Medizinisches Cannabis
Als erstes Land der Welt hat Uruguay Cannabis legalisiert. Die Pflanze wird hier für den medizinischen Gebrauch angebaut.    
Medizinisches Cannabis

Im Rausch des grünen Goldes

Der Markt für Cannabis boomt, denn immer mehr Länder legalisieren den Gebrauch für medizinische Zwecke. Entwicklungsländer wie Marokko, Thailand oder Kolumbien sehen darin große wirtschaftliche Chancen.

Eine grüne Welle erfasst die Pharmaproduktion: Die jahrzehntelang geächtete Rauschpflanze Cannabis erlebt einen Boom als Heilmittel. Immer mehr Länder erlauben ihren medizinischen Gebrauch, manche sogar den zu Rauschzwecken. Den Anfang machte Uruguay, das 2012 als erstes Land der Welt Cannabis vollständig legalisierte. Noch im selben Jahr folgten die US-Bundesstaaten Washington und Colorado. Mittlerweile kann man in zehn US-Bundesstaaten Cannabis frei konsumieren und in 33 als Arznei erhalten.

Als erste Industrienation legalisierte Kanada im Jahr 2018 den Verkauf und Konsum vollständig. Dort bringt der Cannabishandel nicht nur Steuergelder – die kanadische Regierung erwartet jährliche Einnahmen von bis zu einer Milliarde Dollar –, sondern die Cannabisindustrie kann auch ein Job- und Wirtschaftsmotor sein. Kanada hat bereits 2001 die medizinische Verwendung legalisiert und ist nach Großbritannien heute der zweitgrößte Produzent für medizinisches Cannabis. Acht der international zehn größten Hersteller sind kanadische Firmen, die größten heißen Canopy Growth, Tilray und Aurora Cannabis.

Sie treffen auf einen stetig wachsenden Markt, je mehr Länder die medizinische Anwendung freigeben. „Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht ein weiteres Land dazustößt“, sagt Martin Jelsma, Politikwissenschaftler am Transnational Institute (TNI), einer Denkfabrik in Amsterdam, die seit vielen Jahren die globale Drogenpolitik analysiert und Regierungen berät. Die kommen zunehmend aus Entwicklungs- und Schwellenländern wie Kolumbien, Thailand, Jamaika, Lesotho, Simbabwe und Mexiko, die bereits die Legalisierung von medizinischem Cannabis beschlossen haben und als Cannabisproduzenten auf den Weltmarkt drängen wollen. Auch Südafrika, Marokko, Sri Lanka, Indien, Nepal, Bhutan und sogar Malaysia sind laut Jelsma interessiert. Malaysia würde mit der Legalisierung einen drastischen Schwenk vollziehen, denn bislang kann Drogenhandel dort mit dem Tod bestraft werden.

In Deutschland erlaubt ein Gesetz von 2017 Ärzten, bestimmten Patienten Cannabisblüten und -extrakte zu verschreiben, beispielsweise um Multiple Sklerose und chronische Schmerzen zu behandeln. Zuvor benötigten Patienten dafür eine Ausnahmegenehmigung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die Gesetzesänderung hat die Nachfrage nach medizinischem Cannabis deutlich steigen lassen – Schätzungen der Krankenkassen zufolge leben in Deutschland rund 40.000 Cannabispatienten. Der Jahresbedarf von drei Tonnen werde durch Importe aus Kanada und den Niederlanden gedeckt, sagt BfArM-Pressesprecher Maik Pommer. Derzeit baue man eine eigene Produktion in Deutschland auf, die ab 2020 den Bedarf decken soll. Das BfArM hat dafür Lizenzen an die kanadischen Firmen Aphria und Aurora sowie an das deutsche Unternehmen Demecan vergeben.

Legales Cannabis auf dem Weltmarkt

Deutschland ist laut dem Bericht „Medizinisches Cannabis in Europa – Märkte und Möglichkeiten“ der Publikation „Marihuana Business Daily International“, einer US-amerikanischen Nachrichtenagentur des Medienkonzerns Anne Holland Ventures, mit einem Volumen von 57 Millionen Euro schon jetzt der größte europäische Markt für legales Cannabis. Der Weltmarkt wächst rasant: 2016 machten die Umsätze 14 Milliarden US-Dollar aus, 2024 werden nach Schätzungen 64 Milliarden erwartet. Im Jahr 2000 wurde laut Statistik des Internationalen Suchtstoffkontrollrates weltweit nur eine Tonne legales Cannabis produziert, 2017 waren es 406 Tonnen.

