Jordanien
Ghassan Halawa ist eine zentrale Figur der jordanischen Start-up-Szene. Seine Agentur berät andere Gründer, er kennt ihre Erfolge und ihre Niederlagen.
Jordanien

Aufbruch im Silicon Wadi

In der jordanischen Hauptstadt Amman blühen digitale Start-ups. Die hohe Arbeits-losigkeit lindert das kaum. Doch junge Leute bringen damit neue Ideen in Jordaniens Geschäftswelt.

Das Gras ist grün und die Luft sauber im King-Hussein-Business-Park. Abseits der chaotischen Innenstadt im Dauerverkehrskollaps haben hier große jordanische Digitalunternehmen wie der Wetterdienst Arabia Weather und der Spieleentwickler Tomatim genauso ihren Sitz wie kleine Start-ups.

Das Unternehmen von Hanan Khader ist schwer zu finden: Hello World Kids ist umgezogen und die Verwaltung hat die Hinweisschilder noch nicht erneuert. Die erfolgreiche Firma logiert jetzt im Untergeschoss, aber eigentlich ist sie aufgestiegen. Die neuen Räume sind deutlich größer als das kleine Büro der Anfangsjahre, Handwerker verlegen gerade letzte Leitungen. Der Name Hello World Kids klingt ein wenig nach Kindergeburtstag. Tatsächlich gehört das Start-up von Khader zu den erfolgreichsten jungen Unternehmen Jordaniens.

Hanan Khader, Ende 30, ist Software-Entwicklerin und vielbeschäftigt, aber sie nimmt sich zwischen zwei Besprechungen Zeit, um ihre Ziele zu erläutern: Sie will die junge Generation Jordaniens fit machen für die digitale Zukunft. Die Idee für ihr Unternehmen sei aus der Enttäuschung geboren, dass ihre beiden Töchter in der Schule kaum an den Computer herangeführt wurden. „Kinder müssen heute Programmieren lernen wie Mathematik und Lesen“, sagt Khader. Diese grundlegenden Fertigkeiten brauche jeder in der modernen Welt. „Wenn es die Schule nicht kann, dann muss ich den Kindern eben selbst das Programmieren beibringen.“

2015 entwickelte sie eine einfache, kindgerechte Programmiersprache und einen Lehrplan für Computerkurse an Schulen von der ersten bis zur neunten Klasse. Sie entwarf Lehrmaterialien, die  auf Papier und Online verfügbar sind, und machte dem Erziehungsministerium und zahlreichen Privatschulen im Land ein Angebot zur Kooperation. Bisher steht Programmieren nicht auf den Lehrplänen in Jordanien. Bei Privatschulen rannte sie offene Türen ein und nach einer Weile war auch das Erziehungsministerium in Amman interessiert.

Vier Jahre später hat Hello World Kids bereits rund 50.000 Schüler im ganzen Land in Workshops, bei privaten Trainings oder im Unterricht erreicht. Behörden im Libanon, in Katar und im Oman haben Interesse an den Lernprogrammen für ihre Schulen signalisiert.

Autorin

Claudia Mende

ist freie Journalistin in München und ständige Korrespondentin von „welt-sichten“. www.claudia-mende.de
Jordaniens Hauptstadt Amman ist neben Kairo, Beirut und Tunis zu einem wichtigen Zentrum für digitale Start-ups im Nahen Osten geworden. Genaue Angaben über die Zahl der Gründungen gibt es nicht, dazu ist die Szene zu unübersichtlich. Aber aus Amman kommen einige digitale Schwergewichte. Hier wurde zum Beispiel Souq.com geboren, die erfolgreichste arabische E-Commerce-Plattform, die 2017 von Amazon aufgekauft wurde. Die Gründungen nutzen Lücken im Gesundheits- oder Bildungsbereich, sie vermitteln Babysitter, Pflegekräfte, Stylisten und Nachhilfelehrer oder vermarkten neue Produkte online.

An Ideen mangelt es nicht im Königreich. Aber sie umzusetzen, ist wegen der äußeren Rahmenbedingungen schwierig. Zwar gilt Jordanien als politisch stabil in einer von Konflikten zerrissenen Region. Doch die Wirtschaftslage in dem ressourcenarmen Wüstenstaat ist schlecht. Das Bevölkerungswachstum, die geringe Industrialisierung, die Flüchtlingskrise und der Zusammenbruch der Märkte in den Nachbarländern Syrien und Irak haben Jordanien in eine tiefe Wirtschaftskrise gestürzt. Gleichzeitig steigen die Lebenshaltungskosten. Amman gilt als teuerste Hauptstadt in der Region. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 30 Prozent, bei den unter 35-Jährigen sind fast 40 Prozent ohne Job. Arbeit findet jetzt nur, wer über die richtigen Verbindungen verfügt. Das sorgt für sehr viel Frustration. Proteste und Demonstrationen sind mittlerweile an der Tagesordnung.

