Patentpool für Covid-19
Patentpool für Covid-19

„Einen Impfstoff für alle sichern“ 

Jörg Schaaber von der BUKO Pharma-Kampagne erklärt, warum der neue Patentpool für Covid-19 ein großer Fortschritt in der globalen Gesundheitspolitik ist.

Jörg Schaaber ist Diplom Soziologe und Gesundheitswissenschaftler und ist für die BUKO Pharma-Kampagne tätig. Roland Brinkmann
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Ende Mai gemeinsam mit Costa Rica eine Technologie-Plattform für Covid-19 ins Leben gerufen. Was ist das Ziel der Initiative? 
Es geht darum, alle Informationen und Forschungsergebnisse, die bei der Erkennung und Behandlung von Covid-19 helfen können, zentral zu bündeln und diese als globales Gut zur Verfügung zu stellen. Das wird dazu beitragen, die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen zu beschleunigen, weil es den medizinischen Fortschritt beflügelt, wenn Wissen geteilt wird.

Wie soll das Ganze funktionieren?  
Vorbild ist der Patentpool für Aidsmedikamente, den es seit 2010 gibt. Der stellt sicher, dass Patienten in ärmeren Ländern mit Medikamenten versorgt werden, indem Pharmafirmen ihre Entwicklungen gegen günstige Lizenzgebühren für Generikahersteller freigeben. Covid-19 Produkte sollen jetzt auch in den Pool eingebracht werden. Anders als bei Aids geht es aber zusätzlich darum, über eine Plattform zu einem sehr frühen Zeitpunkt Erkenntnisse über die Entwicklung von Diagnostika, Medikamenten und Impfstoffen zu teilen. Zudem geht es um Informationen zur technischen Umsetzung, die ärmeren Ländern ermöglichen sollen, Medikamente oder auch Schutzmasken und Beatmungsgeräte zu produzieren. Diese umfassende Zusammenarbeit unter dem Dach der WHO ist ein großer Fortschritt für die globale Gesundheitsversorgung und könnte als Vorbild für andere Krankheiten dienen.

Wie soll der Patentpool sicherstellen, dass ein möglicher Impfstoff auch ärmeren Ländern zugutekommt? 
Der Pool bündelt alle Lizenzen. Das ermöglicht allen Herstellern, auf das Wissen zuzugreifen und die Produkte schnell generisch produzieren zu können. Dafür entrichten die Produzenten eine Lizenzgebühr an die Firma, die den Wirkstoff entwickelt hat. Die Alternative wäre, dass jedes Land die konkreten Bedingungen langwierig einzeln mit den Patentinhabern verhandeln müsste und wahrscheinlich oft ungünstigere Bedingungen herauskämen.     

Wie sollen die großen Pharmakonzerne dazu gebracht werden, auf die Durchsetzung ihrer Patente zu verzichten? 
Mit Druck von den Geldgebern. Die Mitglieder der Initiative sind dazu aufgerufen, bei der Vergabe öffentlicher Gelder an private Firmen auf faire Lizenzbedingungen zu pochen. Momentan fließen immense Summen staatlicher Mittel in die Corona-Forschung. Das gibt der Politik einen wirksamen Hebel. Und selbst große Pharmaunternehmen sagen, dass nur eine dezentrale Produktion es möglich macht, Impfstoffe in den benötigen Mengen schnell weltweit zur Verfügung zu stellen. 

Bislang haben sich 38 Länder der Initiative angeschlossen, darunter nur wenige wirtschaftlich starke. Auch Deutschland fehlt. Warum?
Die Bundesregierung hat sich offenbar dem Druck der Pharmaindustrie gebeugt. Dabei wäre es wichtig, dass Deutschland und auch Frankreich sich an der Initiative beteiligen. Gerade jetzt, wo mit den USA ein wichtiger Akteur in der globalen Gesundheitspolitik komplett ausfällt. China ist zwar auch nicht beteiligt, hat aber immerhin schon zugesichert, mögliche Impfstoffe, die gerade in China entwickelt werden, weltweit zur Verfügung zu stellen.

Auch die Impfallianz Gavi will dafür sorgen, dass ein Impfstoff gegen Corona fair verteilt wird. Sollte sich die Allianz an dem Pool beteiligen?  
Anders als der Patentpool ist Gavi eine öffentlich-private Partnerschaft. Die daran beteiligten Staaten und Stiftungen könnten aber darauf bestehen, dass die Lizenzen für die Impfstoffe, die Gavi einkauft, von den beteiligten Pharmakonzernen in den Patentpool der WHO eingebracht werden. Damit könnte eine breite Produktion gesichert werden, denn Gavi allein wird nicht alle versorgen können.

Das Gespräch führte Sebastian Drescher. 

erschienen in Ausgabe 7 / 2020: Der Plan für die Zukunft?

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