Nigeria
Im Juni 2018 wurden bei Kämpfen zwischen Fulani-Viehhirten und Bauern mehr als 200 Menschen getötet. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt, so wie hier im Bundesstaat Plateau.
Nigeria

Blutiger Kampf um knappes Land

In Nigeria eskaliert der Konflikt zwischen Viehhirten und sesshaften Bauern. Religion spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Andere Faktoren sind wichtiger.

Am 2. Juni 2018 verlor Deborah Mangai ihren Ehemann und ihre beiden Söhne. Auch ein Freund ihres Manns wurde getötet. Als an diesem Tag ihr Dorf in Zentralnigeria von Viehhirten der Fulani, auch unter den Namen Fulbe oder Peul bekannt, überfallen wurde, war sie nicht zu Hause. Bei ihrer Rückkehr fand sie zu ihrem Entsetzen die Leichen. „Als ich die Toten sah, brach ich zusammen. Mein Mann war von etlichen Kugeln am ganzen Körper getroffen worden“, erzählt sie. „Eines der Kinder hatte einen Bauch- und einen Kopfschuss, das andere einen Bauchschuss. Der Freund meines Mannes war ebenfalls in den Bauch geschossen worden.“

Mehr als 200 Menschen kamen an diesem Tag bei Überfällen auf elf Dörfer im nigerianischen Bundesstaat Plateau ums Leben. Es war die bis dahin schlimmste Angriffsserie im Konflikt um frucht­bares Land und Wasser zwischen nomadisch lebenden Fulani-Hirten und Bauern. Aufgrund solcher Überfälle, denen gelegentlich Vergeltungsaktionen der Bauern folgen, sind inzwischen Tausende Menschen in Nigeria zu Binnenflüchtlingen geworden, die in Lagern Schutz suchen.

Die Viehhirten stammen mehrheitlich aus dem Norden Nigerias. Der Klimawandel, der den ohnehin trockenen Norden zunehmend ungeeignet für die Viehzucht macht, lässt sie in die Mitte und den Süden des Landes vorrücken. Das führt besonders in der fruchtbaren Zentralregion, der Kornkammer Nigerias, zu Konflikten. Zu den am stärksten betroffenen Gebieten gehören die Bundesstaaten Plateau, Benue, Taraba, Kaduna und Nasarawa.

"Einige haben sie erschossen, anderen die Kehle durchgeschnitten"

Der Konflikt zwischen den Bauern und den Hirten schwelt schon lange, doch in Gewaltakten entlädt er sich erst, seit die Fulani in den vergangenen Jahren die Bauern mit Waffen angreifen. Nach Zahlen des Global Terrorism Index des Institute of Economics and Peace sind zwischen Januar und September 2018 ungefähr 1700 Menschen bei Angriffen durch Fulani-Hirten ums Leben gekommen, sechs Mal so viele, wie im gleichen Zeitraum auf das Konto der islamistischen Miliz Boko Haram gingen.

Autor

Sam Olukoya

ist freier Journalist im nigerianischen Lagos.
Auch das Dorf Ruku wurde an jenem 2. Juni 2018 überfallen. Dabei kamen unter anderen der Ehemann und der Schwiegervater von Godia Moses ums Leben. „Einige haben sie erschossen, anderen die Kehle durchgeschnitten“, berichtet sie. Es blieb nicht bei diesen Gewalttaten. „Sie haben geplündert und dann die Häuser und alles, was sie nicht fortschleppen konnten, in Brand gesteckt“, sagt sie.

Nura Abdullahi ist der Vorsitzende der Miyetti Allah Cattle Breeders Association im Bundesstaat Plateau, der wichtigsten Organisation von Fulani-Hirten. Abdullahi sieht vor allem den Klimawandel als Grund für die Wanderungsbewegung der Viehzüchter. „Im Norden ist die Sahara auf dem Vormarsch, das zwingt die Hirten, weiter ins Landesinnere zu ziehen“, sagt er.

