Vollmundige Versprechen

Die 30 im Deutschen Aktienindex DAX notierten Konzerne setzen weltweit Beträge um, die zusammen etwa der Wirtschaftsleistung Spaniens entsprechen. Sie beeinflussen damit auch das Wirtschaftsleben in Entwicklungsländern. Inzwischen bekennen die Konzerne sich zu ihrer sozialen Verantwortung. Das scheint aber nur ernst gemeint zu sein, solange die Wirtschaft wächst und der Profit nicht gefährdet ist. Multinationale Konzerne sind ein Motor der Globalisierung. Sie prägen in vielen Entwicklungsländern das Wirtschaftsleben. Dort können sie Arbeitsplätze schaffen, Wissen und Kapital transferieren – aber auch knappe Mittel eines Staates in kapitalintensive und von der restlichen Wirtschaft isolierte Sektoren lenken. Die 30 Unternehmen des Deutschen Aktienindex (Dax) formulieren in ihren Geschäftsberichten den Anspruch, neben dem Profit auch ökologische und soziale Ziele zu verfolgen. Doch werden sie dem im Süden gerecht?

Zehn deutsche Konzerne befinden sich unter den hundert größten multinationalen Unternehmen: Volkswagen nimmt Platz 15 ein, Siemens Platz 35. Dahinter folgen die Deutsche Bank, der Chemiekonzern BASF,  Daimler, Telekom, die Energieversorger Eon und RWE sowie die Allianz und Bayer. Zusammen mit 20 weiteren Firmen bilden sie die Gruppe der 30 Dax-Unternehmen (Deutscher Aktienindex). Sie beschäftigen weltweit 3,7 Millionen Menschen, 57 Prozent davon im Ausland und davon wiederum gut die Hälfte in Schwellen- und Entwicklungsländern. Sie setzen global einen Betrag um, der etwa dem Bruttoinlandsprodukt Spaniens entspricht. Und sie treten verstärkt als Investoren auf.

Ihre Investitionen sind allerdings regional sehr ungleich verteilt. Größter Empfänger von deutschem Produktivkapital ist China, gefolgt von Indien und Brasilien. VW setzt voll auf diese drei Länder. Erst vor kurzem wurde im indischen Pune ein neues Werk im Investitionswert von 600 Millionen Euro eingeweiht – die Nummer 62 der VW-Fabriken  in 21 Ländern. Metro dagegen ist in 32  Ländern tätig und bereitet gerade den Sprung nach Kasachstan und Ägypten vor. Die Niederlassungen sollen künftig mehr Eigenverantwortung erhalten, um „näher am Markt“ operieren zu können.

Autor

Roland Bunzenthal

war viele Jahre Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau und arbeitet heute als freier Journalist in Frankfurt am Main.

Die Nähe zu den Absatzmärkten spielt bei den Direkt-investitionen der Dax-Konzerne die entscheidende Rolle. Wo es keinen Markt gibt, wie in großen Teilen Afrikas, ist allenfalls noch die Rohstoffgewinnung von Interesse. Deshalb entfallen auf afrikanische Länder lediglich etwa drei Prozent aller Direktinvestitionen, mit sinkender Tendenz. Zahlen dazu sucht man in den Geschäftsberichten von 2008 vergeblich. Afrika taucht nur in geographischen Sammeldaten auf, etwa als Region Südamerika/Nahost/Afrika. Für die globale Strategie der Multis ist Afrika eine Marginalie. Zum Umsatz von Volkswagen trägt der ganze Kontinent beispielsweise lediglich 1,5 Prozent bei.

 Für ihr weltweites Engagement haben sich die 30 Dax-Konzerne durchweg auf soziale und ökologische Standards verpflichtet, die im ganzen Unternehmen Gültigkeit haben sollen. Neben seiner „Kernaufgabe, Produkte kostenoptimal zu generieren“, unterstützt etwa VW den UN Global Compact, der zehn Prinzipien für die Einhaltung der Menschenrechte, gute Arbeitsbedingungen und eine umweltverträgliche Produktion entworfen  hat. Der Konzern fordere von seinen Lieferanten, dass sie sich „weltweit an ökologischen und sozialen Mindeststandards orientieren“, heißt es im Geschäftsbericht.

Auch der führende deutsche Handelskonzern Metro kennt die Erwartung der meisten Kunden, dass auch bei der Produktion von billigen T-Shirts in China Menschenrechte und ökologische Standards eingehalten werden. Für die Mitglieder der Business Social Compliance Initiative (BSCI) europäischer Handelsunternehmen und Markenhersteller, der Metro angehört, gelte ein einheitlicher Verhaltenskodex, orientiert an den Normen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dies schließe die zahlreichen Lieferanten ein, um „entlang der gesamten Produktionskette gute Arbeitsbedingungen sicherzustellen“. Versuche ein Partner  etwa, durch Kinderarbeit Kosten zu sparen, würden die Geschäftsbeziehungen sofort beendet.

