Pakistan
Schuljungen in Lahore auf dem Heimweg. Die Bürgerinnen und ­Bürger der pakistanischen Stadt können sich mit einer Smartphone-App über die Smog­gefahr ­informieren.  
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Abgase bis zum Himalaya

Die neue Regierung Pakistans will die schlechte Luft in den Städten verbessern. Umweltschützern geht das nicht weit genug, und die Bürger vertrauen ihren eigenen Messgeräten mehr als denen der Regierung.

Als Bangkoks Luft Ende Januar so verschmutzt war, dass der Luftqualitätsindex auf 170 kletterte, schloss die thailändische Regierung für eine Woche die Schulen. Werte unter 50 stehen für gute Qualität, Werte über 300 für gefährliche Luftverschmutzung. Im pakistanischen Lahore lagen die Werte in derselben Woche dauerhaft über 300, ohne dass die Behörden etwas unternahmen. „Es ist ein Skandal, wie die Verschmutzung einfach ignoriert wird“, sagt Rafay Alam, ein Umweltanwalt aus Lahore. „Die Gesundheit unserer Kinder steht auf dem Spiel.“

Seit gut einem Jahrzehnt liegt die Elf-Millionen-Metropole im Winter unter einer dichten Smogschicht. Das führt nicht nur dazu, dass Straßen gesperrt werden und Flugzeuge verspätet starten oder landen. Es macht die Menschen auch krank. Viele Einwohner klagen über Kopfschmerzen, brennende Augen und Hustenreiz. Sobald der Luftqualitätsindex über 300 steige, schicke er seine Tochter nicht zur Schule, erzählt Alam. „Ich riskiere nicht, dass ihre Lunge dauerhaft geschädigt wird.“

Seiner Meinung nach hätte die Regierung längst den Gesundheitsnotstand ausrufen müssen, weil die Luftverschmutzung in Lahore ständig über dem als noch unbedenklich geltenden Wert von 100 liege. Das zeigten die Messergebnisse des Luftqualitätsmonitors der Firma AirVisual, den er auf seiner Veranda installiert hat. Er bestimmt neben dem Indexwert auch den Feinstaubgehalt in Mikrogramm pro Kubikmeter. Das 300 Dollar teure Gerät ist mit dem Internet verbunden und sendet seine Messdaten zur Verarbeitung an AirVisual. Laut Alam sind in Lahore ein halbes Dutzend dieser Geräte in Betrieb. Zudem nutzten viele Einwohner die zugehörige App, um jederzeit über die Luftverschmutzung in ihrer Stadt informiert zu sein.

Nur drei funktionsfähige Messstationen

Die Umweltschutzbehörde der Provinz Punjab betreibt derzeit in Lahore nur drei funktionsfähige Messstationen. Sie zeigten häufig niedrigere Werte als die App von AirVisual an, sagt Mahbina Waheed. Sie wohnt in der Nähe der Mall Road, einer vielbefahrenen Hauptstraße. „Ich habe mehr Vertrauen zu der App von AirVisual, da ich selbst eines der Geräte in meinem Haus installiert habe“, erklärt sie.

Lahore trägt den Beinamen „Stadt der Gärten“ – doch in den letzten zehn Jahren mussten viele Bäume den Straßen für die Fahrzeuge der rasch wachsenden Bevölkerung weichen. Vor allem in den Wintermonaten macht der Smog die Luftverschmutzung unübersehbar. Dann herrscht oft Inversionswetterlage, die den Austausch zwischen unteren und oberen Luftschichten behindert. In der Folge sammeln sich die Luftschadstoffe in einer Dunstglocke aus Abgasen. Laut Hammad Naqi Khan, dem Leiter der pakistanischen WWF-Sektion, gehören Lahore und Karatschi zu den zehn Städten mit der schlechtesten Luft auf der ganzen Welt.

Weil es kaum Daten zur Luftverschmutzung gab, gründete Abid Omar im Jahr 2016 in Karatschi die gemeinnützige Organisation Pakistan Air Quality. Sie veröffentlicht derlei Daten und informiert über die gesundheitsschädlichen Folgen der dreckigen Luft. „In unserer Atemluft befinden sich Rückstände von Kohle, Öl, Biomasse, Diesel und Petroleum“, sagt Omar. „Die Stoffe dringen in unsere Lungen ein, geraten in unseren Blutkreislauf und machen uns krank.“

