Mit der Temperatur steigt das Risiko

Der Klimawandel könnte laut Wissenschaftlern im 21. Jahrhundert zur größten Bedrohung für die Gesundheit werden. Entwicklungsländer werden darunter voraussichtlich am stärksten leiden. Auf ihre ohnehin nicht sehr stabilen Gesundheitssysteme kommt eine weitere Bürde zu.

Manchmal genügt ganz wenig. Vor zwölf Jahren brach in Ostafrika das Rift-Valley-Fieber aus. Zunächst fielen der Krankheit tausende Schafe und Ziegen zum Opfer, dann sprang das Virus auf Menschen über. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben in Kenia, Somalia und Tansania Hunderte an dem Fieber. Wissenschaftler sahen als Ursache dafür eine Erwärmung des Indischen Ozeans um gerade einmal 0,5 Grad Celsius. Das wärmere Wasser verursachte heftige Regenfälle; die hohe Luftfeuchtigkeit bei heißen Temperaturen schuf ideale Bedingungen für die Moskitos, die den Erreger übertragen.

Laut Gesundheitsexperten könnten sich solche Fälle künftig häufen. Im Zuge der Erderwärmung und klimatischer Veränderungen könnten Krankheiten, die von Moskitos übertragen werden wie Malaria, Dengue- und Gelbfieber, künftig sehr viel mehr Menschen treffen als bisher. Und sie könnten sich in Gegenden ausbreiten, in denen sie bisher nicht vorkommen. Experten des Berliner Robert-Koch-Institutes zufolge ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Gelbfieber-Moskito in Spanien heimisch wird.

Der Klimawandel stelle die größte globale Bedrohung der Gesundheit im 21. Jahrhundert dar, warnt eine Forschergruppe des University College London (UCL). Gemeinsam mit dem medizinischen Fachblatt „Lancet“ haben die Wissenschaftler im Mai einen viel beachteten Bericht veröffentlicht. Darin analysieren sie zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zwischen Erderwärmung und Krankheiten beleuchten. Und sie bringen eine Reihe von Faktoren, die durch den Klimawandel beeinflusst werden, mit Folgen für die Gesundheit in Verbindung.

Manche davon lassen sich direkt ableiten. So führen steigende Temperaturen zu einer Zunahme der Herzkreislauferkrankungen. Andere Auswirkungen machen sich eher mittelbar bemerkbar und hängen mit prognostizierten Wetterveränderungen zusammen. Missernten wegen Dürren oder Überschwemmungen lassen die Zahl der Hungernden steigen, Naturkatas­trophen, die häufiger und heftiger werden, reißen mehr Menschen in den Tod oder fügen ihnen schwere Verletzungen zu. Die Vorhersagen der Gesundheitsexperten sind allerdings mit Unsicherheitsfaktoren belastet. Sie hängen davon ab, wie hoch die globale Durchschnittstemperatur tatsächlich steigen wird. Zudem fehlen verlässliche Daten aus Afrika und Asien, die beispielsweise den Zusammenhang zwischen Hitzewellen und Todesfällen dokumentieren.   

Eines steht jedoch bereits fest: Die Entwicklungsländer werden doppelt getroffen. Zum einen wirkt sich die Erderwärmung vor allem in tropischen und subtropischen Gebieten mit Wirbelstürmen, steigendem Meeresspiegel, Dürren und Überflutungen aus. Zum anderen sind ihre ohnehin schwachen Gesundheitssysteme nicht in der Lage, die zusätzliche Belastung aufzufangen. Erschwerend hinzu kommen die schlechte Versorgung mit sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen; das lässt eine Zunahme von Krankheiten befürchten, die von verschmutztem Wasser verursacht werden wie Cholera und Durchfall. Das Bevölkerungswachstum erhöht den Druck auf die Gesundheitssysteme zusätzlich.

Die Widerstandskraft ärmerer Länder müsse deshalb gezielt gestärkt werden, fordert die Gesundheitsexpertin Kristie L. Ebi. Neben Anstrengungen auf internationaler und nationaler Ebene, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern und die öffentlichen Gesundheitssysteme auszubauen, komme gemeindebasierten Anpassungsprogrammen eine große Bedeutung zu, schreibt sie in dem jüngst erschienen Buch „Climate Change and Global Poverty“. Die Beteiligung der Bevölkerung erhöhe entscheidend deren Wirkung, etwa bei der Erstellung von Frühwarnsystemen und Katastrophenplänen. Die Zahl der Projekte und Programme in diesem Bereich, die etwa von der WHO oder dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gefördert werden, sei bislang jedoch noch gering, kritisiert Ebi.

Bei Vorhaben zur Einsparung von Kohlendioxid oder zur Anpassung an den Klimawandel müsse zudem auf mögliche Gesundheitsrisiken geachtet werden, fordert die Expertin. Denn sonst könnten sich gut gemeinte Anpassungsprogramme schädlich auswirken. So sei etwa in Mali aufgrund der verringerten Regenmengen eine Reissorte entwickelt worden, die schneller reif wird als herkömmlicher Reis. Sie hat aber damit auch weniger Zeit, während des Wachstums Spurenelemente einzulagern – die dann wieder für eine gesunde Ernährung fehlen.  

 

erschienen in Ausgabe 12 / 2009: Klimawandel: Warten auf die Katastrophe