Nepal
 Bei Dhangadi im Westen Nepals kommen Ende Mai Arbeitskräfte auf eigene Faust über die Grenze aus Indien zurück.

AFP via Getty Images, Shivraj Bhattta

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Rückkehr in die Armut

Nepal lebt zum guten Teil von den Rücküberweisungen von Migranten. Nun verlieren in der Pandemie Hunderttausende ihren Job im Ausland. Ihre Arbeitskraft zu Hause einzusetzen, wäre eine Chance – aber die Regierung nutzt sie nicht.

ie Corona-Krise hat beispiellose Auswirkungen auf den globalen Arbeitsmarkt und damit auf auch Nepal. Zahlreiche Arbeitskräfte im Ausland haben ihren Arbeitsplatz verloren; bis Mitte Oktober sind laut der nepalesischen Regierung bereits mehr als 123.000 Migranten aus 32 Staaten zurückgekehrt, die meisten aus Ländern auf der Arabischen Halbinsel oder aus Malaysia. Erwartet werden mindestens 407.000 Heimkehrer aus 37 Staaten, deren Arbeitsvisa oder Arbeitsverträge nicht verlängert werden.

Viele nepalesische Saisonarbeiter finden daneben in Indien zeitweise Beschäftigung. Das Forschungsinstitut CESLAM in Kathmandu erwartet, dass von dort etwa eine weitere halbe Million Nepalesen auf dem Landweg über einen der 20 Grenzübergänge zurückkehrt; die Gesamtbevölkerung Nepals beträgt rund 29 Millionen.

Die sozioökonomische Wiedereingliederung zurückgekehrter Migranten ist für Nepal ebenso wichtig wie schwierig. Ein Drittel aller Familien lebt zum Teil von Geldtransfers aus dem Ausland, und die haben bedeutend dazu beigetragen, in den vergangenen zwei Jahrzehnten Nepals Wirtschaft am Laufen zu halten. Innerhalb der vergangenen 15 Jahre haben insgesamt 4,5 Millionen nepalesische Werktätige in anderen Staaten gearbeitet; von jedem vierten Haushalt lebt mindestens ein Mitglied außerhalb Nepals.

Im Idealfall kann die Rückkehr einer so großen Zahl von Arbeitskräften eine Chance für das Land sein: Sie kann die Wirtschaft ankurbeln und Zurückgekehrte für nachhaltige Entwicklung zu Hause mobilisieren. Dies kann nicht nur den Migranten und ihren Familien zugutekommen, sondern der gesamten Gesellschaft. Doch zurzeit haben die Bundesregierung, die Provinzregierungen sowie die Kommunalverwaltungen keinen integrierten Plan zum Umgang mit zurückgekehrten Arbeitskräften. Die mangelhafte Koordinierung zwischen den Regierungsebenen wurde schon in den ersten Wochen der Corona-Krise deutlich – sei es beim Umgang mit Migranten, die auf dem Landweg einreisten, oder bei der Einrichtung von Quarantänestationen und Testzentren.

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Das belastet auch die Wiedereingliederung der Rückkehrer. Versagen von Behörden, Nachlässigkeit und Mangel an Koordination zwischen Herkunfts- und Aufnahmeländern haben bewirkt, dass Migrantinnen und Migranten bei der Rückkehr Ausbeutung, Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt waren. Arbeitslose und nicht registrierte Arbeitskräfte hatten während der Rückreise keinen Zugang zu Sanitäreinrichtungen oder medizinischer Grundversorgung. Manche wurden in Auffanglagern misshandelt, teure Rückflüge wurden ihnen in Rechnung gestellt. Angst vor Ausweisung, vor einer Infektion, Stigmatisierung und Traumata waren während der Corona-Krise unter Migranten weit verbreitet.

Autoren

Prakash Bhattarai

ist assoziierter Mitarbeiter des Centre for Social Change (CSC) in Nepals Hauptstadt Kathmandu.

Kalpana Rana Magar

ist assoziierte Mitarbeiterin des Centre for Social Change (CSC) in Nepals Hauptstadt Kathmandu.
Am 16. April 2020 erließ der Oberste Gerichtshof in Nepal eine zeitweilige Verfügung über die Rückführung schutzbedürftiger Migrantinnen und Migranten aus verschiedenen Staaten nach Nepal. Doch die Regierung hielt sich nicht an die Verfügung, während der Pandemie Arbeitskräfte zurückzubringen, ohne sie dafür zahlen zu lassen. Nur ein sehr kleiner Teil der nepalesischen Migranten konnte kostenlos nach Hause reisen. Dabei hat die Regierung mit dem „Wohlfahrtsfonds für Beschäftigung im Ausland“, der 2007 zur Unterstützung von Migranten und deren Familien eingerichtet worden war, während der vergangenen zwölf Jahre umgerechnet rund 42 Millionen Euro unter Migranten selbst eingesammelt. Trotzdem müssen die nun auf eigene Kosten zurückfliegen und teils mehr bezahlen als den normalen Flugpreis. Das hat der Regierung den Vorwurf eingebracht, sie sei inkompetent und gleichgültig gegenüber Rückkehrern und denen, die dringend zurückwollen.