Die Feinstaubbelastung pakistanischer Städte ist deutlich höher als die von Städten anderer Länder der Region, etwa in Bhutan oder Sri Lanka. Besonders wichtig ist der PM2,5-Wert, also der Feinstaub in der Größenordnung von 2,5 Mikrometern, was einem Dreißigstel des Durchmessers eines menschlichen Haars entspricht. „Dieser Wert ist ein Indikator für sämtliche Luftschadstoffe“, erklärt Omar. „Und er liegt in den meisten Städten Pakistans bedenklich hoch.“

Feinstaubbelastung im Hochgebirge

Inzwischen ist der Feinstaub aus den Städten sogar ins pakistanische Hochgebirge gezogen: So stellte eine aktuelle Studie des Internationalen Forschungsinstituts für integrierte Gebirgsentwicklung in den Bergen Pakistans einen rasanten Anstieg der Luftverschmutzung fest. „Die Feinstaubbelastung ist generell gestiegen“, heißt es in der Studie. In der Hindukusch-Himalaya-Region gebe es mit Peschawar in Pakistan sowie Mazar-e-Scharif und Kabul in Afghanistan drei Städte, die zu den zwanzig Orten mit der höchsten Luftbelastung auf der ganzen Welt gehören.

Autorin

Rina Saeed Khan

arbeitet als freie Korrespondentin für Thomson Reuters in Islamabad, Pakistan.
In der Trockenzeit lege sich ein dichter Aerosolnebel über die bevölkerungsreiche Indus-Ganges-Ebene, so der Bericht. Er reduziere die Sicht und trübe die Sonne. „Der Schadstoffnebel dringt bis weit in die Täler des Himalayas vor und erreicht auch das Hochgebirge.“ Dass sich dabei dort schwarze Kohle- und Staubpartikel ablagerten, beschleunige die Schnee- und Gletscherschmelze und habe womöglich sogar eine Veränderung der Niederschlagsdynamik zur Folge. Pakistans Wasserversorgung hängt stark vom Indus ab, der durch Gletscherwasser und Regenfälle gespeist wird. Die Folgen der Luftverschmutzung beschränken sich also nicht auf die städtischen Ballungsgebiete, sondern reichen weit über sie hinaus.

Pakistan benötigt dringend weitere Forschung, um die Hauptverschmutzungsquellen zu identifizieren und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. „Wir wissen nicht, woraus sich der Smog im Einzelnen zusammensetzt“, sagt Omar. „Wir brauchen umfangreiche Messdaten, mehr Forschung und Evaluierung.“

Die Regierung von Premierminister Imran Khan, die seit August 2018 im Amt ist, hat immerhin dafür gesorgt, dass die Luftqualität in Lahore nun wieder überwacht wird. Die Vorgängerregierung hätte die Messungen zwei Jahre zuvor eingestellt, berichtet Malik Amin Aslam, der den neuen Premierminister in Sachen Klimawandel berät. „Millionenteure Überwachungstechnik blieb ungenutzt.“ Nun gebe es wieder zwei stationäre Messstationen, die jeweils einen Umkreis von fünf Kilometern abdeckten, sowie ein einsatzfähiges Überwachungsfahrzeug. Damit könne die Umweltbehörde täglich Messwerte auf ihrer Website und zum Abruf über eine App zur Verfügung stellen.

Das Abbrennen von Stoppelfeldern verschärft das Probllem

Die Umweltbehörde hat auch in den geschäftigen Städten Multan, Gujranwala und Faisalabad Messgeräte installiert. Gemeinsam mit der Japanischen Agentur für Internationale Zusammenarbeit (JICA) hat das pakistanische Bundesministerium für Klimawandel zudem in Islamabad, Peschawar, Karatschi und Quetta je eine fest installierte Messstation eingerichtet.

Für die Auswertung der Daten ist Fahim Khokar zuständig, Professor an der Nationalen Universität für Wissenschaft und Technik in Islamabad. Das Smogproblem habe sich seit 2016 durch das Abbrennen von Stoppelfeldern auf indischer Seite verschärft, sagt er. „Die indische Regierung hat die Beihilfe gestrichen, die Bauern bekamen, wenn sie ihre Stoppeln mechanisch entfernten.“ Nun hätten sie keine andere Wahl, als sie abzubrennen. „Eine PM2,5-Konzentration über 30 Mikrogramm pro Kubikmeter Atemluft gilt als gesundheitsschädlich. Am 26. Oktober wurden abends auf der Mall Road in Lahore über 465 Mikrogramm gemessen!“

Angesichts des wachsenden Smogproblems setzte der Oberste Gerichtshof von Lahore 2017 eine Kommission ein, die den Ursachen auf den Grund gehen sollte. Im November 2018 wiesen die Richter die Regierung von Punjab an, die Empfehlungen der Kommission umzusetzen. Unter anderem müsse die Regierung Auflagen gegenüber der Industrie durchsetzen und besonders dreckige Ziegeleien schließen. Zudem solle sie Maßnahmen gegen den Schadstoffausstoß von Autos und das Abbrennen von Stoppeln auf dem Reisfeld ergreifen. Die Kommission empfahl außerdem, im Stadtgebiet Bäume zu pflanzen und im Schulunterricht das Umweltbewusstsein zu stärken.

