Klimawandel
Klimawandel

Wider die falschen Hoffnungen

Wenn wir für eine bessere Welt kämpfen wollen, sollten wir uns vorher eingestehen: Das mit dem Klima haben wir verbockt.

Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen hat Anfang September mit einem Aufsatz im Magazin „The New Yorker“ für Aufregung gesorgt. Er plädiert dafür, einen weiter fortschreitenden Klimawandel mit potenziell katastrophalen Folgen als unabwendbar zu akzeptieren. Das hat ihm viel Kritik eingetragen, in Deutschland etwa von Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Rahmstorf wirft Franzen im „Spiegel“ Defätismus und „eine bequeme Haltung“ vor: „Man kann sich damit gemütlich einrichten und über das sich langsam entfaltende Klimadesaster lamentieren, ohne etwas dagegen tun zu müssen.“

Das geht allerdings an den klugen Gedanken Franzens völlig vorbei. Rahmstorfs Antwort offenbart eine Weltfremdheit, die typisch ist für Teile der Klimawissenschaft und für viele Klimaschützer. „Es sieht zwar nicht so aus, aber wir können die Klimakrise noch abwenden“, lautet der Titel seines Artikels; „wir haben die Wahl“, betont er im Text noch einmal. Jonathan Franzens Beitrag wirkt deshalb wie eine Befreiung, weil er ausspricht, dass er diese Art von Beschwörungen nicht mehr hören will.

Technisch möglich, politisch unrealistisch

Franzen schaut auf gut dreißig Jahre sogenannte Klimaschutzpolitik zurück, macht sich seine Gedanken über die Natur des Menschen, nimmt die gegenwärtige Weltlage in den Blick – und kommt zu dem Schluss: „Ich kann zehntausend Szenarien durchspielen, und in keinem einzigen sehe ich, dass das 2-Grad-Ziel eingehalten wird.“ Denn die technisch möglichen Lösungen seien politisch völlig unrealistisch.

Was fällt dem Klimaforscher Rahmstorf dazu ein? „Jeder, der meint, das Paris-Ziel sei nicht mehr zu schaffen, fällt lediglich ein Urteil über die Fähigkeit der Politik, entschlossen zu handeln – nicht über die naturwissenschaftlichen Fakten.“ Das ist allerdings kein Einwand gegen Franzen, sondern bestätigt ihn: Denn entscheidend für den Klimaschutz sind die Möglichkeiten und Grenzen von Politik, nicht die wissenschaftlichen Fakten. Anders sieht die Welt nur aus, wenn man weit oben im Elfenbeinturm sitzt.

Rahmstorf schreibt, Franzen glaube, „dass danach alles egal ist“, wenn das 2-Grad-Ziel überschritten worden sei. Entweder hat der Klimaforscher Franzens Text nur sehr oberflächlich gelesen oder er gibt ihn mit Absicht falsch wieder (um ihm dann Defätismus vorwerfen zu können). Franzen schreibt wörtlich: „Selbst wenn wir nicht länger darauf hoffen können, von einer Erwärmung um mehr als 2 Grad verschont zu bleiben, gibt es starke praktische und ethische Argumente dafür, Kohlendioxidemissionen zu reduzieren.“ Halbherzige Maßnahmen seien immer noch besser als gar keine. Franzen sagt sogar: Selbst wenn wir wüssten, dass es gar nichts ändert, wäre es geboten, nicht weiter endliche Ressourcen auszubeuten und Kohlendioxid in die Atmosphäre zu blasen.

