Gentechnik
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„Natürlich muss man forschen“

Stig Tanzmann über die neue Gentechnik und wie sie aus evangelischer Sicht zu bewerten ist.

Stig Tanzmann ist Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt.Brot für die Welt
Mit einem Zwischenruf haben sich drei evangelische Organisationen zu den neuen Verfahren der Gentechnik wie etwa CRISPR/Cas geäußert. Eine davon ist Brot für die Welt. Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft in dem evangelischen Hilfswerk, begrüßt Fortschritte in der gentechnischen Forschung, bleibt aber skeptisch mit Blick auf die Anwendung.

Warum haben die drei evangelischen Organisationen einen gemeinsamen Zwischenruf zu den neuen Gentechniken vorgelegt?
Weil das ein wichtiges Thema für die Landwirtschaft und die Produktion von Nahrungsmitteln ist. Alle drei Organisationen haben sich schon der Debatte um die alte Gentechnik intensiv beteiligt und eindeutig positioniert. Deshalb war es wichtig, jetzt wieder einmal zusammenzukommen und sich zu den neuen Entwicklungen eine Meinung zu bilden. Gerade auch deshalb, da für uns als kirchliche Organisationen die Bewahrung der Schöpfung und damit das Vorsorgeprinzip im Zentrum unserer Arbeit stehen.   

Bewertet Brot für die Welt die neuen gentechnischen Verfahren anders als die alte Technik?
Natürlich gibt es Unterschiede. Die neuen Techniken ermöglichen viel tiefere Eingriffe ins Genmaterial. Das ist eine ganz andere Dimension. Zugleich bringen sie einen enormen Wissenszuwachs, was die Bedenken aus der Vergangenheit noch einmal verstärkt.

Das heißt, für Sie sind die neuen Techniken noch riskanter? Andere Fachleute sehen das genau umgekehrt.
Es kommt darauf an, wie man an die Technik herangeht. Die Befürworter, die sagen, es handele sich bei den neuen Verfahren gar nicht um Gentechnik, beziehen sich dabei nur auf einen ganz kleinen Teilbereich, etwa auf die Möglichkeit, Ergebnisse der Mutationszüchtung nachzuahmen. Aber mit den neuen Techniken kann man auch komplette DNA-Sequenzen neu schreiben oder zielgerichtet mehrfach in die DNA einschneiden. Oder man kann sogenannte Gene Drives einfügen – Gen-Sequenzen, die die Vererbungsregeln außer Kraft setzen und mit denen sich ganze Arten ausrotten lassen. Hier wird so tief wie noch nie in die DNA und die Natur eingegriffen. Folgerichtig sind auch die Risiken viel größer. Deshalb muss man sich das noch genauer anschauen. Befürworter der neuen Techniken sagen manchmal, der Vorteil sei, dass man viel zielgerichteter ins Erbgut eingreifen könne. Aber nur weil man etwas zielgerichteter tut, heißt nicht, dass weniger schiefgehen kann. Schauen Sie sich die Studien zu den unerwünschten Effekten an.

Ein Zwischenruf zur neuen Gentechnik

Gen-Schere: Umgangssprachlich werden so neue gentechnische Verfahren des Genome Editing genannt, mit denen das Erbgut von Pflanzen, Tieren oder Menschen so verändert werden kann, dass bestimmte Eigenschaften…

Bieten die neuen Verfahren auch Chancen für die Landwirtschaft im Süden?
Zunächst einmal brauchen wir eine ordentliche Risikoeinschätzung. Die Technik ist viel zu jung, um jetzt schon sagen zu können, dass sie die Landwirtschaft revolutionieren wird. Zudem sehen wir die Gefahr, dass sich die Landwirtschaftspolitik weiter von dem entfernt, was in den Ländern des Südens wirklich funktioniert: bäuerliche Züchtung und Saatgutarbeit, die für natürliche Vielfalt steht. Mit diesen Ansätzen zu arbeiten, bietet viel mehr und vor allem sichere Möglichkeiten, die Landwirtschaft im Süden zu stärken. Das muss stärker gefördert werden, auch vom Entwicklungsministerium.

Befürworter sagen, gerade für bäuerliche Züchtung seien die neuen Techniken gut, weil sie einfacher und kostengünstiger sind als die alte Gentechnik.
Die Organisationen, mit denen wir kooperieren, machen viel Erhaltungszüchtung mit traditionellen Sorten und arbeiten mit Kreuzungszüchtung und heterogenen Populationssorten, die sich mit anderen kreuzen können. Dafür brauchen sie keine Gentechnik. Das machen sie seit vielen Jahren und bauen dabei auf ihren Erfahrungen aus der Vergangenheit auf. Die Ergebnisse sind aus unserer Sicht überzeugend und verursachen geringe Kosten.

