China
Ein Uigure und seine Enkeltochter in ihrem Haus in Turpan in der Provinz Xinjiang. Han-Chinesen spähen im Auftrag des Staates das Leben solcher Familien aus.
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Big Brother im eigenen Haus

Chinas Regierung will die Uiguren im Westen des Landes auf Linie bringen – und schickt dazu Chinesen in deren Dörfer. Einige folgen widerwillig, andere glauben an ihre Erziehungsmission.

Häufig erschienen die „großen Brüder und Schwestern“ in Wanderkleidung. Sie tauchten in den Dörfern in Gruppen auf mit prall gefüllten Rucksäcken, in denen elektrische Wasser- oder Reiskocher und andere nützliche Geschenke für ihre Gastgeber steckten. Ihnen war hier, fern von ihrer Heimat, sichtlich nicht ganz wohl bei der Sache, und sie ließen wenig Lust auf das primitive Landleben erkennen. Aber diese „Verwandten“ – so waren sie angewiesen, sich zu nennen – hatten einen Auftrag zu erfüllen. Also traten sie erhobenen Hauptes in die Häuser der Uiguren und machten klar, dass sie so schnell nicht wieder gehen würden.

Die Dorfkinder hörten, wie die Fremden versuchten, in der lokalen Sprache zu grüßen. Sie sahen die schimmernden chinesischen Fahnen und das runde Gesicht von Mao Zedong, das die Fremden sich auf die Brust geheftet hatten, und wussten, was nun von ihnen erwartet wurde: „Ich liebe China“, riefen die Kinder enthusiastisch, „ich liebe Xi Jinping“, Chinas Staatspräsidenten.

Aus Xinjiang, der autonomen Region der überwiegend muslimischen Uiguren im Westen Chinas, sind im vergangenen Jahr immer wieder Berichte nach außen gedrungen über religiöse und kulturelle Unterdrückung und über ein wachsendes Netz von mit Stacheldraht umzäunten Lagern. Peking spricht von Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung. Tatsächlich sind diese Lager eine vielleicht aberwitzige, aber konsequente Ausweitung ihrer jahrzehntelangen Versuche, „Terrorismus, Separatismus und religiösen Extremismus“ auszurotten, den Peking der muslimischen Minderheit in Xinjiang pauschal unterstellt.

Zwar hat es in der Region und darüber hinaus in China spontane Ausbrüche von kollektiver Gewalt und gezielte Terrorakte gegeben. Beides wurzelt in der Verzweiflung der Uiguren über jahrzehntelange Diskriminierung und Verfolgung. Aber die derzeitige Politik der Regierung zur Eindämmung der Gewalt scheint auf der Annahme zu beruhen, die meisten Uiguren seien Extremisten im Wartestand.

Viel ist darüber berichtet worden, dass die Regierung in beispiellosem Umfang Überwachungstechnik einsetzt und andere Länder unter Druck setzt, ihr bei der Zwangsrückführung von im Ausland lebenden Uiguren zu helfen. Weniger beachtet wurde in dieser Kampagne die Mobilisierung von mehr als einer Million Chinesen – überwiegend aus der Gruppe der Han, der großen Mehrheit in China – als Helfer von Militär und Polizei. Sie sollen Indoktrinierung und Überwachung direkt in die Häuser der Uiguren und anderer muslimischer Minderheiten tragen und sich dabei als die älteren Geschwister jener Männer und Frauen präsentieren, die sie dann vielleicht für das Lager bestimmen.

Im Frühjahr 2018 konnte ich als Ethnologe erneut nach Xinjiang reisen, wo ich schon einmal zwei Jahre lang das Zusammenleben von Han und Uiguren untersucht hatte. Ich habe vor allem Han getroffen und interviewt, die zivile Staatsbedienstete sind und in hauptsächlich von Uiguren bewohnten Bezirken und Städten im Süden von Xinjiang leben. Vor und nach meinem Besuch konnte ich über die Erfahrungen der „großen Schwestern und Brüder“ in den Häusern von Uiguren und Kasachen mit rund einem Dutzend Personen reden – Han-Chinesen, die selbst oder deren Familienangehörige solche Besuche gemacht hatten. Ich wollte verstehen, wie unterschiedliche Gruppen von Staatsdienern ihre Rolle im staatlichen Umerziehungsprogramm sehen und weshalb sie daran mitwirken. Natürlich sicherte ich ihnen Anonymität zu. Ich beobachtete auch ihren Umgang mit Minderheiten und untereinander.