Das alte "Es ist fünf zwölf"

Rahmstorf leiert im Grunde das alte „Es ist fünf vor zwölf“ runter. Er selbst, nicht Franzen, macht es sich bequem, indem er uns mit Verweis auf die „wissenschaftlichen Fakten“ glauben machen will, die Uhr lasse sich noch anhalten und das Klima in einem Zustand stabilisieren, der vom gegenwärtigen nicht allzu weit entfernt ist. Franzen hingegen macht sich die Mühe, durchzuspielen, wie der Mensch sich auf die kommenden ökologischen, politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen einstellen könnte. Er sagt nicht – wie Rahmstorf behauptet –, wir sollten uns nur noch auf die Apokalypse vorbereiten und nicht mehr um Klimaschutz kümmern. Aber er sagt, wir sollten nicht unsere gesamte Kraft und alle Ressourcen für ein illusorisches 2-Grad-Ziel verwenden, sondern mehr in die Anpassung an eine Welt jenseits dieses Ziels investieren.

Dazu gehören für Franzen unter anderem das Engagement für Demokratie und Rechtsstaat, für eine menschliche Flüchtlingspolitik, für Gewaltfreiheit im Miteinander – denn all das gerate als Folge der Erderhitzung unter Druck. „Um den Temperaturanstieg zu überleben“, schreibt Franzen, „muss jedes System – sei es die natürliche Welt, sei es die Welt des Menschen – so stark und gesund sein, wie wir es machen können.“

Mut schöpfen aus kleinen Erfolgen

Und dann empfiehlt Franzen jedem von uns noch ein „stärker ausgeglichenes Portfolio an Hoffnungen“: Es sei gut, weiter dafür zu kämpfen, das Schlimmste zu verhindern, aber es sei ebenso wichtig, kleinere, aussichtsreichere Schlachten zu schlagen: „Tue weiterhin das richtige für den Planeten, ja, aber versuche auch das zu bewahren, das du im Besonderen liebst – eine Gemeinschaft, eine Organisation, ein Stück Natur, eine bedrohte Art – und schöpfe Mut aus deinen kleinen Erfolgen.“ 

Rahmstorf schreibt am Ende seiner Replik auf Franzen: „Unsere Kinder und Enkel verdienen etwas Besseres, als dass wir die Hände in den Schoß legen und den Kampf gegen die Erderhitzung aufgeben, bevor wir ihn überhaupt ernsthaft begonnen haben.“ Das stimmt. Unsere Kinder und Enkel verdienen es aber auch nicht, in falscher Hoffnung gewiegt statt angemessen auf ein Leben in Zeiten des Klimawandels vorbereitet zu werden.

Kommentare

Kaum für möglich gehalten, nun Schwarz auf Weiß. Bei welt-sichten traut sich einer, das Unsägliche ins Visier zu nehmen. Seit Jahren mache ich in meinen Kommentaren auf die Unmöglichkeit aufmerksam, die fortschreitende Erwärmung der Biosphäre aufzuhalten. Um längst Gesagtes nicht fortwährend und umfangreich zu wiederholen, sei nur der wichtigste Punkt erwähnt: Wer meint, von der Menschheit gemachtes CO2 sei der Grund für die Erderwärmung, muss das CO2 als Folge der Industrialisierung seit 200 Jahren in den Fokus nehmen. Eben das CO2, das schon wirksam ist, und nicht jenes, das täglich hinzukommt. Wenn also der Klimawandel nicht aufzuhalten ist, dann wird es Zeit, sich mit aller Kraft den Folgen zuzuwenden. Dazu gehört auch Umsiedeln, Dämme und Wasserspeicher bauen, eine andere Landwirtschaft, sturmsichere Strom- und Wasserversorgung, Häuser, die nicht weggeblasen werden, begrünen und Bäume pflanzen, natürlich auch eine vernünftige Geburtenbeschränkung. Endlich einstellen muss man auch das Verschleudern nicht ersetzbarer Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas. Appelle an die Vernunft, aber selbst bekannten Wissenschaftlern fällt der Kurswechsel schwer, weil sie sich in der Rolle als Angsttrompeter gefallen. Macht nichts, in ein paar Jahrzehnten sind Rahmstorf und Kollegen nur Randfiguren der Geschichte und die Natur hat sich kraftvoll ihren Weg gebahnt.

Neuen Kommentar schreiben