Autor

Jens Lubbadeh

ist freier Journalist in Berlin. Er hat auch zwei Wissenschaftsthriller im Heyne-Verlag veröffentlicht.
Für Schwellenländer ist das verlockend. „In vielen dieser Länder, beispielsweise Marokko, Thailand und Kolumbien, existiert seit Jahren illegaler Cannabisanbau, weswegen die Regierungen sich eine Entkriminalisierung der lokalen Anbauer erhoffen“, sagt TNI-Mitarbeiter Jelsma. Der große Vorteil der Entwicklungsländer: Sie haben weitaus bessere klimatische Bedingungen für den Anbau der anspruchsvollen Cannabispflanze und locken zudem mit deutlich geringeren Lohnkosten.

Das haben kanadische Firmen erkannt, die Cannabis bislang unter hohem Energie- und Betreuungsaufwand in Gewächshäusern produzieren. Die Firma PharmaCielo, Hersteller von medizinischem Cannabis mit Sitz in Toronto, baut deshalb nicht in Kanada an, sondern in den kolumbianischen Anden. Kolumbien, das seit langem einer der größten illegalen Drogenexporteure ist und wo der jahrelange Kampf gegen die Drogenproblematik als gescheitert gilt, hatte 2015 auf Betreiben des damaligen Präsidenten Juan Manuel Santos den Anbau von medizinischem Cannabis legalisiert. Auf zwölf Hektar Anbaufläche nahe der Stadt Medellín zieht PharmaCielo Cannabis – ohne den Einsatz von Wachstumslampen oder Dünger. Lediglich Segelplanen schützen die Pflanzen vor harten Regenfällen und der stechenden Sonne.

Die Pharmafirma und die Cooperativa „Caucannabis“

PharmaCielo ist die erste ausländische Firma, die von der kolumbianischen Regierung eine Lizenz zum Anbau erhalten hat. „Wir haben drei Jahre lang Gespräche geführt“, sagt David Gordon, Vorstandsmitglied von PharmaCielo. „Eine der Bedingungen der Regierung für Lizenznehmer war, dass zehn Prozent der Produktion an Kleinbauern und Indigene vergeben werden müssen.“ Deshalb arbeite PharmaCielo mit der Cooperativa „Caucannabis“ zusammen, der 63 Bauern im Cauca Department angehören. Zudem kooperiere das Unternehmen mit dem indigenen Volksstamm der Arhuaco, berichtet Gordon. Von der Zusammenarbeit profitierten beide Seiten: „Die Leute dort wissen am besten, wie man Cannabis anbaut.“ Die Kooperation habe der Firma außerdem Zugang zu jahrhundertealten Cannabiszüchtungen eröffnet.

Über 40 Millionen US-Dollar hat PharmaCielo bislang in Kolumbien investiert und erwartet Einnahmen von 70 Millionen im Jahr 2019. „Als erste ausländische Lizenznehmer waren wir die Wegbereiter“, sagt Gordon. Andere folgten schnell: Bis Februar 2019 vergab Kolumbien insgesamt 193 Lizenzen für den Anbau von Cannabissaaten, 91 weitere für Cannabis-Derivate. Mindestens sieben weitere kanadische Firmen sind darunter, so auch der Marktführer Canopy Growth, der in den nächsten Jahren 60 Millionen US-Dollar in Produktions- und Forschungsanlagen investieren will.

Kolumbiens neuer Wirtschaftszweig wächst schnell: Nach einem Bericht der Firma Khiron soll Kolumbien vom Internationalen Suchtstoffkontrollrat die Genehmigung für die Produktion von 40 Tonnen Cannabis erhalten haben. Das Land würde damit aus dem Nichts auf Platz drei der weltweit größten Produzenten aufschließen. Kolumbien, das nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg langsam zur Ruhe kommt, sehe im Aufbau einer legalen Cannabisindustrie auch eine Maßnahme zur Befriedung des Landes, sagt Jelsma. Viele Kleinbauern haben jahrelang illegal Cannabis angebaut, um sich ein Auskommen zu schaffen. Die legale Cannabis-Industrie bietet ihnen nun die Chance, der Illegalität und damit dem Einfluss der Drogenkartelle zu entkommen. Vor diesem Hintergrund sieht PharmaCielo sein Investment in Kolumbien: „Wir fühlen uns verpflichtet, Wirtschaftswachstum in Kolumbien zu generieren, die medizinische Cannabisindustrie voranzubringen und den Kolumbianern etwas zurückzugeben“, schreibt das Unternehmen auf seiner Webseite.