Extremistische Hinwendung zum Islam? Uiguren beten in Turpan vor einem Festmahl anlässlich des ­muslimischen Corban-Festes im September 2016. Kevin Frayer/Getty Images
Ihre erste Aufgabe war, den „kleinen Brüdern und Schwestern“ ein Tagesprogramm vorzugeben. Am frühen Morgen traf man sich zum gemeinschaftlichen Singen beim Fahnenappell vor dem Parteibüro des Dorfes, abends standen Kurse über Xi Jinpings Vision eines neuen Chinas auf dem Plan. Die Zeit dazwischen war gefüllt mit „Kulturunterricht“. Man betrieb Konversation in Hochchinesisch, schaute sich offiziell gebilligte Fernsehsendungen an, übte sich in chinesischer Kalligraphie und sang patriotische Lieder. Und die ganze Zeit standen die Dorfbewohner unter Beobachtung ihrer „Verwandten“: Die machten fleißig Notizen und bewerteten, wie loyal die Uiguren zu China standen, wie gut sie Chinesisch sprachen und ob sie irgendwelche Anzeichen von „extremer“ Hinwendung zum Islam zeigten.

Hatte gerade ein Uigure einen Nachbarn auf Arabisch mit „Assalamu alaikum“ gegrüßt? Das musste verzeichnet werden. Hatte eine Familie einen Koran im Haus? Betete jemand am Freitag oder fastete während des Ramadans? War das Kleid dieser „kleinen Schwester“ nicht zu lang, der Bart jenes „kleinen Bruders“ zu struppig? Und warum wollte niemand Karten spielen oder Spielfilme anschauen?

Nicht immer waren die wichtigsten Indizien sofort zu erkennen. Deshalb waren die Besucher in­struiert, Fragen zu stellen. Hatten ihre Gastgeber Verwandte, die in „kritischen Regionen“ lebten, oder Bekannte im Ausland? Konnten sie Arabisch oder Türkisch? Hatten sie schon eine Moschee außerhalb des eigenen Dorfes besucht? Wenn die Antworten der erwachsenen „kleinen Brüder und Schwestern“ nicht erschöpfend waren oder sie etwas zu verbergen schienen, sollten als Nächstes ihre Kinder gefragt werden.

Tests, um die kleinen Brüder zu prüfen

Manchmal fürchteten die „großen Brüder und Schwestern“, dass die Uiguren sich verstellten, dass hinter ihren Gesten des Säkularismus dunklere Loyalitäten schlummerten, eine Anhänglichkeit an „kranke“ Arten der Religion. Doch für so etwas gab es einfache Testmethoden. Man konnte einem Gastgeber eine Zigarette oder einen Schluck Bier anbieten. Man konnte einem kleinen Bruder oder einer kleinen Schwester des anderen Geschlechts zur Begrüßung die Hand hinstrecken und darauf achten, ob sie nur mit Zeichen des Zögerns ergriffen wurde. Oder man brachte frisches Hackfleisch vom Markt mit und schlug seiner Gastfamilie vor, Teigtaschen zu machen. Dann musste man nur darauf achten, ob die Uiguren fragten, welche Art Fleisch das denn sei.

Autor

Darren Byler

forscht und lehrt als Anthropologe an der Universität Washington.
Jede Beobachtung wurde sorgfältig in Notizbüchern und Onlineformularen festgehalten. Und alles floss später in die Empfehlungen der „großen Schwester und Brüder“ ein, wer zu Hause in seinem Dorf und bei seinen Kindern bleiben konnte und wer weggeschickt werden sollte, damit der Staat seine Defekte reparieren konnte.

Die „Verwandten“ wurden hauptsächlich in drei Schüben rekrutiert. In der ersten Kampagne im Jahr 2014 wurden ungefähr 200.000 Parteimitglieder, darunter Angehörige von Minderheiten, zu längeren Aufenthalten in die Dörfer der Uiguren entsandt. Die Parole lautete: „Das Volk besuchen, sich dem Volk nützlich machen, das Herz des Volkes gewinnen!“ Im Jahr 2016 wurden in einer zweiten Welle 110.000 Staatsdiener unter dem Slogan „Vereint in einer großen Familie“ in uigurische Dörfer geschickt – diesmal vor allem zu Familien, von denen schon jemand interniert oder von der Polizei getötet worden war.

