Studie zu afrikanischen Kirchen
Manche Kirchen afrikanischen Ursprungs haben Millionen Mitglieder, andere nur ein paar Dorfbewohner – wie hier in Lodwar im Norden Kenias.
Studie zu afrikanischen Kirchen

Zu Unrecht vernachlässigte Partner 

Kirchen afrikanischen Ursprungs tragen in vielen Ländern Afrikas zur Verbesserung der Lebensbedingungen bei. Dieses Potenzial will sich das Entwicklungsministerium (BMZ) nun zunutze machen.

Religion kann Frieden, wirtschaftliche Entwicklung und Menschenrechte fördern oder behindern – egal ist sie nie. Das hat auch das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) erkannt. „Überall dort, wo wir gemeinsam mehr erreichen können, werden wir die Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren ausbauen“, erklärte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) bereits im Jahr 2016 bei der Vorstellung eines BMZ-Strategiepapiers zum Thema Religion und Entwicklung. In Afrika könnte das BMZ nun bald neue Partner in Gestalt von Pfingstkirchen und anderen Kirchen afrikanischen Ursprungs finden.

Das jedenfalls schlägt eine vom BMZ finanzierte Studie vor, die das entwicklungspolitische Potenzial von sogenannten African Initiated Churches (AIC) in acht afrikanischen Ländern untersucht hat, unter anderem in Nigeria und Südafrika. Darunter verstehen die Forscherinnen und Forscher der Berliner Humboldt-Universität Kirchen, die von afrikanischen Christen gegründet wurden und von den Missionskirchen unabhängig sind. Dazu zählen auch die umstrittenen Pfingstkirchen, die in vielen Ländern Afrikas starken Zulauf haben.

Allein ihre Verbreitung spricht der Studie zufolge für eine entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit AICs. Etwa jeder sechste der rund 1,2 Milliarden Afrikanerinnen und Afrikaner sei Mitglied einer solchen Kirche. Insgesamt gebe es auf dem Kontinent wahrscheinlich mehr als 10.000 AICs, die sich in ihrer theologischen Ausrichtung und Größe allerdings stark voneinander unterschieden. Manche hätten nur eine Handvoll Mitglieder, andere könnten mehrere Millionen Anhänger vorwiesen.

Unabhängigkeit von Gebern aus dem globalen Norden

Viele AICs setzen sich der Studie zufolge bereits für eine Verbesserung der Lebensbedingungen ein. So unterhielten viele Kirchen Schulen, Krankenhäuser oder Ausbildungszentren. Selbst kleine Kirchen vergäben Stipendien für Studierende. Dieses Potenzial hätte die Entwicklungszusammenarbeit in der Vergangenheit zu wenig beachtet, sagt der Leiter des Forschungsprojekts, Philipp Öhlmann.

Laut der Studie spricht gerade die Unabhängigkeit von Gebern aus dem globalen Norden für eine Zusammenarbeit mit African Initiated Churches. Denn grundsätzlich seien sie dadurch weniger von Spendervorgaben beeinflusst als andere zivilgesellschaftliche Organisationen und deshalb stärker auf lokale Vorstellungen von Entwicklung ausgerichtet. AICs könnten bei der „Dekolonisierung von Entwicklung“ helfen, heißt es in der Studie.

Der Referent für theologische Grundsatzfragen von Brot für die Welt, Dietrich Werner, begrüßt die Studie. Die Grundaussagen seien interessant und überzeugend, sagt er. Allerdings fasse die Studie zu viele verschiedene Kirchen und Strömungen unter einem Sammelbegriff. Man müsse sehr genau einzelne Kirchen ansehen und prüfen, was sie zu entwicklungsrelevanten Projekten beitragen. Das evangelische Hilfswerk arbeite schon länger mit Kirchen afrikanischen Ursprungs zusammen, soweit sie zur ökumenischen Zusammenarbeit bereit seien – vor allem mit dem Dachverband OAIC (Organisation of African Instituted Churches) und mit regionalen afrikanischen Kirchenräten, in dem auch unabhängige Kirchen Mitglied sind.

Pfingstkirchen sehen Reichtum als ein Zeichen göttlicher Gunst

Entwicklungsförderndes Potenzial sieht die Studie auch im Wohlstandsevangelium, das vor allem Pfingstkirchen predigen: Demnach ist Reichtum ein Zeichen der Gunst Gottes. Das setze bei den Mitgliedern „Motivationskräfte“ für marktwirtschaftliche Initiativen frei, heißt es in der Studie. Viele Kirchen böten auch Trainings für Unternehmensgründungen an oder unterstützten ihre Mitglieder finanziell.

Der Generalsekretär des All­afrikanischen Kirchenrats (AACC), Fidon Mwombeki, sieht das ambivalenter. Zwar könnten solche Predigten die Zuhörer motivieren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. „Aber es besteht die Gefahr, dass die strukturellen Ursachen von Armut wie ungleiche Handelsbeziehungen oder Korruption nicht mehr zur Sprache kommen“, sagt Mwombeki. Problematisch sei außerdem, dass viele Pfingstkirchen keine Mechanismen haben, um die Veruntreuung von Geld durch die Kirchenführer zu verhindern.

Die Studie nennt heikle Punkte einer Zusammenarbeit. So seien in AICs ebenso wie oft in katholischen und historischen protestantischen Kirchen Afrikas patriarchale Rollenbilder und die Ablehnung von Homosexualität vorzufinden. Allerdings gelte das nicht für alle Kirchen, sagt Projektleiter Öhlmann. Die Einstellungen spiegelten in der Regel die gesellschaftspolitische Diskussion in den jeweiligen Ländern wider. Man dürfe nicht nur auf die ablehnenden Beispiele schauen. „Die Studie zeichnet ein differenzierteres Bild“, sagt er.

Im Bundesentwicklungsministerium ist die Botschaft anscheinend angekommen. Die Studie habe gezeigt, dass es unter den AICs vielversprechende Ansätze für eine Zusammenarbeit gibt, erklärte eine BMZ-Sprecherin. Das Ministerium habe die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) deshalb beauftragt, diese in die Überlegungen zu Pilotprojekten einzubeziehen. Derzeit prüfe die GIZ auf Grundlage der Studie, welche Kirchen sich für eine Kooperation eignen. Ende des Jahres könnten die ersten Projekte anlaufen. Aufgrund des staatlichen Neutralitätsgebots müsse dabei allerdings zwischen den religiösen Aspekten und der Entwicklungsarbeit getrennt werden. „Von uns geförderte Projekte dürfen nicht zur Missionierung genutzt werden“, sagte die Sprecherin.

erschienen in Ausgabe 9 / 2020: Die wahre Macht im Staat?

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