Herausgeberkolumne
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Mit Hoffnung durch die Krise

Die Corona-Pandemie hat die Krisen, die wir seit Langem erleben, verschärft. Aber sie bietet auch den Horizont eines neuen, fürsorglichen Umgangs mit der Schöpfung und mit allen Menschen. 

 Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer von Misereor.Hermann Bredehorst/Brot fuer die Welt
Zugegeben: Der Entschluss, mit einem hoffnungsvollen Blick auf das vor uns liegende Jahr zu schauen, mag naiv erscheinen. Die Corona-Krise sitzt uns noch immer im Nacken, und der Klimanotstand hängt wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen. Wir machen schmerzhafte Erfahrungen, dass die Solidarität, die am Anfang der Pandemie zu spüren war, vielerorts einer besorgniserregenden Spaltung gewichen ist. Demokratische Räume, in denen vielfältige Perspektiven diskutiert werden können, scheinen sich immer mehr zu schließen. 

Naiv also? Nicht, wenn wir Hoffnung so definieren, wie es der ehemalige Präsident der Tschechoslowakei Václav Havel tat. Seiner Ansicht nach ist Hoffnung nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Vielmehr ist sie für ihn die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht. Wenn wir mit dieser inneren Haltung auf die Herausforderungen blicken, die vor uns liegen, kommt Spiritualität als transformationelle Kraft ins Spiel. Corona hat die Krisen, die unser ausbeuterischer Umgang mit der Schöpfung auslöst, noch deutlicher offenbart. Damit sie angegangen werden und alternative Modelle greifen können, brauchen wir ein tiefes Gespür für Sinnhaftigkeit, das in jedem und jeder von uns liegt und ans Licht geholt werden will. Der Paradigmenwechsel muss seinen Ursprung in einem Bewusstseinswandel des Einzelnen haben und im gemeinsamen Handeln Ausdruck finden. Hier kommt gerade den Kirchen eine wichtige Rolle zu, die sie stärker ausfüllen sollten. Kirche kann Räume öffnen, Möglichkeiten der Sinnstiftung und der kreativen Entwicklung von spiritueller Praxis ermöglichen, die zum gesellschaftsverändernden Handeln motiviert. 

Wenn wir mit diesem hoffnungsvollen Blick auf das vor uns liegende Jahr blicken, rücken einige Prozesse in den Fokus, an denen Zukunft konkret gestaltet werden kann. Ein wichtiger Moment der Weichenstellung wird in unserem Land die Bundestagswahl sein. Hier gilt es zu versuchen, allen Parteien deutlich zu machen, wie ein zukunftsgewandtes Wahlprogramm aussehen müsste.

Ein Programm, in dem Nachhaltigkeit und weltweite Gerechtigkeit nicht nur als Schlagworte genannt werden, sondern das reale Umsetzungsschritte bringt. Es gilt, deutlich zu machen, dass Entwicklungspolitik weiterhin eine starke Rolle spielen muss und dementsprechend mit Finanzmitteln ausgestattet wird. Ebenso wichtig ist, dass andere Politikfelder, wie etwa die Handels- und Wirtschaftspolitik, die Agrarpolitik, die Nachhaltigkeitspolitik oder die Verteidigungspolitik so ausgerichtet sind, dass sie einen Beitrag zum sozial-ökologischen Wandel und zur Verwirklichung der gemeinsam vereinbarten „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ leisten. Eben weil dies gerade nicht bedeutet, „nur“ etwas für die Armen im globalen Süden zu tun, sondern uns selbst und unsere Politik fundamental neu und kohärent aufzustellen. 

Radikale Veränderungen gefragt

Unser Umgang mit der Corona-Krise ist ein Lackmustest. Lernen wir daraus? Beginnen wir, Strukturen, gerade auch internationaler Politik, so umzugestalten, dass sie der Ungerechtigkeit etwas entgegensetzen? Angesichts zunehmender Abschottungs- und Nationalisierungspolitik ist es nicht allein eine Frage der Moral, sondern der als Sinn erfahrenen Hoffnung, die Sorge um die Zukunft aller Menschen hochzuhalten. Dabei nützt es nichts, sich allein auf die Zulassung eines Impfstoffs zu konzentrieren – der zudem nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen wird.

Wir können diese Welt nur gemeinsam zukunftsfähig gestalten, wenn wir radikale Veränderungen in der Gestaltung des Zusammenlebens und im Umgang mit der Schöpfung vornehmen. Im Großen, auf den politischen Bühnen dieser Welt und im vermeintlich Kleinen. Ein wundervolles Beispiel dafür fand ich in einem Brief eines Bekannten aus Brasilien. Er beschreibt darin die Menschen um ihn herum, die „in diesen ‚Corona-Zeiten‘ jeden Tag aufstehen, zu viel Zeit in vollen Bussen verbringen, zur Arbeit gehen, die oft schlecht bezahlt wird. Die für ihre Familien kämpfen, sich um die Ausbildung der Kinder kümmern und von einem besseren Land träumen“. Sie seien zu großzügigen Gesten fähig, schreibt er. Sie helfen Nachbarn, die ärmer sind als sie. Und sie würden, wenn nötig, sogar das eigene Leben riskieren, um ein Kind zu retten, das von Gewalt bedroht ist. In ihnen, so schreibt mein Bekannter, wirke das Prinzip der Hoffnung

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