Handbuch mit Anweisungen für die Spitzelei

Im Jahr 2017 begann die dritte Welle, in der mehr als eine Million Staatsdiener zu wochenlangen Besuchen auf die Dörfer abkommandiert wurden. Der Schwerpunkt der Einquartierungen lag diesmal auf dem weiteren familiären Umfeld von Personen, die unter dem drastisch ausgeweiteten Programm „Wandel durch Erziehung“ interniert worden waren.

Den „Verwandten“ wurden schriftliche Verhaltensmaßregeln mitgegeben. Laut meinen uigurischen Kontaktpersonen in Ürümqi und Hotan enthielten die Handbücher Richtlinien und Formulare, die anschließend für die Datenbanken von Sicherheitsdiensten digitalisiert wurden. Ein Handbuch, das im Regierungsbezirk Kaschgar zum Einsatz kam, gab den „Verwandten“ genaue Anweisungen, wie sie das Vertrauen ihrer „kleinen Brüder und Schwestern“ erwerben sollten.

Alltag in Xinjiang: Ein Händler verkauft in Kaschgar Gemüse. Guillaume Payen/Sopa Images/Lightrocket via Getty images
Das Buch, das bis kurz vor Erscheinen dieses Artikels sogar im Internet stand, riet den „Verwandten“, sich warmherzig zu zeigen. „Nicht direkt belehren“ lautete ein Ratschlag und weitere, Interesse für die Familien zu zeigen und Süßigkeiten für die Kinder mitzubringen. Es enthielt auch eine Checkliste mit Fragen wie: „Zeigen die Familienmitglieder bei Ihrem Eintreten Unbehagen oder geben sie ausweichende Antworten? Schauen sie zu Hause kein Fernsehen, sondern nur Filme auf DVD? Hängen bei ihnen noch religiöse Gegenstände an den Wänden?“

Das Handbuch weist die „Verwandten“ an, ihren „kleinen Brüdern und Schwestern“ mitzuteilen, dass ihre gesamte Internet- und Handynutzung überwacht werde. Sie sollten also nicht einmal daran denken zu lügen, wenn es um ihre Kenntnisse über den Islam und religiösen Extremismus geht. Das Buch gibt den „Verwandten“ auch den Auftrag, den Dorfbewohnern mit Beratung und Beistand im Haushalt zu helfen, aus der Armut zu kommen. Und jeder Widerstand gegen „Bemühungen zur Behebung der Armut“ solle gemeldet werden.

Die Staatsdiener und ihre Familienangehörigen, die ich interviewen konnte, lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Vier betrachten sich als Einheimische von Xinjiang, also Alteingesessene; sechs waren in den vergangenen zwei Jahrzehnten in die Region gekommen, also Zugezogene. Wie lange sie in der Region sind, beeinflusst in vielerlei Hinsicht, wie sie ihre Rolle bei der Umwandlung der uigurischen Gesellschaft wahrnehmen.

Die Zugezogenen äußern Stolz darüber, als „Verwandte“ zu dienen und den Uiguren die „Zivilisation“ der Han zu vermitteln. Einige sprechen mit großem Enthusiasmus von der Zukunft Chinas oder drücken die Erwartung aus, dass die Volksrepublik eines Tages mit anderen großen Nationen gleichziehen werde. Teilweise nennen sie sich untereinander ohne eine Spur von Ironie „Genosse“.
Die Zugezogenen scheinen wirklich von ihrem Auftrag überzeugt. Einige sagen, sie wollten am Aufblühen des chinesischen Nationalismus mitwirken, als dessen Folge die uigurische Gesellschaft im Chinesentum aufgehen werde. Es sei ihre Pflicht, die

Polizisten patrouillieren durch ein Dorf in der Präfektur Hotan.Guillaume Payen/Sopa Images/Lightrocket via Getty images
Uiguren zu erziehen. Ein junger Mann aus Guangdong in Südchina, der erst ein paar Jahre in Xinjiang lebt, erklärt: „Diese Uiguren sind einfach nur ungebildet, sie können nichts dafür, dass sich extremistische Formen des Islams unter ihnen ausgebreitet haben. Sie sind von harten Extremisten in die Irre geführt worden. Sie wissen es nicht besser.“ Mehrere Zugezogene sagen, sie hätten Gerüchte gehört, wonach Han-Zivilisten von einheimischen Uiguren umgebracht wurden, als sie 2014 zuerst herkamen. Der erwähnte junge Mann aus Guangdong, der für ein Tourismusbüro arbeitet, versichert, dass diese Gefahr nun nicht mehr bestehe. „Ich habe gehört, dass anfangs einige Han-Staatsdiener in besonders aufsässigen Dörfern getötet wurden. Uigurische Männer haben Frauen beim Abendspaziergang überfallen und ihnen die Kehle durchgeschnitten.“ Terrorakte seien jedoch inzwischen keine direkte Gefahr mehr. Seit 2017 sei es für die Han-Staatsdiener in den uigurischen Dörfern sehr sicher.

