Malaysia
Premierminister Najib Razak (Mitte) feiert 2013 mit seiner Frau Rosmah Mansor und seinem Stellvertreter Muhyiddin Yassin seinen Wahlsieg. Heute ist er wegen Geldwäsche und Amtsmissbrauchs angeklagt.  
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Ein Kleptokrat und seine Helfer

Der Fall Najib Razak in Malaysia zeigt exemplarisch, wie ein Staatschef mit Hilfe des internationalen Finanzwesens Geld beiseiteschaffen kann. Ungewöhnlich ist jedoch, dass er deshalb abgewählt wurde und nun Details des kriminellen Treibens ans Licht kommen.

Die Vorwürfe haben es in sich: Wegen Machtmissbrauchs, Veruntreuung und Geldwäsche in über 40 Fällen steht Malaysias früherer Premierminister Najib Razak vor Gericht. Mit Hilfe des Staatsfonds „1Malaysia Development Berhad“ (1MDB) sollen er und seine Mittäter Milliarden US-Dollar illegal abgezweigt haben.

Najib hat auf nicht schuldig plädiert und behauptet, die Verfahren seien ein Racheakt der neuen Regierung unter Mahathir Mohamad. Der 94-jährige Mohamad war bis 2003 Premierminister Malaysias gewesen – er führte die „United Malays National Organisation“ (UMNO), ebenso wie sein Nach-Nachfolger Najib Razak. Wegen des 1MDB-Skandals verließ Mahathir 2016 diese Partei und gewann an der Spitze eines Oppositionsbündnisses im Mai 2018 die Wahl.
Ein Rückblick: Najib wurde im April 2009 Regierungschef, nachdem bei den Parlamentswahlen 2008 die Regierungskoalition ihre Zweidrittelmehrheit verloren hatte. Drei Monate später rief Najib, zugleich Finanzminister, 1MDB ins Leben und wurde dessen Beiratsvorsitzender. Nach außen sollte der Staatsfonds dazu dienen, mit Hilfe ausländischer Investitionen und „strategischer Partnerschaften“ die Wirtschaft Malaysias zu fördern.

1MDB warb um Kapital von Investoren, angeblich für Projekte in Bereichen wie Infrastruktur, Tourismus und Energie. Stattdessen flossen die geborgten, mit Staatsanleihen gedeckten Milliarden an Scheinfirmen und verdeckte Konten in Singapur, Europa, den USA, den Britischen Jungferninseln und den Seychellen. Mittlerweile ermitteln Behörden aus mindestens sechs Ländern, darunter USA, Singapur, Schweiz und Malaysia selbst. Außer Najib profitierte eine Clique um dessen Vertrauten, den malaysischen Investor und Jet-Set-Löwen Low Taek Jho, bekannt als Jho Low. Nach Schätzungen der US-Justiz wurden zwischen 2009 und 2014 mehr als 4,5 Milliarden US-Dollar aus dem 1MDB-Fonds veruntreut.

Eine Milliarde US-Dollar auf einem Schweizer Konto

Erste Details kamen 2015 ans Licht: Clare Rewcastle Brown, Betreiberin der in London ansässigen Nachrichtenseite „Sarawak Report“, wurden Unterlagen zugespielt, die illegale Transaktionen belegten. Auch die US-Zeitung „Wall Street Journal“ berichtet seitdem ausführlich über den Skandal. Begonnen hat der Diebstahl offenbar mit einem Joint Venture zwischen 1MDB und dem privaten Ölunternehmen.PetroSaudi. Bei dem Deal im Spätsommer 2009 habe Jho Low eine wesentliche Rolle gespielt, schrieb 2018 die nichtstaatliche Organisation „Global Witness“ unter Berufung auf US-Ermittler und Medienberichte. Unter dem Deckmantel des Joint Ventures sei über eine Milliarde US-Dollar auf das Schweizer Konto eines Unternehmens namens „Good Star Ltd.“ auf den Seychellen geflossen. Dieses gehörte niemand anderem als Jho Low.

Autorin

Nicola Glass

lebt als Journalistin nahe Hamburg. Sie hat von 2002 bis 2015 als freie Südostasien-Korrespondentin in Bangkok gearbeitet und mehrfach in Malaysia recherchiert. 2018 erschien ihr Buch „Thailand. Ein Länderporträt“.
Ähnliche Taktiken galten bei Kooperationen zwischen 1MDB und Aabar Investments, einer Tochtergesellschaft des Staatsfonds von Abu Dhabi. Ein Gutteil der Summe von 3,5 Milliarden US-Dollar aus 1MDB-­Anleiheerlösen 2012 landete auf dem Konto einer Firma namens Aabar, die nicht identisch war mit der IPIC-Tochtergesellschaft, sondern unter dem nahezu gleich klingenden Namen auf den Britischen Jungferninseln registriert. Sie war laut US-Ermittlern vom einstigen IPIC-Vorstand Khadem Al-Qubaisi und dem früheren Aabar-Geschäftsführer Ahmed Badawy Al-Husseiny gegründet worden, um 1MDB-Gelder abzuzweigen. Einige Beträge wurden umgeleitet, darunter auf ein Singapurer Konto unter dem Decknamen „Eric Tan“. Dieser war Vertrauter und Erfüllungsgehilfe von Jho Low, wie die Zeitung „The Edge Malaysia“ im Juni 2018 schrieb.