Wer Perspektiven will, muss sie sich selbst schaffen. Das hat sich Ghassan Halawa gesagt. Er hat im gleichen Gebäude wie Hanan Khader sein Büro. Der Mittdreißiger ist ein Energiebündel und eine zentrale Figur in der jungen Start-up-Szene. In seinem kleinen Büro ist eine ganze Wand mit Fotos von Geschäftspartnern dekoriert.  Seine Agentur Parachute 16 berät Gründer und deshalb kennt Halawa ihre Geschichten, ihre Erfolge und ihre Niederlagen.

„90 Prozent aller Start-ups scheitern“, sagt Halawa. Das Geschäft funktioniert nicht, weil das Produkt nicht stimmt, weil es an Expertise fehlt oder die Kommunikation mit den Kunden nicht klappt. Es scheitert an Kapitalmangel und bürokratischen Hürden. Halawa weiß, wie sich das anfühlt. „Ich habe schon acht Unternehmen gegründet, sechs davon sind pleite gegangen“, erzählt er mit einem breiten Grinsen. Er ist keiner, der aufgibt. Halawa glaubt, dass sich gute
Ideen irgendwann durchsetzen.

Mit der Agentur Parachute 16 ist ihm dann auch der Durchbruch gelungen. Die Agentur hat mittlerweile 14 fest angestellte Mitarbeiter, arbeitet mit rund 70 externen Beratern und bietet ihre Dienstleistung erfolgreich in Ägypten, im Libanon,  in Marokko, Tunesien und im Sudan an. Geld nehme er von Start-ups nicht, wie er sagt. Er verdiene durch die Zusammenarbeit mit internationalen nichtstaatlichen Organisationen, ausländischen Botschaften und großen Unternehmen, die er bei der Umsetzung ihrer Projekte berät. 

Reem Al Frangi hat mit ihrem Mann die erste arabische Onlineplattform für Eltern mit behinderten Kindern entwickelt. Claudia Mende
Er sieht trotz aller Schwierigkeiten in den Start-ups große Chancen für Jordanien. Seiner Meinung nach  bieten sie neue Perspektiven, weil sie neue Wege zum Übergang in die digitale Zukunft weisen. Und sie bringen innovative Ideen in einen starren Arbeitsmarkt, der traditionell für Uniabsolventen auf eine Karriere im aufgeblähten Staatsapparat angelegt ist. „Man muss sie allerdings fördern und ihnen Zeit geben.“

Zeit brauchte auch die junge Unternehmerin Alaa Suleiman. Ihr ist eine wichtige kulturelle Innovation für den gesamten arabischen Sprachraum gelungen. Die gelernte Tontechnikerin hat immer gerne Hörbücher genossen, wenn sie im Auto unterwegs war. Allerdings nur auf Englisch, denn arabische Hörbücher gab es zu Beginn des neuen Jahrtausends noch nicht. Eine schmerzliche Lücke, wie sie fand. Im Jahr 2010 hat sie zusammen mit ihrem Bruder Ala Masmoo3 gegründet, das erste Unternehmen im Nahen Osten, das Hörbücher in arabischer Sprache produziert. Nach einer euphorischen Anfangsphase und einer schweren Krise im Jahr

2014 konnte sich Masmoo3 (deutsch „gehört“) ab 2018 konsolidieren. Neben einem eigenen Angebot von rund 100 Büchern für Erwachsene und 350 Kinderbüchern produziert die kleine Firma mit einem winzigen Büro an einer unscheinbaren Geschäftsstraße in Amman auch für Verlage in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Ägypten. 2000 Titel will Suleiman bis 2020 im Programm haben. „Hörbücher bieten gerade denjenigen in der Region, die nicht Lesen und Schreiben können, einen anderen Zugang zu Wissen und Unterhaltung“, sagt sie.

Es ist kein Zufall, dass in der Start-up-Szene viele Frauen unterwegs sind. „Digitale Start-ups bedeuten eine große Chance für Frauen“, sagt Khaleel Najjar von der nichtstaatlichen Organisation Mercy Corps in Amman. „Man kann flexibel und zum Beispiel auch von Zu Hause aus arbeiten. Wir brauchen solche neuen Arbeitsformen, um mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.“ Die US-amerikanische Organisation Mercy Corps unterstützt digitale Existenzgründungen in einem dreijährigen Programm mit Startkapital und Qualifizierung, um vor allem Frauen und Menschen aus marginalisierten Schichten zu ermutigen.