Zwei „Verwandte“ und zwei Personen aus ihrem näheren Umfeld, alle vier Alteingesessene, äußern dagegen Vorbehalte gegenüber der Beteiligung am Projekt „Vereint in einer großen Familie“. Sie klagen, dass man sich an das Dorfleben der Uiguren und Kasachen anpassen müsse, dass die Arbeit langweilig sei und man sich nach der Abwechslung in der Stadt sehne. Auch die Trennung von ihren Familien machte ihnen zu schaffen. Einer musste mit der ersten Welle der „Verwandten“ ein Jahr oder länger in den Dörfern ausharren und gibt an, es sei ihm nur alle 90 Tage erlaubt gewesen, 10 Tage Urlaub zu nehmen.

Das Programm zerstört Familien

Mehrfach wird geklagt, ihnen werde ein zu großes Opfer an Lebenszeit abverlangt. Sie wollten zurück in ihre Büros in den staatseigenen Betrieben oder der Verwaltung oder zu ihrer Arbeit als Ärzte und Redakteure bei staatlichen Medien. Zwei sagen, wer sich weigere, am Überwachungsprogramm teilzunehmen und in die Dörfer zu gehen, verliere seinen Job, wogegen bei Teilnahme anschließend eine Beförderung winke.

Im Zug zwischen Kaschagar und Hotan erstehen Uiguren wie Han-Chinesen Reiseproviant.Ben Dooley/AFP/Getty images
Fünf Uiguren, die mit mir über die Ankunft der „Verwandten“ gesprochen haben, beschreiben sie mit einer Mischung aus Geringschätzung und Angst. Sie fühlen sich wie Kinder behandelt und ihrer Würde beraubt. Viele sagen, ihr gesamtes Leben komme ihnen vor wie ein politischer Test. Und niemand schien zu hoffen, dass die „Verwandten“ ihre traurige und schwierige Lebenslage bemerken und sich weigern würden, den Auftrag zur Umgestaltung der uigurischen Gesellschaft auszuführen.

Der vielleicht schmerzlichste Aspekt des Programms „Vereint in einer großen Familie“ ist für viele Uiguren, dass es die Autorität der Eltern untergräbt und Familien zerstört. Die „Verwandten“ würden ihnen ihre Zukunft rauben, sagen sie: Die Familie und der Glaube seien das Letzte, was der uigurischen Gesellschaft Zuflucht und Sicherheit biete. Offenbar versucht der Staat mit vielen der fortgesetzten Umerziehungsprojekte, uigurische Kinder von ihren Eltern und ihrer Sprache zu entfremden. So ist die Zahl der Chinesisch sprechenden Lehrer stark erhöht worden, und das System der Straflager kann auch dazu dienen, den Einfluss der uigurischen Kultur auf das Leben der Kinder zu schwächen.

Der ältere Bruder eines jungen Uiguren, den ich hier Alim nenne, kam im Januar 2018 in ein sogenanntes Umerziehungslager. Alim lebte in großer Angst, was aus seinen Nichten und Neffen werden sollte, wenn auch seine Schwägerin fortgebracht würde. Laut dem jungen Mann, der fließend Chinesisch spricht und eine enge Jeans und eine Apple Watch trägt, hatte sein älterer Bruder als Tourist die Türkei besucht und sei wahrscheinlich deshalb interniert worden. Seine Schwägerin verhalte sich „immer noch ein wenig aufsässig, wenn Mitarbeiter des Staates in ihre Wohnung kommen“, sagt er. „Deshalb mache ich mir Sorgen, dass diese entscheiden könnten, sie brauche auch eine Umerziehung. Dann kämen ihre Kinder in staatliche Obhut.“