Heimkehrer werden stigmatisiert

Von Anfang an verstärkte die Pandemie auch Vorbehalte in der Gesellschaft gegenüber Migranten. So litten Heimkehrer unter Stigmatisierung und Diskriminierung; sie werden verdächtigt, das Coronavirus in ihre Heimatgemeinden zu bringen und dort zu verbreiten. Dass Hassreden über sie umlaufen und sie am Heimatort oft Missbrauch und Schikanen riskieren, dürfte für Zurückgekehrte ein zusätzliches Hemmnis darstellen, sich testen und untersuchen zu lassen und mit Vertrauen in der Gesellschaft zu leben.

Noch schwieriger ist die Lage für weibliche Gastarbeiterinnen, die im Ausland vor allem als Hausangestellte Arbeit finden. Die nepalesische Regierung hat ab August 2017 verboten, in die Golfstaaten zu reisen, um dort als Hausangestellte tätig zu sein. Nun sind viele dort arbeitende Nepalesinnen ohne Papiere und kehren zurück, ohne ihre Bezahlung für mehrere Monate Arbeit einzufordern. Manche sind ungewollt schwanger. Der Mangel an psychosozialer Beratung und Unterstützung von der Gemeinschaft haben zurückkehrende Gastarbeiter und speziell Gastarbeiterinnen sehr verletzlich gemacht.

Trotz dieser drängenden Probleme verfügt Nepal noch immer nicht über angemessene Strategien und einen institutionellen Rahmen, um zurückkehrende Migranten besser zu reintegrieren. Weder scheinen die drei Regierungsebenen dafür gerüstet, diese in Beschäftigung zu bringen und so die Entwicklung des Landes voranzutreiben, noch sind sie in der Lage, ein für sie einladendes Umfeld zu schaffen. 

Die meisten Rückkehrer werden aufgrund der Corona-Krise sehr wahrscheinlich nicht in näherer Zukunft wieder ins Ausland gehen. Aber in Nepal haben sie keine Jobs – weder als Angestellte noch als kleine Selbstständige –, die ihren Fähigkeiten und Berufserfahrungen entsprechen. Zwar hat die Regierung vor drei Jahren das sogenannte Premierminister-Beschäftigungsprogramm (PMEP) eingeführt, und wegen Corona gibt es spezielle Wirtschaftshilfen wie verbilligte Kredite für Unternehmensgründungen. Aber beide sind sehr wenig auf die Bedürfnisse zurückgekehrter Migranten ausgerichtet. Die Regierung hat im Rahmen des Beschäftigungsprogramms PMEP für das laufende Haushaltsjahr umgerechnet mehr als 82 Millionen Euro bereitgestellt, um 200.000 Menschen in Beschäftigung zu bringen, aber das wird nicht reichen. Und Migranten haben besondere Fähigkeiten und Interessen, denen diese Programme nicht Rechnung tragen.  

 Reisernte in Sankhu südlich von ­Kathmandu im September. In 
Nepals Landwirtschaft könnten Rückkehrer arbeiten, doch die Regierung müsste die Vorausset­zungen dafür schaffen.
Picture Alliance, Rojan Shrestha

Manche Provinzregierungen haben ein paar wenige Initiativen gestartet, um Zurückkehrenden zu neuen Möglichkeiten zu verhelfen. Die Provinz Lumbini hat zum Beispiel Programme, mit denen Jugendliche aus der Provinz – ob Migranten oder nicht – für den Gemüseanbau, die Bienenzucht, die Fischerei und den Blumenanbau gewonnen werden sollen. Viele dieser Maßnahmen sind aber für Rückkehrende nicht attraktiv. In den meisten Fällen wissen sie nichts von den staatlichen Initiativen. Die Regierung schafft es auch nicht, unterstützende Ausbildungsprogramme anzubieten und sich an der Nachfrage zu orientieren – das heißt zum einen, Fähigkeiten und Interessen der Rückkehrer zu berücksichtigen, und zum anderen Unternehmen zu fördern, für die es lokal oder international auch einen Markt gibt. 

