Hirtennomaden in Ulaanbaatar
 Hinten Hochhaus, vorne Zelt in der Hauptstadt der Mongolei.

Esunge Erdenebat

Hirtennomaden in Ulaanbaatar

Das Zeltdorf in der Stadt

In der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar leben rund 700.000 Hirtennomaden aus den ländlichen Regionen des Landes. Sie brauchen nicht nur Infrastruktur, sondern auch ein neues Gemeinschaftsgefühl.

Seinen Arbeitstag beginnt Tserendorj Purev meistens damit, dass er Toiletten reinigt, Mülleimer leert und die Böden der örtlichen Schule fegt – alles bereits um 8 Uhr morgens. Danach eilt der 57-Jährige zu seinem kleinen Marktstand in der Innenstadt von Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei. Hier verkauft er hauptsächlich Erfrischungsgetränke, Zigaretten und Chips. An einem guten Tag verdient er mit seinen beiden Jobs 16.000 mongolische Tugriks, etwa 5,60 US-Dollar. „Ich mache das nicht gern“, sagt er. „Aber es ist das Einzige, was ich hier tun kann, um über die Runden zu kommen.“ Ganz anders waren seine Tage als Nomadenhirte in der mongolischen Provinz Arkhangai. Dort hat er über 300 Schafe gehütet, ein paar Dutzend Ziegen und Kühe und einige Pferde. So wie es seine Vorfahren seit Tausenden von Jahren vor ihm getan haben. 

Purev ist nicht der einzige Nomade, der sich in der Stadt abmüht, über die Runden zu kommen. Er ist einer von 700.000. Ein paar Straßen weiter wohnt die 67-jährige Nyamkhand (die meisten Mongolen benutzen nur ihren Vornamen und kennen den Nachnamen ihrer Vorfahren gar nicht). Sie war ihr ganzes Leben lang Nomadin, bis sie 2003 in die Stadt zog, und sagt, dass sie damit vom Regen in die Traufe geflohen sei. „Das Leben hier ist hart. Es gab sogar eine Zeit, in der ich Müll aufsammelte, um Geld zu verdienen. Wir hatten kein eigenes Land, ich musste herumspringen und auf dem Land anderer Leute leben“, sagt sie. 

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erschienen in Ausgabe 11 / 2021: Leben im Dorf

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