Natürlich würden er und seine Eltern für seine Nichten und Neffen sorgen, sagt Alim. Aber er hatte Berichte gehört, wonach den weiteren Familien von Inhaftierten nicht erlaubt wird, sich um deren Kinder zu kümmern. Und in der Tat deuten Medienberichte und staatliche Ausschreibungen, die im Internet einzusehen sind, auf einen Bauboom von Waisenheimen in Xinjiang hin. Mit bebender Stimme sagt Alim: „Sie wollen uns unsere Kinder wegnehmen. Mein Neffe ist acht Jahre alt. Er leidet bereits jetzt sehr unter dieser Geschichte. Er spricht kaum noch.“ Das letzte Mal habe er seinen Neffen lächeln sehen, als er an seinem Geburtstag ein Geschenk ausgepackt habe, von dem „wir ihm gesagt haben, die Legosteine kämen von seinem Vater, der habe sie aus Peking geschickt. Er war so glücklich.“

Viele „Verwandte“ der Han, ob nun alteingesessen oder zugezogen, haben keine klare Vorstellung davon, was in den Zentren für „Wandel durch Umerziehung“ vorgeht. Sie beschreiben sie als eine Art von Schulen, in denen Muslime das moderne Leben in China lernen. Als ich nachbohre, sagt der junge Mann aus Guangdong, dass man diese „Schulen“ mit Behandlungszentren für Drogensüchtige vergleichen könne. Es sei sicher hart für Menschen, dort eingewiesen zu sein, und auch für ihre Familien – aber die Kosten, wenn man nicht einschreite, seien zu hoch. Er übernimmt damit die Metapher der staatlichen Medien, indem er die Ideologie der Extremisten als Krankheit  beschreibt, die „geheilt“ werden müsse.

Alteingesessene äußern sich weniger zuversichtlich. Uiguren, die in „Umerziehungszentren“ geschickt würden, hätten wahrscheinlich niemanden, der eine schützende Hand über sie halte, sagen sie. So funktioniere eben das System. Und deshalb müssten Leute aus der Gegend wie sie dabei mitmachen. „Wir können nichts für die Uiguren tun“, sagt eine Han-Frau mittleren Alters, die in Ürümqi mit Uiguren zur Schule gegangen ist, „wir müssen zusehen, uns selbst zu schützen.“

Mehrere Han-Staatsdiener erinnert die starke Polarisierung des politischen Klimas in Xinjiang an die Kulturrevolution unter Mao Zedong (1966 bis 1976). Wer nicht auf Parteilinie sei, werde sozial geächtet oder ins Gefängnis geworfen. Hauptzielscheibe des heutigen Umerziehungsprojekts seien natürlich Uiguren und Kasachen und wenn sie, die Han, in Deckung blieben, würden sie ungeschoren davonkommen. Sie machen sich aber Sorgen um die Zukunft. Eine ältere Frau aus der Gruppe der Alteingesessenen sagt: „Ich weiß nicht, was geschieht, wenn wir einmal die Uiguren freilassen.“

In einem sind sich Neuankömmlinge und Alteingesessene weitgehend einig: Öffentlich müssen sie die Kampagne vorbehaltlos unterstützen. In Onlineartikeln, die sie für ihre Arbeitsbrigaden schreiben sollen, schildern die Han-Staatsdiener die Anforderungen der langen Wochen bei den Uiguren als Beleg für ihre Bereitschaft, Opfer für die Nation zu bringen, und für ihre Sorge um die Uiguren. Geschichten und Fotos, die sie veröffentlichen, entsprechen ganz den Slogans des Umerziehungsprogramms.

Sie stellen Fotos ins Internet, die sie zeigen, wie sie Angehörigen der muslimischen Minderheiten die „Gedanken von Xi Jinping“ vorlesen. Selbst Staatsdiener, die sich über die Belastung für ihr persönliches Leben beklagen, scheinen ihre Rolle als selbst ernannte „große Brüder und Schwestern“ von Uiguren zu akzeptieren. Viele scheinen tatsächlich zu glauben, es sei ein Zeichen der Zuneigung und Offenheit, wenn sie einen Uiguren „Vater“ oder „Bruder“ nennen. Eine junge „Verwandte“ schreibt, wie sie einen älteren Uiguren aufgefordert hat, ein Video mit der Rede des Parteiführers anzuschauen: „Ich fühlte mich dabei wie seine Tochter!“

Manche Beziehungen sind freundschaflich

Und die „Verwandten“ gaben sich Mühe, der Rolle gerecht zu werden. So war es üblich, uigurischen und kasachischen „Geschwistern“ Geschenke zu überreichen als Ausgleich für den Einkommensverlust, der sich aus ihrer Beherbergung der Han und sonstigen Aktivitäten des Polizeistaats ergab. Zum Teil waren dies Reis und Speiseöl. Aber manche Geschenke waren auch Symbole, die den Status der Han-Besucher als Träger einer kulturellen Mission unterstreichen.