Auf gleiche Weise wurde 2013 über eine weitere Milliarde US-Dollar aus 1MDB abgezweigt. Von einem Singapurer Konto der ebenfalls auf den Jungferninseln registrierten Firma „Tanore Finance Corp“ unter „Eric Tan“ landeten Hunderte Millionen Dollar in Malaysia, zwei Monate vor den Parlamentswahlen 2013: „Ermittler gehen davon aus, dass im März 2013 von Tanore aus 681 Millionen US-Dollar auf die Konten des malaysischen Premierministers Najib bei der AmBank überwiesen wurden“, schrieb das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf Insider im April 2016.

Schmiergelder und Luxusgüter

Einen Teil hatte Najib benutzt, um UMNO-Politiker und deren Verbündete zu schmieren und sich ihrer Loyalität zu versichern. „Die Zuteilungen beliefen sich auf über 600 Millionen Ringgit (mehr als 140 Millionen USD), die Najib selbst in einer Reihe von mehr als 130 Schecks auszahlte“, berichtete „Sarawak Report“ im Mai 2017. Andere Summen soll Najibs Familie für Luxusgüter ausgegeben haben. Bei einer Razzia 2018 durchsuchte Malaysias Polizei eine Luxuswohnung von Najib und dessen Frau Rosmah Mansor, die ebenfalls der Geldwäsche beschuldigt wird. Die Beamten fanden fast 290 Kisten voller Designerhandtaschen sowie über 70 Taschen mit Bargeld, Schmuck und Uhren.

Najib hatte behauptet, bei den 681 Millionen Dollar handele sich um Spenden aus Saudi-Arabien. Um den Skandal zu vertuschen, feuerte er Kritiker in den eigenen Reihen. Derweil befindet sich Jho Low auf der Flucht. Er habe unter anderem geholfen, durch den Kauf von Luxusimmobilien in Manhattan und Beverly Hills, Kunstschätzen und einer Mega-Jacht veruntreute Milliarden zu waschen, so US-Ankläger. Geld daraus floss auch ausgerechnet in die Produktion des Hollywood-Streifens „The Wolf of Wall Street“ der Filmgesellschaft Red Granite. Deren Mitbegründer ist Najibs Stiefsohn Riza Aziz, den die malaysische Justiz wegen Geldwäsche und Veruntreuung angeklagt hat.

Ohne Beteiligung globaler Finanzinstitute, deren Töchter und Niederlassungen wäre der ganze Diebstahl kaum möglich gewesen. Im Zuge der Ermittlungen tauchten Namen auf wie DBS Group, JP Morgan Chase und Standard Chartered. Besonders unter Druck steht die US-Investmentbank Goldman Sachs. Ermittlern zufolge hat sie 2012 und 2013 die Emissionen dreier Anleihen von 1MDB im Gesamtumfang von 6,5 Milliarden US-Dollar begleitet und dafür Gebühren von nahezu 600 Millionen Dollar eingestrichen. Malaysias Generalstaatsanwalt wirft Goldman Sachs irreführende Angaben im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Veruntreuung von 2,7 Milliarden Dollar aus den Anleiheerlösen vor.

Im August 2019 stellten die Behörden in Kuala Lumpur Strafanzeige gegen 17 frühere und jetzige Mitarbeiter von Goldman Sachs – zusätzlich zu jenen Anzeigen, die Malaysia im Dezember 2018 gegen drei Tochtergesellschaften und zwei frühere Angestellte der US-Investmentbank gestellt hatte, nämlich Tim Leissner und dessen damaligen Vize Roger Ng. Beide müssen sich auch vor der US-Justiz verantworten – wegen Geldwäsche und Verstoßes gegen das amerikanische Antikorruptionsgesetz. Leissner, der einstige Südostasien-Chef von Goldman Sachs, hat sich schuldig bekannt.

Laut deutschen Medienberichten von Mitte 2019, die sich auf das „Wall Street Journal“ berufen, prüft die US-Justiz zudem, ob die Deutsche Bank bei ihrer Arbeit für den Fonds gegen Korruptions- und Geldwäschegesetze verstoßen hat. Dagegen wehre sich das Geldhaus: Ein Sprecher habe angegeben, man kooperiere mit den Behörden; in Unterlagen zu dem Fall hätten die US-Behörden befunden, dass 1MDB „erhebliche Falschdarstellungen“ gegenüber der Deutschen Bank gemacht habe, was sich mit eigenen Erkenntnissen decke.

Die 1MDB-Affäre ist längst nicht ausgestanden. Malaysias Finanzminister Lim Guan Eng hat gesagt, sein Land könne von Glück sagen, wenn es 30 Prozent der verlorenen Milliarden zurück erhalte.

erschienen in Ausgabe 10 / 2019: Ab in die Steueroase

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