. Zehn Jahre später, bei den Wahlen im Sommer 2017, haben Politiker die ethnische Karte wieder ausgespielt und in ihren Heimatregionen ihre Zugehörigkeit betont.

Politischer Kampfgeist

Bevor Shikoh Kihika Tribeless Youth gründete, arbeitete sie in einem Einkaufsladen in Nakuru und studierte Public Relations. Als Erstgeborene einer sehr konservativen Familie war sie Aushängeschild und zugleich Vorbild für ihre Geschwister. Als sie mit 22 Jahren schwanger wurde, waren ihre Eltern entsetzt und drohten, sie zu verleugnen. Als Strafe stellten sie die Zahlungen für ihr Studium ein. Heute ist Shikoh Kihikas Sohn vier Jahre alt. „Er ist schon jetzt ein kleiner Aktivist“, sagt sie und strahlt über beide Ohren. Kein Wunder, den politischen Kampfgeist seiner Mutter hat er praktisch in die Wiege gelegt bekommen.

Mit der Gründung von Tribeless Youth sorgte Kihika für den nächsten Schock in ihrem Elternhaus. Ihre Familie gehört zu den Kikuyu, Tribalismus ist seit der Kindheit Teil ihres Lebens: Ihre Eltern haben stets nach ethnischer Zugehörigkeit gewählt, politische Programme spielten keine Rolle. Die Sorge, dass ihre Tochter sich gegen die Regierung auflehnen würde, war groß. „Da der heutige Präsident auch ein Kikuyu ist, warfen sie mir vor, ich würde gegen unsere eigenen Leute kämpfen.“

Doch Kihikas Wut ist stärker. Ihre Stimme wird laut, wenn sie von Diskriminierung erzählt, die sie selbst erlebt hat. Auf der Straße starrten Menschen sie an und fragten sie, ob sie eine Kalenjin sei, sagt sie. Warum? Ihre Zähne seien so weiß, ein Zeichen dafür, dass sie viel Milch trinke, wie das bei den Kalenjin üblich sei. In einer Diskussionsrunde greift ein älterer Teilnehmer sie an: „Von welchem Stamm kommst du, dass deine Eltern dir nicht beigebracht haben, dass der Stamm wichtiger ist als Kenia?“ Immer wieder werfen Kritiker und Kritikerinnen ihr vor, sie verleugne ihre Identität und ihre Wurzeln. Für Kihika aber hat die Ethnie nichts mit ihrer Identität zu tun. Kenia habe durch den Tribalismus seine Kultur und seine Identität verloren. Früher habe das Bewusstsein für die eigene ethnische Gruppe zur kulturellen Entwicklung der Gemeinschaft beigetragen, heute werde es missbraucht, um Kenia politisch zu spalten.

Ein Dialog, wie es ihn vorher nie gegeben hat

Kihika sitzt an ihrem Laptop und klickt sich durch ihre Social-Media-Profile. Rund 7580 Personen folgen dem Hashtag #Tribe­lessYouth, mehr als 33.000 Personen folgen der jungen Aktivistin auf Twitter. Landesweit gehören etwa 150 Aktivisten und Aktivistinnen der Bewegung an. In Zahlen erscheint das nicht viel, für Kihika aber war es wie eine Welle, die über sie und das Land hereingebrochen ist. „Wir haben einen Dialog gestartet, den es so vorher nie gegeben hat. Die Menschen haben angefangen, über ihren Stamm und ihre Identität zu sprechen.“ Das war für sie persönlich der größte Erfolg. Jetzt möchte sie die Jugend aufwecken und ihr zeigen: Es ist Zeit für einen Wandel.

Tribeless Youth soll einen Raum für junge Menschen schaffen, in dem sie lernen, selbstständig zu denken, zu handeln und für ihre Rechte zu kämpfen. Derzeit konzentriert sich ihre Arbeit vor allem auf die 13- und 14-Jährigen, denn sie werden den Ausgang der Präsidentschaftswahl 2022 entscheiden. In Gesprächen und Diskussionen möchte Kihika ihnen zeigen, dass ihre Stimme zählt und wichtig ist. Denn auch in Kenia macht sich Politikverdrossenheit breit. Viele Kenianer und Kenianerinnen, besonders Angehörige kleinerer ethnischer Gruppen, glauben, ihre Stimme sei nichts wert.

Tribeless Youth möchte das ändern. Doch dafür mangelt es noch an Geld. Kihika schlägt sich mit Crowdfunding durch, denn die Regierung unterstützt sie nicht und versucht sogar, Veranstaltungen zu blockieren. „Sie sagen, was wir machen, sei schlecht“, sagt sie, „dabei ist es unser Recht.“ Kihika greift nach einem kleinen grünen Buch: die Verfassung Kenias. Erst 2010 wurde sie reformiert und um einen umfangreichen Grundrechtekatalog erweitert, der unter anderem jegliche Diskriminierung untersagt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. „Wir müssen unsere Verfassung verteidigen“, sagt Kihika, „wir müssen uns vereinigen und einen Stamm namens Kenia gründen.“ Denn wie ein afrikanisches Sprichwort sagt: Ubuntu – I am because you are. Nur gemeinsam sind wir stark.

erschienen in Ausgabe 2 / 2019: Jugend und Bildung

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