Der Zwischenruf ist an einigen Stellen ziemlich vage formuliert, als sei es den drei Unterzeichnern schwer gefallen, zu einer gemeinsamen Bewertung der neuen Gentechniken zu kommen.
Große Einigkeit besteht darin, dass auch die neuen Verfahren Gentechnik sind und entsprechend reguliert werden müssen und dass das Vorsorgeprinzip beachtet werden muss. Ansonsten sehe ich in dem Zwischenruf wenig Uneinigkeit.

Im Zwischenruf heißt es, wichtig sei eine „vielfältige Forschungsförderung, in der Genome Editing einen Teilbereich darstellen kann“. Das unterschreiben Sie so uneingeschränkt?
Ja, wir haben das so unterschrieben, denn natürlich muss man forschen. Wir sagen ja nicht, wir wollen keine Forschung in diesem Bereich. Wir sagen: Wenn Produkte auf den Markt kommen, müssen sie entsprechend reguliert werden, damit man weiter gentechnikfrei arbeiten kann. Zu CRISPR/Cas sind in den vergangenen Jahren weit über 4000 Studien erschienen, und das hat vieles in der Forschung revolutioniert. Die Frage ist aber: Muss man damit sofort in die Anwendung drängen, oder sollte man zunächst nicht noch weiter Erkenntnisse gewinnen, um Risiken besser abschätzen zu können? Das Statement im Zwischenruf besagt zudem, die Gentechnik solle nicht mehr als ein Teilbereich in der vielfältigen Forschungsförderung sein. Dahinter steht eigentlich die Forderung, Forschungsgelder umzuschichten, etwa zugunsten der bäuerlichen Saatgutarbeit.

Aber Sie schließen nicht aus, dass die Gentechnik irgendwann Anwendungen für die Landwirtschaft hervorbringen könnte, die Brot für die Welt für sinnvoll hält?
Wir schauen uns Forschung immer ergebnisoffen an. Natürlich passieren in der Gentechnik neue, wichtige Dinge, natürlich lernen wir davon. Wir sehen das als wichtiges wissenschaftliches Werkzeug, und Wissenschaft bringt fast immer wichtige Erkenntnisse, die uns voranbringen. Ob sich das aber im Anbau widerspiegelt, da würde ich ein großes Fragezeichen setzen. Und wenn sich etwas für den Anbau ergibt, würde ich fragen, ob es bessere Optionen gibt, die weniger riskant sind. Und ganz klar sind wir bei Brot für die Welt der Ansicht, dass diese anderen Optionen viel stärker gefördert werden müssen. Die bäuerliche Forschung und die agrarökologische Züchtung erhalten viel zu wenig Mittel gemessen an dem, was sie leisten, was ihr Potenzial ist und gemessen an den Problemen, vor denen wir stehen.

Mein Eindruck war, dass Brot für die Welt gentechnische Forschung in der Landwirtschaft bisher als Irrweg klar abgelehnt hat. Bei Ihnen höre ich eine größere Offenheit heraus.
Da interpretieren Sie die Position von Brot für die Welt falsch. Wir haben Bedenken für die Anwendung, aber wie kann ich mich hinstellen und sagen, ich weiß was bei Forschung irgendwann einmal herauskommen wird. Wir sehen das ähnlich wie viele Umweltorganisationen: Wir finden Forschung wichtig, aber wir sehen das noch nicht in der Anwendung. Wir kennen viele gravierende Probleme aus den Erfahrungen mit der alten Gentechnik, so dass wir zu den Versprechen der neuen Technik sagen: Es gibt für viele geplante Anwendungen jetzt schon bessere Alternativen, die man voranbringen müsste. Wir brauchen keine Gentechnik für mit Vitaminen künstlich angereicherte Lebensmittel. Wir brauchen die Förderung von vielfältigen agrarökologischen Anbausystemen und anderen Maßnahmen, über die man das viel besser erreichen kann. Interessant ist aber natürlich, noch mehr herauszufinden darüber, was die DNA ist und wie sie wirkt, und dazu können die neuen gentechnischen Verfahren einen Beitrag leisten. Aber das ist aus meiner Sicht Grundlagenforschung, die im Labor stattfinden muss.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.

erschienen in Ausgabe 3 / 2019: Rassismus

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