Vom Untergang bedroht

Im Brotkorb Ägyptens, dem Nildelta, braut sich eine ökologische Katastrophe zusammen: Der Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels droht Ackerland, das bereits vom Bevölkerungswachstum und der Umweltverschmutzung stark belastet ist, unfruchtbar zu machen. Experten fürchten, dass die Erträge bei Weizen und Mais in den nächsten dreißig Jahren um die Hälfte zurückgehen. Die Regierung versucht, die Wüste mit Nilwasser zu bewässern, und beschleunigt so noch den Untergang des Deltas.

Maged Shamdys Vorfahren kamen in der Mitte des 19. Jahrhunderts an die Ufer des ägyptischen Burrulus-Sees. Im Lauf der Jahrzehnte wechselten hier die Kolonialherren, doch die Shamdys blieben und bauten sich in einem der fruchtbarsten Gebiete der Welt als Bauern und Fischer ein neues Leben auf. Eineinhalb Jahrhunderte später bestellt Maged die Felder, die seit damals im Besitz der Familie sind. Doch wenn er nicht mit der Reisernte und dem Ausbaggern seiner Bewässerungskanäle beschäftigt ist, muss er sich mit einer neuen Gefahr auseinandersetzen. Sie könnte sich als weit schlimmer erweisen als alle bisherigen Eroberungen Ägyptens. „Wir versinken im Wasser“, stellt der 34-Jährige lakonisch fest. „Es ist wie eine feindliche Besatzung: Der ansteigende Meeresspiegel wird uns das Land wegnehmen.“

Maged versteht die Bedrohung durch die Erosion der Küste besser als viele andere. Sie frisst sich stetig landeinwärts und verschlingt in Ägypten an manchen Stellen hundert Meter pro Jahr. Nur wenige Kilometer von seinem Haus entfernt liegt der Burrulus-See, der bis zu den Bäumen am Horizont mit blauen Seerosen bedeckt ist. Diese Bäume wuchsen früher einmal auf trockenem Land, doch jetzt stehen sie schon einen halben Meter tief im Wasser.

Mageds Vergleich mit dem Imperialismus mag übertrieben klingen, aber in dem riesigen, überbevölkerten Deltagebiet werden die Auswirkungen des Klimawandels immer wieder mit denselben Worten beschrieben. Der „Brotkorb“ Ägyptens ist voll von Relikten ehemaliger Kolonialherrscher und heute drängen sich seine 50 Millionen Menschen zwischen den verfallenen Festungen und Friedhöfen derer, die sie in der Vergangenheit zu unterwerfen suchten. Da ist es kein Wunder, dass auch die aktuelle Bedrohung als feindliche Besetzung beschrieben wird.

„In Ägypten sind alle Besatzungsmächte gescheitert”, stellt Ramadan el-Atr fest, der in der Nähe der alten Stadt Rosetta Obst anbaut. Dort wurde eine chinesische Firma beauftragt, im Meer eine riesige Mauer aus Betonblöcken zu errichten, damit nicht noch mehr Land verloren geht. „Das Meer wird kommen und gehen, genau wie die anderen Eroberer, aber wir werden weiter hier leben.“

Davon sind Wissenschaftler nicht so überzeugt. Vor zwei Jahren erklärte der Weltklimarat das Nildelta zu einem der drei vom Anstieg der Meeresspiegel am stärksten gefährdeten Gebiete. Selbst nach den günstigsten Prognosen zum globalen Temperaturanstieg werden Millionen von Ägyptern in einer der am dichtesten besiedelten Regionen der Erde ihr Zuhause verlieren. Nördlich von Kairo erstreckt sich das Delta mit 16.000 Quadratkilometern Ackerland, das von den Nilarmen mit Wasser versorgt wird. Zwei Drittel der schnell wachsenden Bevölkerung Ägyptens leben dort, und es produziert mehr als 60 Prozent seiner Lebensmittel. Doch da die 270 Kilometer lange Küste gefährlich flach ist – zu großen Teilen liegt sie nur bis zu einem Meter über dem Meeresspiegel, an manchen Stellen sogar darunter –, kann die Klimaerwärmung dazu führen, dass sich die Felder und Städte dort bald in Meeresgrund verwandeln. Wenn der Meeresspiegel um einen Meter ansteigt, was viele Experten innerhalb der nächsten hundert Jahre für wahrscheinlich halten, wird ein Fünftel des Deltas im Wasser versinken.

Autor

Jack Shenker

ist freier Journalist und schreibt unter anderem für die „Times“ und den „Guardian“. Er lebt in Kairo.