Eine Gruppe von Beamten etwa schenkte uigurischen Bauern laut einem Onlinebericht Tische und Leselampen, damit sie sich am Abend besser fortbilden konnten. Die Tische brächten den Bauern mehr Komfort, hieß es. Aber diese sitzen zum Essen oder Teetrinken lieber nicht an einem Tisch. Sie breiten für die Mahlzeiten ein Tuch auf einer erhöhten Plattform aus. Han-Besucher schildern diese Tradition als „unbequem“ und als Zeichen für die Armut der Uiguren. Dabei bemerken sie häufig nicht, dass die Sicherheitsmaßnahmen, die sie selbst unterstützen, einer der Hauptgründe für die Armut der Uiguren sind.

Die meisten „Verwandten“ hatten die Hoffnung, echte Verbindungen zu „unzivilisierten“ uigurischen Dorfbewohnern aufzubauen. In der Tat können sich manchmal aus engem Zusammenleben freundschaftliche Beziehungen entwickeln, die zu mehr Toleranz führen. Und es kann Menschen ermöglichen, eine gemeinsame Perspektive einzunehmen. Genau davor warnt allerdings das Trainingshandbuch die Han-Verwandten unter der Überschrift „Zehn Dinge, die zu vermeiden sind“: „Lass dich nicht von deiner Position abbringen, entwickle keine Sympathien und lass dich nicht umpolen.“

Die Tyrannei im Nordwesten Chinas stellt in einem totalitären Projekt, das jeden Lebensaspekt zu beherrschen sucht, Gruppen chinesischer Bürger gegeneinander. Die Han-„Verwandten“ werden in eine Zwangsbeziehung zu uigurischen und kasachischen Gastgebern gebracht. Familien, Freundschaften und Gemeinschaften werden auseinander gerissen, so dass Vereinzelung und Vereinsamung um sich greifen. Die „Verwandten“, die mit mir gesprochen haben, zerstören in staatlichem Auftrag Familien, schicken Menschen in die Mühlen eines Lagersystems und sehen sich dabei als Leute, die „nur ihren Job machen“.

Und ich glaube ihnen. In den meisten Fällen dachten sie nicht groß über den Horror nach, den sie anderen antaten. Sie haben keinen Zugang zu einer freien Presse. Die Mehrheit der Befragten wusste oder glaubte nicht, dass die Umerziehungslager eine spezifisch chinesische Form von Konzentrationslagern darstellen, dass Schläge und psychische Folter an der Tagesordnung sind oder dass Uiguren es als Bestrafung empfinden, dort hingeschickt zu werden. Nur einer der zehn Han aus Xinjiang, die ich befragt habe, glaubte, dass die Lager als Gefängnisse für Menschen dienten, deren einziges Vergehen darin bestand, der falschen Religion und ethnischen Gruppe anzugehören.

Es ist auch wichtig zu bedenken, dass Han-Zivilisten, die sich der Uiguren-Politik widersetzen, sich erheblich in Gefahr bringen. Wie einer meiner Han-Freunde aus Xinjiang erklärte, ist die Reaktion auf Unterdrückung in diesem Teil der Welt in der Regel nicht Widerstand, sondern Unterwerfung. Angesichts der totalitären Politik des Polizeistaats in Xinjiang sehen auch die Han für sich wohl meist keine andere Wahl, als sich an der Unterdrückung der muslimischen Minderheit zu beteiligen.

Bürger totalitärer Staaten sind fast immer gezwungen, im Widerspruch zu ihren ethischen Überzeugungen zu handeln. Wenn es denkbar werden soll, dass unter Han-Zivilisten von der Basis aus Widerspruch gegen die Unterdrückung der Muslime wächst, dann muss zuerst genau und angemessen beschrieben werden, was sich im Nordwesten Chinas abspielt. Hannah Arendt hat bemerkt, dass solche Systeme auch deshalb funktionieren, weil die, die daran beteiligt sind, nicht über ihr Tun nachdenken dürfen. Deshalb können sie sich nicht vorstellen, was die Menschen empfinden, deren Leben sie zerstören.

Der Artikel ist im Original auf dem Onlineportal www.chinafile.com erschienen.

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

erschienen in Ausgabe 2 / 2019: Jugend und Bildung

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