Filme schauen
Filme schauen

Im Kino oder zu Hause auf dem Sofa

Auch Mitarbeitende von „welt-sichten“ sehen gern Filme. Vier von ihnen erzählen, welche Streifen sie mögen, was in ihrem Heimatland gezeigt wird und ob man sich Kinobesuche leistet oder eher eine DVD einwirft.

Afghanistan: Seit dem Krieg sind die Kinos leer

Ezzatullah Mehrdad ist freier Journalist und lebt in Kabul, Afghanistan.
An einem sonnigen Tag im Sommer 2019 musste ich in die Innenstadt von Kabul, um in der afghanischen Hauptstadt etwas zu erledigen. Ich saß in einem Park nahe einem alten Kino und telefonierte. Danach bin ich zum ersten Mal in dieses Kino gegangen und habe einen alten Indianerfilm angeschaut. Abgesehen von dieser kurzen Erfahrung eines Kinobesuchs schaue ich mir Hollywoodfilme und andere englischsprachige Streifen allein Zu Hause an, so wie es viele andere Afghanen auch machen. 

Vor kurzem habe ich die britische Serie „Peaky Blinders“ geguckt. Darin geht es um eine Gang, die in ihrer Stadt immer mehr Macht gewinnt. Dabei habe ich über meine eigene Wohngegend nachgedacht, die in Armut, Kriminalität und Krieg versinkt. Wie viele andere junge Afghanen, die gern Filme schauen, lade ich mir Filme herunter oder kaufe sie auf DVD bei kleinen Straßenhändlern in Kabul. Für einen guten Film zahle ich 20 Afghani, weniger als ein US-Cent. Das ist erschwinglich für viele Leute, die einen Computer haben. 

In den 1970er und 1980er Jahren waren Orte wie das alte Kino, das ich im Sommer besucht habe, voll mit Menschen. Afghanen haben richtig gute Filme produziert, bevor der Bürgerkrieg vieles im Land zerstört hat. Viele junge, gut ausgebildete Leute versuchen im Moment, diese reiche Vergangenheit der Filmproduktion im Land wiederzubeleben und ein neues Publikum für ihre afghanischen Serien und Filme zu finden. Aber im Großen und Ganzen schaut die Mehrheit der Afghanen ausländische Filme in ihren eigenen vier Wänden auf dem Fernseher oder Computer.

Brasilien: Unterwegs auf Filmfestivals

Sarah Fernandes ist Journalistin und Geografin und lebt in São Paulo, Brasilien.
Die Serien auf Streamingplattformen interessieren mich nicht. Meine Leidenschaft gilt Spielfilmen, insbesondere aus Lateinamerika. Argentinische und brasilianische Produktionen sind meine Favoriten. Vor allem Filme aus der Stadt Recife, einem neuen Zentrum der Filmproduktion in Brasilien, gefallen mir. Zwei meiner Lieblingsfilme des Regisseurs Kleber Mendonça Filho stammen von dort: „Neighboring Sounds“ und „Bacurau“. Letzterer hat 2019 den Jurypreis beim Filmfestival in Cannes gewonnen. Aber auch brasilianische Filmklassiker wie „Central Station“ von Walter Salles, „A Dog’s Will“ von Guel Arraes und „City of God“ von Fernando Meirelles und Kátia Lund gefallen mir, weil sie wichtige soziale Fragen auf sensible Weise ansprechen. 

In Brasilien sind die meisten Kinos in Einkaufszentren. Aber in großen Städten gibt es eine Reihe von Straßenkinos mit hochwertigen Programmen. Trotzdem schaue ich mir dort selten Filme an, weil mir die Besucher dort zu abgehoben sind. Die meisten Kinos in Brasilien sind im wohlhabenderen Südosten des Landes. Im Jahr 2017 habe ich in einem Projekt mitgearbeitet, das kostenlose Filmvorführungen in kleinen Städten im nordöstlichen Hinterland organisiert hat. Es war schön zu sehen, wie Menschen, die nie im Kino waren, diese Kunst für sich entdeckten.

Ich gehe am liebsten auf Filmfestivals, auf denen Preise vergeben und alternative Filme gezeigt werden. Es macht Spaß, mit Freunden das Programm durchzugehen und gemeinsam die Filme zu schauen. Mein Favorit ist das lateinamerikanische Filmfestival, das jährlich in São Paulo stattfindet. 