Bereits jetzt gibt es an den Ufern des Nils diverse problematische Entwicklungen. Manche davon fallen kaum auf, etwa dass der Fluss in den nördlich gelegenen Feldern des Deltas einfach versickert. Andere, wie der Absturz ganzer Küstenstreifen ins Meer, sind schockierender. Bisher gab es noch keine großen Überflutungen, doch von der industriebedingten Verschmutzung bis zur Versalzung der Böden dringen erstmals ganz neue, miteinander verbundene Umweltprobleme ins Bewusstsein der ägyptischen Öffentlichkeit. „Das Delta ist ein bisschen wie Bangladesch”, meint Dr. Rick Tutwiler, der Leiter des Wüstenentwicklungszentrums an der amerikanischen Universität von Kairo.„Hier drängt sich eine riesige Bevölkerung zusammen, und von all den Menschen, der Produktion, der Verschmutzung, den Autos und den in der Landwirtschaft eingesetzten Chemikalien geht ein enormer Druck aus, der die natürlichen Ressourcen bedroht. Dazu kommt noch der Anstieg des Meeresspiegels. Da braut sich ein gewaltiges Unwetter zusammen.“

Wenn man von Kairo aus auf der alten Landstraße entlang des Nils nach Norden fährt, sieht man kaum, wo die Stadt endet und das lotusförmige Delta anfängt. Hier verschmelzen Stadt und Land miteinander; im Hauseingang wird Vieh gehalten und die Landarbeiter kampieren in den Feldern. Das Vordringen der Stadt mit ihren illegalen Bauten zehrt unaufhaltsam an den Ackerflächen. Vielerlei Gesetze verbieten illegales Bauen und sollen das kultivierbare Land schützen. Doch der Blick auf die weiträumigen Weizen- und Reisfelder streift stets unvermittelt Gruppen halb fertig gebauter Häuser.

Im Delta leben etwa 1500 Menschen auf einem Quadratkilometer – an kaum einem anderen Ort müssen Mensch und Natur enger zusammenrücken. Die Bevölkerung Ägyptens soll in den nächsten zwanzig Jahren von jetzt 83 Millionen auf mehr als 110 Millionen wachsen. Der Verkehr und die Umweltverschmutzung werden zunehmen; dafür gibt es genau dann, wenn größere Erträge dringend gebraucht werden, weniger Land, um all die Menschen zu ernähren. Doch der Verlust von Kulturland ist das geringere Problem. Obwohl es vielen Menschen im Delta noch gar nicht aufgefallen ist, wirkt sich die Zunahme der Bevölkerung auch auf die Frischwasserversorgung ungünstig aus.

Ich kam an einem Freitagmorgen nach Kafr el-Sheikh, einem der am schlimmsten betroffenen Orte, und wegen des Mittagsgebets war außer Maged Shamdy niemand unterwegs. Er besitzt in der Nähe des Dorfes el-Hadadi sechs Feddan, etwa 2,5 Hektar, Land. Als ich mich seinem Haus nähere, steckt er zur Hälfte in einem Erdloch. Er klettert heraus und erklärt mir, im Jahr zuvor seien Fachleute aus Deutschland da gewesen und hätten festgestellt, dass man das Trinkwasser in den Dörfern der Umgebung nicht einmal einem Hund geben könne. Nachdem er monatelang vergeblich bei der Wassergesellschaft angerufen hatte, entschied er sich, selbst neue Leitungen zu legen, damit seine beiden kleinen Töchter besseres Wasser zu trinken bekämen. Das ist eine schweißtreibende, anstrengende Aufgabe, die zu der Feldarbeit und einem neuen Halbtagsjob als Buchhalter in der Alfalfa-Fabrik hinzukommt. „Wir haben jetzt wenig Zeit“, sagt er, klopft sich den Staub von den Kleidern und trinkt ein bisschen frischen Melonensaft. „Von der Landwirtschaft alleine kann heutzutage niemand mehr leben.“

Bei einem Rundgang über seine Felder verstehe ich, warum. Die ursprünglich fruchtbare braune Erde hat in den vergangenen Jahren eine graue Färbung angenommen. An der Oberfläche hat sich eine Salzschicht gebildet, weil von der nahegelegenen Küste unterirdisch Salzwasser eindringt, das sich durch den Boden nach oben arbeitet und die Wurzeln abtötet. Das küstennahe Ackerland war schon immer vom Salzwasser bedroht, doch wirkte der reichliche Nachschub an frischem Nilwasser früher der Versalzung entgegen. Durch das alljährliche Hochwasser des Nils wurde der Boden überflutet und das Salz auf natürliche Weise ausgeschwemmt. Auch nach dem Bau des Assuan-Staudamms Anfang der 1970er Jahre brachte ein ausgedehntes Netz von Bewässerungskanälen immer noch reichlich Süßwasser zu den Fellahin, die das Land bebauten, und sorgte dafür, dass die Versalzung nicht zunahm.

