Landflucht
 Fast wie in alten Zeiten: Das Dorf Bon im Tschad.

David Santiago Garcia / picture alliance / Westend61

Landflucht

Wo Junge fortgehen und Tote zurückkehren

Die Städte wachsen, die Dörfer leeren sich – überall auf der Erde. Gleichzeitig sind beide über verschiedene Bande zunehmend miteinander verknüpft. Und vor allem in den Ländern des globalen Südens sehen viele Städter im Dorf ihre wahre Heimat. 

Etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten, allerdings gibt es von Kontinent zu Kontinent deutliche Unterschiede. Das geht aus der aktuellen Statistik zur weltweiten Verstädterung hervor, die die Vereinten Nationen jedes Jahr veröffentlichen. In Lateinamerika, sagt die Statistik, ist die Urbanisierung neben Nordamerika am weitesten fortgeschritten mit 78 Prozent Stadtbewohnern, Afrika bildet das Schlusslicht mit 40 Prozent und Asien liegt mit 46 Prozent dazwischen. Aber was bedeutet das für den Rest der Menschheit? Leben alle anderen, immerhin dreieinhalb Milliarden Menschen, in Dörfern? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Denn der Begriff „Dorf“ taucht weder in UN-Statistiken noch in nationalen Volkszählungen auf. Für die Statistik sind die Menschen außerhalb der Stadt seit langem eine Restkategorie. Sie sind die Bewohner des „ländlichen Raums“.

Und doch, wenn vom ländlichen Raum die Rede ist, hat jeder sofort Bilder vom Dorf im Kopf, nicht nur bei uns, sondern auch in den Ländern des globalen Südens: kleinere, überschaubare meist landwirtschaftlich geprägte Siedlungen, in denen die Einwohner mehr persönliche Kontakte untereinander pflegen als in großen Städten. So haben schon die ersten Stadtsoziologen vor hundert Jahren die dörfliche Lebensform als Gegensatz zur städtischen Lebensform definiert. Doch seither sind in den Industrieländern die krassen Unterschiede zwischen Stadt und Dorf in den Möglichkeiten zur Lebensgestaltung weitgehend verschwunden. Vielleicht noch wichtiger: In Ländern wie Deutschland oder der Schweiz ist heute in den wenigsten Dörfern die Landwirtschaft die Haupterwerbsquelle. 

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erschienen in Ausgabe 11 / 2021: Leben im Dorf

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