Aus den Schornsteinen der Ziegeleien steigen in der ganzen Stadt dichte Rauchschwaden auf. Seit seinem Amtsantritt führt der Klimawandel-Berater Aslam Gespräche mit deren Besitzern. Mittlerweise haben sie vereinbart, in der Smogsaison, also im November und Dezember, Ziegeleien in zwölf Bezirken stillzulegen, darunter in Lahore. Auch biete man günstige Kredite für die Anschaffung sogenannter Zickzacköfen an, durch die der Kohleverbrauch sinke, sagt Aslam. „Außerdem haben wir die Aufsicht verschärft und Strafen verhängt, wenn illegale Brennstoffe wie Autoreifen verwendet wurden.“ Auch Bauern, die diesen Winter ihre Stoppeln abbrannten, mussten Strafen zahlen.

Aslam räumt aber ein, dass vor allem die Fahrzeugabgase ein großes Problem sind. Derzeit werde geprüft, ob man in Pakistan bei der Abgasnorm direkt von Euro 2 zu Euro 5 springen solle. „Das würde allerdings das Benzin verteuern.“ Aslam leitet auch das Aufforstungsprojekt „Billion Tree Tsunami“. Damit sollen im ganzen Land, einschließlich der vier Provinzhauptstädte Peschawar, Lahore, Quetta und Karatschi, Bäume gepflanzt werden.

Laut einem Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) von Anfang 2018 hat der Verkehr in der Region Punjab mit 43 Prozent den größten Anteil an der Luftverschmutzung, gefolgt von der Industrie mit 25 Prozent. Die Landwirtschaft schlägt, hauptsächlich durch das Abbrennen der abgeernteten Reisfelder, mit 20 Prozent zu Buche. Hinzu kommt der Energiesektor, der 12 Prozent zu den Gesamt­emissionen beiträgt.

Mehr internationale Zusammenarbeit vonnöten

Die FAO empfiehlt modernere Motoren, saubereren Treibstoff sowie eine bessere Inspektion und Wartung der Fahrzeuge. Langfristig müsse der öffentliche Personenverkehr ebenso wie der Bereich der erneuerbarer Energien ausgebaut werden. Weil der Smog nicht vor Ländergrenzen haltmache, brauche man auch mehr internationale Zusammenarbeit.

Omar glaubt, dass man die Luftverschmutzung an ihrer Quelle reduzieren muss. Dazu zählt er das Transportwesen, Industrie und Landwirtschaft sowie den Energiesektor. Das benötige Zeit, Geld und sorgfältige Planung, sagt er. „Wir müssen höherwertiges Öl importieren, aber dafür ist erst mal die Modernisierung unserer Raffinerien erforderlich.“ Er fordert außerdem, mehr Fracht auf die Schiene zu bringen; das wichtigste Transportmittel seien derzeit umweltbelastende Lastwagen. Dass die Wiederaufforstung das Smogproblem löst, glaubt der Umweltaktivist nicht: „Bäume richten nichts gegen Schwefeldioxid und Methan aus.“

Im Januar bescheinigte sich die Umweltschutzbehörde des Punjab „im Vergleich zu vorhergehenden Jahren Erfolge bei der Smogbekämpfung“. Dank „effektiver Maßnahmen“ hätte der Luftqualitätsindex unterhalb der kritischen Grenze von 300 gelegen, meistens im Bereich zwischen 100 und 150.

Der Umweltanwalt Alam widerspricht. Das in seinem Haus installierte Gerät ermittelte für sein Viertel im Winter bedenkliche Werte von über 300, sagt er. Auch Waheed zeigt sich wenig beeindruckt: Die neue Regierung ergreife nicht die nötigen Maßnahmen, um die schädliche Luftverschmutzung einzudämmen, sagt sie. „Man muss dringend etwas für die Luft in Lahore tun und die Abgase der Autos reduzieren.“

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

erschienen in Ausgabe 4 / 2019: Erde aus dem Gleichgewicht

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