Gerade Frauen haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer.  In Jordanien stehen nur 15 Prozent aller Frauen in einem formalen Beschäftigungsverhältnis. Das Fehlen von Kinderbetreuung, ein schlecht ausgebauter öffentlicher Nahverkehr und kulturelle Barrieren sind dafür verantwortlich, dass es auch qualifizierte Frauen bei der Jobvermittlung schwer haben, obwohl sie heute die Mehrzahl der Universitätsabsolventen stellen.

Für alle Gründer bedeutet es eine Hürde, an Startkapital zu kommen. Bankkredite scheiden für die meisten aus, weil die Zinsen hoch sind. „Ein Bankkredit wäre mir auf jeden Fall zu riskant gewesen“, meint Reem Al Frangi, eine Palästinenserin aus Gaza, die ein ganz eigenes Projekt aufgezogen hat: Die Mutter von zwei autistischen Kindern hat zusammen mit ihrem Ehemann Mohammed die erste arabische Onlineplattform für Eltern behinderter Kinder entwickelt. Aus der Erfahrung des Ehepaares, mitten im Gazakrieg 2008/2009 mit den Kindern ohne jede Hilfe oder therapeutische Beratung dazustehen, will sie Eltern von Kindern mit Behinderung in der ganzen Region vernetzen und informieren. Ihre Website www.Habaybna.net (deutsch: Unsere Lieben) bietet Informationen über Früherkennung, Therapien und Möglichkeiten der Selbsthilfe sowie Erfahrungsberichte von betroffenen Eltern.

Al Frangi, die einen Universitätsabschluss in Betriebswirtschaft hat, hat am heimischen Computer angefangen. Ihre Geschäftsidee konnte sie erst richtig umsetzen, nachdem sie einen Preis der Etihad-Bank für ihre Initiative bekommen hatte. Mit dem Preisgeld mietete sie ein Büro und stellte zwei Mitarbeiter ein. Unternehmen wie der Telekommunikationsriese Zain und große Organisationen wie UNICEF wurden auf sie aufmerksam und buchten sie für Mitarbeiterschulungen zum Umgang mit Menschen mit Behinderung.
Hello World Kids, Masmoo3 und Habaybna.net bieten Dienstleistungen in einem vernachlässigten Bereich an. Genau das sei typisch für Start-ups, meint Sebastian Rubatscher von der nichtstaatlichen Organisation Enpact in Berlin. Enpact unterstützt und begleitet junge Unternehmen in der Region Nahost und Nordafrika, auch etwa Alaa Suleiman und ihr Hörbuchprojekt, in der Anfangsphase. „Start-ups sind kein Allheilmittel“, sagt Rubatscher. „Aber sie können Innovationstreiber sein.“ Start-ups würden Produkte oder Dienstleistungen entwickeln, die für große Unternehmen häufig nicht interessant sind. Den Arbeitsmarkt könnten sie jedoch nicht deutlich entlasten.

„Jede Bäckerei schafft mehr Arbeitsplätze als ein digitales Start-up-Unternehmen“, gesteht auch Ghassan Halawa ein. Aber die Start-ups stünden für eine neue, flexiblere Arbeitskultur und böten jenen jungen Menschen Perspektiven, die Neues ausprobieren wollten. Man müsse allerdings auch zu mehr Engagement bereit sein, sagt Mohammed Alloubani, ein Mitarbeiter der ersten Stunde bei Hello World Kids. Der Weg zum Erfolg der Firma sei sehr steinig gewesen. Vorbehalte gegen Digitalisierung bei Lehrern waren zäh, die technische Ausstattung in den Schulen teilweise schlecht und die Zusammenarbeit mit den Behörden und Ministerien mühsam. „Inzwischen kann ich gut schlafen“, meint Alloubani, „und es fühlt sich gut an, erfolgreich zu sein.“ Heute hat Hello World Kids 23 Vollzeitangestellte und arbeitet mit mehr als 50 freiberuflichen Programmierern zusammen.

„Unternehmen wie Hello World Kids brauchen wir dringend“, meint Khaleel Najjar von Mercy Corps, „denn sie helfen der jordanischen Gesellschaft beim digitalen Wandel.“ Schließlich steht auch der Nahe Osten und Nordafrika vor dem Übergang in die Indus-trie 4.0. Hier sitzen viele Zuliefererbetriebe, etwa für Textilien oder die Autoindustrie, sowie Call Center für den europäischen Markt. All diese Arbeitsplätze sind durch die Automatisierung auf lange Sicht gefährdet. „Die Folgen werden wir in den kommenden Jahrzehnten noch stark spüren.“

erschienen in Ausgabe 12 / 2019: Armut: Es fehlt nicht nur am Geld

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