Dekolonisierung
Kolonialismus Afrika Nyabola

Wolfgang Ammer

Dekolonisierung

Die Narben schmerzen noch immer

Ein Bildungssystem, in dem Englisch als Errungenschaft und die eigene Sprache als wertlos gilt – nur ein Beispiel, wie die Kolonisierung afrikanischer Länder bis heute nachwirkt. 

Die deutsche Regierung wurde im Jahr 1947 im Rahmen der Pariser Friedensverträge beauftragt, an verschiedene Länder in Europa Reparationen für die im Zweiten Weltkrieg verursachten Schäden zu zahlen. Viele dieser Reparationen flossen in den Wiederaufbau von Industrien. Bemerkenswert ist, dass nichts für den menschlichen Schaden bezahlt wurde, den der Krieg verursacht hatte, etwa an der Minderheit der Sinti und Roma, die Ziel ethnischer Säuberungen des Naziregimes waren. Dennoch war fortan das Prinzip etabliert, dass Wiedergutmachung fällig ist, wenn ein Schaden angerichtet wurde. 

Allerdings wurde dieses Prinzip seitdem selten auf Länder ausgedehnt, die unter den Folgen der europäischen Kolonialisierung und des Expansionismus leiden. Tatsächlich haben die alliierten Länder, die diese Strafen gegen Deutschland verhängten, im Namen der „Verteidigung des Imperiums“ selbst viele ähnliche Verbrechen an nicht weißen Bevölkerungsgruppen in ihren Kolonien begangen. In ihrem bahnbrechenden Buch „Britain’s Gulag: The Brutal Truth of Empire in Kenya“ hat die Harvard-Historikerin Caroline Elkins die Folterungen und willkürlichen Morde der britischen Regierung in Konzentrationslagern in Kenia während des Unabhängigkeitskrieges zwischen 1952 und 1960 dokumentiert. Mehrere Zehntausend – vielleicht sogar mehr – schwarze Kenianer starben an Erschöpfung, Krankheiten, Hunger und an brutaler Gewalt, die darauf zielte, ihren Geist zu brechen und die koloniale Ordnung wiederherzustellen. Ähnlich wie die Nazis hat die britische Regierung viele dieser Verbrechen systematisch dokumentiert, aber erst Anfang der 2000er Jahre wurden sie öffentlich anerkannt. Mit den vorhandenen Beweisen verklagten Überlebende der britischen Konzentrationslager die Regierung und erzielten einen Vergleich – mehr als 50 Jahre, nachdem die Gräueltaten begangen worden waren. 

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erschienen in Ausgabe 11 / 2020: Erbe des Kolonialismus

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