Doch heutzutage erreicht das Wasser des Nils diesen Teil des Deltas kaum mehr. Aufgrund der Bevölkerungszunahme wird es bereits weiter flussaufwärts verbraucht, und das „Frischwasser“, das noch bis nach Norden gelangt, ist zunehmend mit Toxinen und anderen Fremdstoffen verunreinigt. Bauern wie Maged sind heutzutage im Wesentlichen auf Abwässer aus der nahegelegenen Stadt Sidi Salim angewiesen, das aus den entwässerten Feldern und den Kläranlagen stammt. Infolgedessen gehen die Erträge rapide zurück. Die hiesigen Bauern sagen, ihre Väter hätten nur wenige ägyptische Pfund in Chemikalien investieren müssen und damit üppige Ernten erzielt, während sie selbst nur dann etwas ernten, wenn sie zwischen 25 und 80 Prozent ihrer Einnahmen für Düngemittel ausgeben.  „Wir sehen selbst, dass das Wasser nicht gut ist; es wird immer stärker verunreinigt“, sagt Maged. Er zeigt uns riesige Landflächen, auf denen früher Reis angepflanzt wurde; jetzt sind sie umgegraben und durch Fischfarmen ersetzt worden, weil der Boden nichts mehr hergab. Experten gehen davon aus, dass die Situation sich weiter verschlimmern wird. „Zur Zeit stehen in Ägypten pro Person nur 700 Kubikmeter Frischwasser pro Jahr zur Verfügung“, erklärt Professor Salah Soliman von der Universität Alexandria. „Das ist bereits weniger als die 1000 Kubikmeter, die laut den Vereinten Nationen mindestens für die Gewährleistung der Wassersicherheit erforderlich sind. Wenn die Bevölkerung weiter so wächst wie bisher, werden es bald nur noch 450 Kubikmeter pro Kopf sein, und dabei sind die Folgen des Klimawandels noch gar nicht berücksichtigt.“

Bei höheren Temperaturen werden bis 2060 wegen der stärkeren Verdunstung und des vermehrten Wasserverbrauchs stromaufwärts wahrscheinlich um die 70 Prozent weniger Nilwasser im Delta ankommen. Die Auswirkungen all dieser ökologischen Veränderungen auf den Lebensmittelanbau sind gewaltig: Die Experten beim Kairoer Institut für Boden-, Wasser- und Umweltforschung gehen davon aus, dass die Erträge bei Weizen und Mais in den nächsten dreißig Jahren um 40 beziehungsweise 50 Prozent sinken werden. Die Bauern, die für ihren Lebensunterhalt auf die Landwirtschaft angewiesen sind, werden mit jedem Grad, um das die Durchschnittstemperatur steigt, um die tausend Dollar pro Hektar einbüßen.

Die Bauern fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. Man hört sie oft verächtlich vom „neuen Zeitalter“ sprechen, womit das weithin verhasste Regime von Präsident Hosni Mubarak gemeint ist. Seine neoliberalen Reformen und Korruptionsskandale haben zu einer Welle der Unzufriedenheit im ganzen Land geführt. Aufgrund der Entfremdung zwischen dem Staat und der Bevölkerung wird auch den Wissenschaftlern misstraut, die für die Regierung arbeiten. Die sind der Meinung, dass die Probleme der Bauern eher von der Erosion der Küste verursacht werden als vom Mangel an Frischwasser. Und das Ganze ist für die krisengeschüttelte Wirtschaft Ägyptens noch schlimmer, weil die Erosion nicht nur die Bauern bedroht. „Leider wurde auch der größte Teil unserer Industrieanlagen und anderer Unternehmen sehr dicht an die Küste gebaut“, sagt Soliman.

Wo der Damietta-Arm des Nils ins Meer mündet, liegt die Stadt Ras el-Bar, die einmal als kleines Urlaubsparadies bekannt war. Jetzt sieht man hier anstelle der Touristen eine Menge neuer Fabriken, darunter auch einige, von denen die Anwohner vermuten, dass sie die Luft verseuchen. Eine neue Fabrik wurde gerade in dem Augenblick genehmigt, als der Umweltminister im letzten Moment beschloss, das Gebiet doch nicht unter Naturschutz zu stellen. Das ist ein typisches Beispiel für die dubiosen Machenschaften, die, obwohl sie in der Öffentlichkeit auf Empörung stoßen, gegen die Interessen der einheimischen Bevölkerung durchgesetzt werden. In diesem Falle gelang es den Bürgern, den Bau der Anlage aufzuhalten, doch die anderen Fabriken sind immer noch da.