Wohnhäuser und Straßen auf alten Weidewegen

Der Zuzug der Rinderhirten verschärft erheblich den Konkurrenzkampf um Land in Zentral- und Südnigeria, der durch die wachsende Bevölkerung Nigerias ohnehin schon schärfer geworden ist. Viele alte Weidewege, vor 60 Jahren für Nigerias Hirten reserviert, werden im inzwischen bevölkerungsreichsten Land Afrikas für andere Zwecke genutzt. Vielerorts sind sie mit Wohnhäusern und Straßen bebaut oder in Ackerland umgewandelt worden. Als sie den Fulani-Hirten zugesprochen wurden, zählte die Bevölkerung von Nigeria 33 Millionen Menschen – heute ist sie auf mehr als 192 Millionen gewachsen.

Ein Fulani-Hirte tränkt sein Vieh. Der Verlust der Weidewege und der Klimawandel tragen zu den Spannungen bei. Emmanuel Arewa/AFP/Getty Images
Der Verlust der Weidewege trägt zu den Spannungen bei, erklärt Joseph Lengman, Generaldirektor der Peace Building Agency von Plateau, deren Aufgabe es ist, Konfliktprävention zu betreiben und Lösungsansätze zu entwickeln. Eines der wichtigsten Ziele der Agency ist laut Lengman, „vor Ort ein Frühwarnsystem für Konflikte zu schaffen und Spannungen wirksam zu begegnen“. Die Agency hat Führer der Hirten und Bauern in dem Bemühen zusammengebracht, die Differenzen im Dialog zu klären. Doch trotz der Eröffnung solcher friedlicher Kommunikationskanäle zwischen beiden Parteien nimmt das Töten kein Ende.

Die nigerianische Bevölkerung gibt mehrheitlich den Fulani-Hirten die Schuld an den Auseinandersetzungen. Nura Abdullahi widerspricht; die Fulani seien ein friedliebendes Volk, sagt er. „Unser Verhaltenskodex verlangt von uns Friedfertigkeit bei unseren Wanderungen. Ein Fulani würde um nichts auf der Welt gegen diese Vorschrift verstoßen.“ 

Abdullahi wirft im Gegenzug Bauern der Ethnien Berom und Irigwe vor, die Fulani und ihre Rinder anzugreifen. „Beinahe täglich kommt es an verschiedenen Orten zu Übergriffen. Sie töten und stehlen Kühe“, sagt er. Allerdings haben andere Vertreter der Miyetti Allah Cattle Breeders Association wiederholt die Verantwortung für Angriffe auf Bauerndörfer übernommen; sie seien zur Vergeltung für den Diebstahl von Kühen erfolgt, sagten sie.

Die Bauern wiederum sagen, die Fulani attackierten sie, um ihnen ihr Land wegzunehmen. Opfer aus mehreren Dörfern sprechen von systematischen Vertreibungsversuchen der Fulani, die es auf ihre Häuser abgesehen hätten.

Religion spielt keine große Rolle

Die zumeist christlichen Bauern werfen den Fulani sogar vor, einen Religionskrieg gegen sie zu entfesseln. Viele der Opfer in Plateau leben in Dörfern der Berom und Irigwe, die in der Regel Christen sind. Dalyop Solomon, ein Vertreter der Berom, sieht hinter den Angriffen teilweise das Motiv, den Islam zu verbreiten. „Das eigentliche Ziel der Fulani ist es, eine islamische Enklave zu schaffen, in der sie allein das Sagen haben. Bei ihren Angriffen zerstören sie gezielt Kirchen, um auf dem Gelände dann Moscheen errichten zu können“, sagt er. „Das ist ein reiner Religionskrieg, ein religiöses Pogrom, religiös motiviertes Blutvergießen.“

Dass es jedoch nicht allein um Religion geht, zeigt sich daran, dass die Fulani auch Konflikte mit anderen muslimischen Gemeinschaften haben. Im Bundesstaat Zamfara attackieren die Hirten regelmäßig Hausa-Bauern, die mehrheitlich Muslime sind. In den vergangenen Monaten wurden bei diesen sich ausweitenden Angriffen bereits Hunderte Hausa getötet.

Die Einwanderung von Fulani aus anderen Ländern hat den Konflikt zusätzlich verschärft. Fulani leben in mehr als 20 Staaten in West- und Zentralafrika, darunter sind Mauretanien, Mali, Niger, Tschad und die Zentralafrikanische Republik. Viele kommen aus trockeneren Ländern rund um die Sahara über kaum gesicherte Grenzen nach Nigeria.