1,6 Millionen junge Menschen haben ihre Arbeit verloren

Die Kommunalverwaltungen in erster Linie sind verantwortlich dafür, Rückkehrer in Abstimmung mit Bundes- und Provinzregierungen zu integrieren. Die meisten konnten aber keine wirksamen Programme dafür umsetzen und haben wenig Gewicht darauf gelegt, die Heimkehrenden anzuhören.

So haben viele Migranten leider aufgrund der wirtschaftlichen Lage schlechte Chancen. Etwa 1,6 Millionen junge Menschen, die in Nepal beschäftigt waren, haben seit Beginn der Pandemie ihre Arbeit verloren; die Jugendarbeitslosigkeit liegt nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation bei 11,4 Prozent. Mit der Rückkehr einer großen Zahl von Migranten auf einen ohnehin geschrumpften nationalen Arbeitsmarkt steigt die Gefahr der Arbeitslosigkeit für an- und ungelernte Arbeitskräfte. Die Gefahr ist groß, dass Familien von Migranten in Armuts- oder Schuldenfallen geraten.

Das hat bereits viele gezwungen, sich wieder im Ausland nach einer Beschäftigung umzusehen. Fast 14.000 Migranten haben in den vergangenen vier Monaten wieder eine Arbeitserlaubnis für das Ausland von der Regierung erhalten; diese Zahl wird wahrscheinlich noch steigen.

Doch obwohl die Pandemie Nepal zurückgeworfen hat, hat das Land jetzt eine große Chance. Mi­granten zählen zur wirtschaftlich aktiven Bevölkerung und wollen arbeiten und Geld verdienen. Sie wieder einzugliedern, böte eine wichtige Gelegenheit, ein beträchtliches Arbeitskräftepotenzial für nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu nutzen. Klare Lösungsansätze, praxistaugliche Reintegrationsprogramme und Koordination sind die drei großen Voraussetzungen dafür. Die Pläne und Maßnahmen sollten in enger Abstimmung mit zurückkehrenden Migranten erarbeitet werden, ihre Rechte ins Zentrum stellen und geschlechtersensibel sein.

Chance für eine landwirtschaftliche Revolution

In der Landwirtschaft können viele Rückkehrer beschäftigt werden, um nicht bestelltes Land zu bewirtschaften und die Nachfrage der Höfe nach Arbeitskraft zu decken. Doch statt sie einfach alle hierfür anzuwerben, müssen auch verwandte Beschäftigungszweige in den Blick genommen werden wie Vermarktung, Kommunikation und Lebensmittelverarbeitung. So kann die Arbeitskraft der Rückkehrer für eine landwirtschaftliche Revolution genutzt werden. Um sie dafür zu gewinnen, sind technische Fortschritte in der Landwirtschaft, die dauerhafte Teilung der Gewinne zwischen landwirtschaftlichen Unternehmern und Bodenbesitzern sowie der eigene Einsatz der Zurückgekehrten notwendige Voraussetzungen. 

Wichtig ist, dass zurückkehrende Migranten die Regierungsinitiativen kennen und dass diese ihnen mehrere unterschiedliche Möglichkeiten bieten. Zudem muss die allgemeine Öffentlichkeit ein größeres Bewusstsein für die Würde der Rückkehrer entwickeln. Mit Sensibilisierungsprogramme und Initiativen, die Kontakte zwischen verschiedenen Gruppen und den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken, kann man der Stigmatisierung von Migranten entgegenwirken. Die Familien von Zurückgekehrten müssen sozial abgesichert werden, vor allem die Bildung und Gesundheitsversorgung von Kindern, welche Rückkehrer ohne geregeltes Einkommen nicht bezahlen können.

Die Regierung Nepals muss entscheiden, ob sie die Arbeitsmigration fortsetzen oder sie beschränken will – und das stellt für sie ein großes Dilemma dar. Arbeitsplätze im Land zu schaffen, war bisher bloß politische Rhetorik. Es fehlen eine politische Vision und Strategien, um aus eigener Kraft mit wirtschaftlichen Entwicklungsprogrammen Tausende Stellen zu schaffen. Also müssen die Menschen selbst Wege finden, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten – und eine Stelle im Ausland zu suchen, ist bisher die am ehesten verfügbare Option. Die Corona-Krise hat besonders traditionelle Klein- und Kleinstunternehmen getroffen. Bis Regierungen ihre Erholung sicherstellen, wird die wirtschaftlich aktive Bevölkerung Einbußen erleiden und Arbeit im Ausland auch in Pandemiezeiten weiter üblich sein.

Aus dem Englischen von Julia Lauer.

Mehr Berichte zu den Auswirkungen der Pandemie in verschiedenen Ländern finden Sie in unserem Corona-Dossier

erschienen in Ausgabe 12 / 2020: Auf die Heißzeit vorbereiten

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