Der Wechsel zum legalen Anbau hat seine Tücken

Doch leider sieht die Realität nicht ganz so rosig aus, sagt Jelsma. Sein Institut stehe in engem Austausch mit den kolumbianischen Kleinbauern und überwache die Aktivitäten der Anbaukonzerne. „Viele Firmen unterlaufen die 10-Prozent-Regel, indem sie einfach die Lizenzen lokaler Kooperativen aufkaufen und die Kleinbauern als Tagelöhner auf ihren Plantagen anstellen“, sagt Jelsma. Er will keine Schwarz-Weiß-Malerei betreiben, meint aber: „Viele Firmen haben sich den Markteintritt zu leicht vorgestellt.“ Der Wechsel vom illegalen zum legalen Anbau habe seine Tücken: „Auf dem illegalen Cannabismarkt waren Linien mit hohem Gehalt am psychoaktiven Wirkstoff THC gefragt, welche die Bauern jahrelang angebaut haben.“ Oft handele es sich dabei um Züchtungen aus dem Ausland, die für das kolumbianische Klima nicht besonders gut geeignet seien. Deswegen setzten die Bauern viel Dünger und auch Pestizide ein. Das vertrage sich aber nicht mit dem Anbau von medizinischem Cannabis, der hohe Standards erfüllen muss, so Jelsma. Nach den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation für den Anbau von medizinisch genutzten Pflanzen sollen Produzenten dabei auf den Einsatz von Dünger und Pestiziden nach Möglichkeit verzichten.

Außerdem seien die meisten Anbauregionen in Kolumbien politisch noch immer sehr unsicher. „All diese Schwierigkeiten haben Firmen, die vielleicht anfangs guten Willens waren, örtliche Bauern und Kooperativen mit einzubeziehen, dann doch dazu verleitet, den einfachen Weg zu wählen und Lizenzen aufzukaufen – was zu problematischen Monopolisierungen führt.“ Immerhin habe die kolumbianische Regierung die Fehlentwicklungen erkannt und den Lizenzierungsprozess ausgesetzt, um ihn zu überarbeiten.

Aus den Erfahrungen Kolumbiens können andere Länder lernen. „Der wirtschaftliche Druck, den der schnell wachsende Cannabismarkt ausübt, ist hoch“, sagt Jelsma. „Viele wollen sich Marktanteile sichern, dafür benötigen sie ausländisches Kapital und Expertise großer Konzerne.“ Um diese anzulocken, gestalteten laut Jelsma viele Regierungen die Regeln für den Markteintritt relativ einfach – mit nur wenigen Auflagen. Das aber berge das Risiko, dass Kleinbauern gegenüber den Großkonzernen ins Hintertreffen gerieten.

Cannabis aus Thailand –  wegen seiner Qualität berühmt

Thailand hat, um das zu verhindern, das andere Extrem gewählt: Das Land will ebenfalls eine heimische Produktion aufbauen, hat aber keine Lizenzen an ausländische Firmen vergeben. Die thailändische Regierung wolle damit heimische Firmen bevorzugen und Profite im Land halten, sagt Jelsma. Die Firma Thai Cannabis Corporation hofft, die erste Lizenz zu ergattern. „Thailändisches Cannabis wird schon bald der Marktführer sein, wie Schweizer Uhren oder Apple-Smartphones“, verkündet ihr Marketing-Vizepräsident Jim Plamondon vollmundig. Tatsächlich war das Cannabis aus dem südostasiatischen Land viele Jahre lang wegen seiner Qualität berühmt. Amerikanische Soldaten hatten es während des Vietnamkriegs zuhauf konsumiert und in die USA gebracht.

Jelsma findet die Abschottungsmaßnahme sinnvoll, um lokalen Initiativen einen Vorsprung zu geben, bevor ausländische Konzerne in den Markt kommen. „Die Regierung hat den Willen, auch Kleinbauern zu fördern, aber ob das wirklich passiert, muss man sehen.“

Um das sicherzustellen, könnten Cannabiskonzerne und staatliche Regulierer viel vom Fair-Trade-Markt lernen: Gemeinsame Unternehmen mit Bauernkooperativen, verpflichtende Mindestlöhne, die Einhaltung ökologischer Standards, soziales Engagement der Konzerne und Ausbildungsförderung – all das helfe, um Ausbeutung und Monopolbildungen zu verhindern. Jelsma hat hierzu den Bericht „Fair(er) Trade Options for the Cannabis Market“ veröffentlicht. Aber ein Fair-Trade-Produkt könne sich nur durchsetzen, wenn es dafür auch Abnehmer gibt, meint Jelsma: „Deutschland sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen und Cannabis aus Ländern mit fairen Produktionsmethoden beziehen.“

erschienen in Ausgabe 6 / 2019: Arznei und Geschäft

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