Siemens erklärt in seinem Bericht: „Mit unserer Innovations- und Investitionskraft leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der von den Vereinten Nationen erklärten Millenniumsziele.“ So trage etwa das Projekt „Der Computer im Dorf“ zum wirtschaftlichen Aufschwung in abgelegenen Regionen bei, biete er doch gerade Kleinunternehmern vor Ort die Chance, sich auf eigene Füße zu stellen. Alle Konzerne wollen öffentlich vermitteln, dass sich ihre ethischen und kommerziellen Interessen ergänzen. Doch wie werden diese Ansprüche in die Praxis umgesetzt?

Der Tod der Fabrikarbeiterin Fatima Akter infolge schwerer Arbeitsrechtsverletzungen beim Metro-Textillieferanten R.L. Denim in Bangladesch beschäftigt mittlerweile sogar den deutschen Bundestag. Metro hatte dem Zulieferbetrieb nach den Meldungen über lebensgefährliche Arbeitsbedingungen gekündigt. Damit stünden aber 650 Arbeiterinnen auf der Straße – nimmt der Konzern doch 80 Prozent der Produktion von R.L. Denim ab. In einem offenen Brief an Metro-Chef Eckhard Cordes forderte deshalb die SPD-Abgeordnete Christel Riemann-Hanewinkel, die Zusammenarbeit mit R.L. Denim fortzusetzen, dabei jedoch dafür zu sorgen, dass dort „alle sozialen, ökologischen und arbeitsrechtlichen Standards eingehalten werden“. 2005 hatte der Konzern ein einziges Mal bei R.L.Denim die Arbeitsbedingungen kontrolliert – jedoch keine Konsequenzen aus den schon damals gefundenen Mängeln gezogen.

Beim Sportartikel-Hersteller Adidas löste die öffentliche Kritik an den Arbeitsbedingungen bei den rund 1050 Zulieferern hektische Aktivitäten aus: Das Unternehmen stellte einen Weltdirektor für soziale Fragen ein und verabschiedete einen eigenen Verhaltenskodex, der auch existenzsichernde Löhne verspricht. Zudem trat Adidas der Fair Labor Association (FLA) bei. Doch die Kontrolle der Standards erweist sich als schwierig. Bereits mehrfach hat die Kampagne für saubere Kleidung mit Adidas über ein Pilotprojekt zur unabhängigen, lokalen Kontrolle von Zulieferern in Mittelamerika verhandelt, bei denen unmenschliche Arbeitsbedingungen aufgedeckt wurden. Doch das Projekt ist bislang nicht zu Stande gekommen. Gleichzeitig verweist der Konzern darauf, dass er bereits vier Lieferanten gekündigt habe, weil sie sich nicht an die Kodex-Spielregeln gehalten hätten.

Multinationale Konzerne üben auf zahlreichen Gebieten Einfluss auf Entwicklungsländer aus. Zum Beispiel bei der Energieversorgung. So baut RWE zwei Atommeiler in erdbebengefährdeten Gebieten Bulgariens und Rumäniens und liefert Teile für das umstrittene Wasserkraftwerk Ilisu in der Türkei. Sie beeinflussen auch die Landwirtschaft: BASF verkauft mit hoher Rendite „gentechnisch optimierte Pflanzen“ in Kombination mit Pestiziden. Der Umsatz des Konzerns mit Pestiziden und Saatgut in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas kletterte 2008 um 23 Prozent.

Auch die Verkehrsstruktur wird von Multis geprägt. Daimler verweist auf die Wachstumschancen  in China (5,5 Millionen neue Autos pro Jahr), VW setzt auf Indiens Wandel weg von Bussen und hin zum Individualverkehr. Ab 2013 wird mit zwei Millionen neuen Autos pro Jahr gerechnet. Auf den Arbeitsmärkten der „Partnerländer“ hinterlassen die Großkonzerne ebenfalls ihre Spuren. Zwar bestreitet die BASF nach eigenen Angaben 70 Prozent des Umsatzes in Asien aus „lokaler  Produktion“. Doch die ist sehr kapitalintensiv. Das neue 600-Millionen-Werk von VW in Pune soll schließlich nur gut 2000 Leute beschäftigen.

Im vergangenen Jahr brach der Gewinn der Dax-Konzerne um die Hälfte auf 50 Milliarden Euro ein, bei noch immer steigendem Umsatz. In den Geschäftsberichten werden Programme zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung angekündigt. Mit weiteren Investitionen im Süden sind die Konzerne zurückhaltend geworden – nicht zuletzt wegen der wachsenden Probleme bei der Fremdfinanzierung. Die  Entwicklungsländer, die allein schon angesichts ihrer wachsenden Bevölkerung jährlich  90 Millionen zusätzliche Stellen schaffen müssten, bekommen das zu spüren. 2008 schufen die Dax-30 noch Jobs in ihren ausländischen Filialen, deren Mitarbeiterzahl stieg um 6 Prozent. 2009 könnte dieser Zuwachs wieder verlorengehen.

Die soziale Verantwortung der Multis ist bislang eine Schönwetterveranstaltung. Im Aufschwung lässt sie sich durchaus mit längerfristigen Profit- und Wachstumszielen vereinbaren, geht es dabei doch auch um das eigene Image. Der wirkliche Stellenwert der Lippenbekenntnisse wird sich nun in der Krise zeigen.

 

erschienen in Ausgabe 7 / 2009: Finanzordnung: Was die Krise lehrt