Tansania: Spionagefilme um Mitternacht

Deodatus Mfugale ist Journalist in Daressalam, Tansania.
Nach fast zwei Jahrzehnten Stillstand erlebt die Filmindustrie in den großen Städten in Tansania einen Aufschwung. Die Millionenmetropole Daressalam zum Beispiel hat fünf Kinos, in Arusha im Norden des Landes gibt es drei Kinos, in der Hauptstadt Dodoma immerhin zwei. Früher bin ich am Wochen­ende und an Feiertagen ins Kino gegangen. Ich habe dann die Vorführungen um Mitternacht oder am frühen Abend bevorzugt. Am liebsten habe ich Spionagefilme gesehen. In der Regel bin ich mit ein oder zwei Freunden gegangen: Manchmal muss man seine Gefühle mit jemandem teilen, während der Film läuft. Außerdem hat man so in der Pause jemanden zum Reden. 

Das letzte Mal habe ich 2017 einen Film geschaut: Die deutsch-britische Produktion „Trigon Factor“ aus dem Jahr 1966 handelt von einem Spionagenetzwerk, das eine von einem ausgeklügelten Sicherheitssystem geschützte illegale Goldschmelze und einen Umschlagplatz für Diebesgut aufdeckt. Es gibt auch tansanische Filme, die hier als Bongofilme bekannt sind und ganz unterschiedliche Themen wie Liebe, Hexerei oder Verrat behandeln. Die schaue ich aber nur selten. Die meisten sind mir zu unrealistisch und es gibt Lücken zwischen den Episoden, die den Erzählfluss unterbrechen. 

In den Städten gehen viele Jugendliche am Wochenende ins Kino. Ärmere Menschen sowohl in den Städten als auch auf dem Land schauen Filme zu Hause, zum Beispiel auf DVDs. Manchmal bauen Leute provisorische Hallen, in denen sie Filme von DVD vorführen. Grundsätzlich steigt das Interesse an Filmen in Tansania und es gibt für jedermanns Geldbeutel das passende Angebot. 

Indien: Im Corona-Lockdown lieber Komödien

Namrata Kolachalam ist Autorin und lebt in Mumbai, Indien.
Ich liebe es, Filme zu schauen! Ich habe sogar Filmwissenschaft studiert und dachte während meiner Collegezeit darüber nach, eines Tages selbst als Filmemacherin zu arbeiten. 

Normalerweise mag ich ganz unterschiedliche Filme – von den indischen Bollywoodfilmen über Dramen bis hin zu Science-Fiction. Doch seit sich Indien im Corona-Lockdown befindet, schaue ich lieber Komödien, um mich von den täglichen, meist schlechten Nachrichten abzulenken. 

Ich versuche, jeden Monat ins Kino zu gehen, wenn dort ein neuer Film anläuft, auf den ich schon gewartet habe. Doch nur die erfolgreichsten amerikanischen Filme schaffen es überhaupt in die indischen Kinos. Auf das einwöchige Filmfestival in Mumbai freue ich mich jedes Jahr besonders. Da kann man von morgens bis abends die besten Filme der Welt sehen – und dabei von einer Popcorn-Softdrink-Diät leben. Inzwischen gehe ich kaum noch allein ins Kino, weil meine Freunde und mein Mann genauso gern Filme sehen wie ich. Neulich habe ich mal wieder den ersten Teil von „Herr der Ringe“ angeschaut, um mich im Lockdown aufzuheitern. Es ist Jahre her, dass ich diese Trilogie zum ersten Mal gesehen habe. Die Filme sind großartig. 

Indien ist Heimat der weltgrößten Filmindustrie, am berühmtesten sind die Bollywoodfilme auf Hindi. Untersuchungen zeigen, dass die meisten Kinogänger in Indien jung und wohlhabend sind. Dabei hat Indien im Vergleich zu China und den USA relativ wenige Kinos. Es gibt aber viele andere Möglichkeiten, Kinofilme zu schauen – über Raubkopien, an die man in der Vergangenheit leicht rankam, oder heutzutage über Streamingdienste. Die indischen Filme sind auf dem ganzen Subkontinent beliebt und ich freue mich, dass sie inzwischen auch mehr internationale Aufmerksamkeit bekommen. 

Aus dem Englischen von Melanie Kräuter und Moritz Elliesen.

erschienen in Ausgabe 6 / 2020: Kino im Süden

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