Manche werfen den nigerianischen Fulani vor, sich mit Fulani von außerhalb Nigerias gegen die Bauern zu verbünden. „Ihrer Erscheinung nach stammten einige der Fulani, die uns überfallen haben, sicherlich nicht aus Nigeria; sie waren anders als die Fulani, die wir kennen“, sagt Godia Moses, deren Dorf im Juni 2018 angegriffen wurde. Ergänzend fügt sie hinzu, die ausländischen Fulani, offensichtlich mit den Verhältnissen nicht vertraut, hätten sich von den einheimischen Fulani zeigen lassen, welche Häuser sie angreifen sollten.

Präsident Buhari stellt sich hinter die Hirten

Nigerias Präsident Muhammadu Buhari, selbst ein Fulani, der ebenfalls Viehzucht betreibt, wird vorgeworfen, nicht genug gegen solche Überfälle zu unternehmen. Viele Nigerianer sehen es sehr kritisch, dass ihr Präsident die Fulani häufig in Schutz nimmt und vor allem Leute von außerhalb Nigerias für die Angriffe verantwortlich macht.

„Diese Räuber wurden von Muammar al-Gaddafi in Libyen ausgebildet und bewaffnet. Nach seinem Tod sind sie mit ihren Waffen entkommen“, sagte er einmal. „Die Hirten, die wir kennen, haben nur ihre Stöcke und gelegentlich eine Machete, um den Weg freizuschlagen, aber diese hier benutzen moderne Waffen.“ Ob es sich bei diesen bewaffneten Ausländern um Fulani handelt, darüber schweigt sich Präsident Buhari aus.

Im Mai 2018 tragen Geistliche im Bundesstaat Benue 17 Kirchgänger und zwei Priester zu Grabe. Sie sollen von Fulani-Hirten bei einem Anschlag auf ihre Kirche getötet worden sein. Emmy Ibu/AFP/Getty Images
Die Bauern, die daran keinen Zweifel haben, bestätigen, dass die Angreifer mit Sturmgewehren bewaffnet sind. Der International Crisis Group zufolge hat sich die Lage durch den zunehmenden Einsatz von Schnellfeuerwaffen zugespitzt. Das Problem, das viele Nigerianer dringend gelöst sehen wollen, weitet sich allmählich zu einer Staatskrise aus.

Rinderzucht nur noch auf eingezäuntem Gebiet

Die Regierungen der Bundesstaten in Zentral- und Südnigeria sehen die beste Lösung darin, die offene Weidewirtschaft abzuschaffen, die dazu führt, dass die Rinder über Ackerland und durch Wohngebiete ziehen, die Ernte fressen und Eigentum beschädigen. Sie arbeiten an Gesetzen, die die Rinderzucht nur noch auf eingezäuntem Gebiet erlauben soll.

Im Bundesstaat Benue, wo es ein solches Gesetz bereits gibt, können nur nigerianische Staatsbürger eine Ranch besitzen, und sie dürfen keine Feuerwaffen tragen. Die Fulani lehnen das Gesetz ab, sie sagen, es zerstöre ihre nomadische Hirtenkultur. Sie fordern, weiterhin wie seit alters her mit ihren Herden über Land ziehen zu können. Nach Verabschiedung des Gesetzes haben sie in Benue eine Reihe von Überfällen verübt, die in ihren Augen durch das Gesetz provoziert wurden.

Präsident Buhari steht auf ihrer Seite. Er sieht die Lösung der Krise in einer Wiederherstellung der alten Weidewege. „Wer Rinderzüchter ist oder etwas von Rindern versteht, so wie ich, der weiß, dass den Hirten nun nichts anderes übrig bleibt, als über das Land anderer zu ziehen, um ihre Tiere zur Tränke zu führen“, sagte er.

Doch die betroffenen Bauern sind nicht bereit, Land für solche Weidewege aufzugeben. Und so scheint eine Lösung des Konflikts derzeit in weiter Ferne.

erschienen in Ausgabe 7 / 2019: Multilaterale Politik: Zank auf der Weltbühne

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