Laut Fachleuten aus Kairo erschwert die Unwissenheit der Bevölkerung die Bewältigung der Probleme, die sich aus den dramatischen ökologischen Veränderungen im Delta ergeben. Ihrer Ansicht nach sind die Fellahin zu ungebildet, um sich auf die neue Situation einzustellen. Doch da täuschen sie sich: Zwar wissen die Bauern im südlichen Teil des Delta, wo das Nilwasser noch relativ reichlich fließt, nicht viel über den Klimawandel, doch die im Norden kennen die Gründe, weswegen es mit ihrem Land bergab geht. Auch sie sind aber nicht gewillt, auf die Ermahnungen der Regierung zu hören, die aller grünen Rhetorik zum Trotz die Umwelt mitsamt der einheimischen Bevölkerung nur allzu gerne anderen Interessen opfert. Mit Geld lässt sich in Ägypten vieles kaufen, und wie das Beispiel der Fabrikanlagen in Damietta zeigt, gerät die nachhaltige Entwicklung leicht ins Hintertreffen, wenn die Interessen der Reichen und Mächtigen auf dem Spiel stehen.

Wissenschaftler und Vertreter der Zivilgesellschaft sind bemüht, die Ägypter über die Gefahren des Klimawandels aufzuklären. Doch sind sie sich nicht einig, ob es richtig ist, in erster Linie den Klimawandel zu bekämpfen, oder ob man ihn als unabwendbar hinnehmen und die Bauern anleiten sollte, sich auf die ungewisse Zukunft vorzubereiten. Erschwerend kommt die verbreitete Auffassung hinzu, dass diese Krise vom Westen verursacht ist. „Wir sind nicht für den Klimawandel verantwortlich“, sagt Soliman und weist darauf hin, dass Ägypten nur bescheidene 0,5 Prozent und damit pro Kopf neun Mal weniger als die USA zum weltweiten CO2-Ausstoß beiträgt.

Die Dimensionen der Krise – mehr Menschen, weniger Land, weniger Wasser, weniger Lebensmittel – sind gigantisch, und eine gefährliche Mischung aus Zynismus und Fatalismus lähmt die Diskussion. Es gibt hier hochrangige Wissenschaftler in führenden Positionen, die überhaupt nicht an den Klimawandel glauben; andere wiederum sind davon überzeugt, dass menschliches Eingreifen angesichts der Ausmaße des Problems zwecklos ist. „Nur Gott kann uns helfen“, sagte mir ein Umweltbeauftragter für eine größere Stadt im Delta. „Wenn das Delta verschwindet, müssen wir anderswo hingehen. Wenn in Ägypten einmal für Maria und Joseph Platz war, wird es auch in Zukunft groß genug für uns alle sein.“

Wenn freilich der Meeresspiegel wirklich signifikant ansteigt, „ist die Diskussion beendet”, wie Dr. Tutwiler sagt. „Dann liegt das Land unter Wasser und es gibt nichts mehr zu ernten.“ Viele glauben deshalb, dass die Zukunft Ägyptens weit weg vom Delta in der Wüste liegt, der jetzt neues Ackerland abgerungen wird. Seit unter den Pharaonen begonnen wurde, das Delta zu kultivieren, legitimieren sich die Herrscher Ägyptens damit, dass sie den Nil bändigen und dadurch die Ernährung der Bevölkerung sichern. Mohammed Ali, Lord Cromer und Gamal Abdel Nasser haben umfangreiche Projekte unternommen, um die Nilschwemme in den Griff zu bekommen. Jetzt folgt Mubarak ihrem Beispiel, doch versucht er nicht das Delta zu retten. Vielmehr lässt er ein unüberschaubares Netz von Kanälen und Pumpstationen anlegen, die das Wasser aus dem Nil in die sandigen Täler im Osten und Westen lenken, wo die Wüste sich langsam zu begrünen beginnt.

Man kann das am Rand des Deltas beobachten: Hinter den Reklametafeln, die die Wüstenstraße von Kairo nach Alexandria säumen, erstrecken sich kilometerweit neue Felder, die großen Agrarkonzernen gehören. Die Werbung auf den Plakaten zeigt bewachte Wohnanlagen und luxuriöse Ferienhäuser – Wunschträume, die sich höchstens die obere Mittelschicht erfüllen kann. Die neuen Ländereien dahinter versprechen dem gesamten Land eine andere Art von Zuflucht. Doch mit ihrem enormen Wasserverbrauch beschleunigen gerade sie den Untergang des Deltas. Die Region, die einmal der Stolz Ägyptens und die Basis seines Überlebens war, ist möglicherweise schon jetzt zum Untergang verurteilt.

 

 

erschienen in Ausgabe 12 / 2009: Klimawandel: Warten auf die Katastrophe