Fragile Staaten
Fragile Staaten

Rückschritte infolge der Pandemie

Ein neuer Bericht der OECD misst das Ausmaß von Fragilität und findet eine Verschlechterung seit 2020. Betroffen sind nicht nur die ärmsten Länder.

Sogenannte fragile Staaten sind seit 1990 zu den größten Sorgenkindern der Entwicklungsarbeit geworden. Dort sind die staatlichen Institutionen schwach; Unsicherheit, extreme Armut und Hunger sind verbreitet. Das Ausmaß solcher „Fragilität“ misst der Bericht „States of Fragility“, den der Entwicklungsausschuss (DAC) der OECD alle zwei Jahre herausbringt. Er erörtert auch, welche Ansätze der Entwicklungsarbeit unter solchen Umständen sinnvoll sind.

Die neue Ausgabe 2022 verzeichnet für 2020 und 2021 Rückschritte – eine angesichts der Corona-Pandemie wenig überraschende Bilanz. Nun sind danach drei Länder mehr fragil als 2020: insgesamt 60, davon seien 15 extrem fragil.

Unter Fragilität versteht der OECD-DAC, dass Länder und Gebiete (der Bericht spricht wolkig von „Kontexten“) Risiken wie Naturkatastrophen und wirtschaftlichen Schocks ausgesetzt sind und der Staat und die Gesellschaft nicht die Mittel haben, sie zu bewältigen oder abzufedern. Gemessen wird das mit Indikatoren für sechs Bereiche: Wirtschaft, Umwelt, Politik, Sicherheit, Gesellschaft und menschliches Wohlbefinden. Man kann bezweifeln, ob es sinnvoll möglich ist, das alles zu quantifizieren. Der Befund, dass fragile Gebiete am meisten unter der Corona-Pandemie gelitten haben und unter den wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges leiden werden, ist zudem eine Tautologie: Per Definition können solche Gebiete Schocks nicht verkraften.

Dennoch sind manche Befunde des Berichts sehr interessant. Zunächst erinnert er daran, dass drei Viertel der extrem Armen in fragilen Gebieten leben und die schwersten Hungerkrisen sich dort abspielen oder aber in Kriegsgebieten – und beides trifft sehr oft zusammen. Interessanterweise sind jedoch von den 60 fragilen Gebieten laut dem Bericht nur 21 von Gewaltkonflikten betroffen, die Mehrheit also nicht. Fragilität fördere allerdings auch andere Formen von Gewalt wie Massenproteste und Staatsstreiche und umgekehrt.

Auch Länder mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen betroffen

Bemerkenswert ist auch, dass Fragilität nicht auf Länder mit niedrigem pro-Kopf-Einkommen beschränkt ist. Betroffen sind laut OECD auch Länder mit (unterem) mittlerem Pro-Kopf-Einkommen wie Honduras und Nicaragua, Laos, Myanmar und Pakistan sowie Kenia, Angola, Nigeria und die Côte d’Ivoire.

Der Bericht betont, dass Fragilität kein überwiegend afrikanisches Phänomen ist. Auf seiner Liste der 60 fragilen Länder stehen allerdings 37 afrikanische, unter den extrem fragilen sind es 10 von 15. Mit anderen Worten, eine klare Mehrheit der Länder Afrikas ist nach dem Bericht fragil.

Die Geberländer der OECD haben nach dem Bericht ihre Entwicklungshilfe 2020 ausgeweitet, auch für fragile Länder; deren Anteil an der gesamten Hilfe ist aber gesunken. Die OECD fürchtet, dass diese Gebiete infolge des Ukraine-Krieges noch mehr aus dem Fokus geraten. Im Übrigen mahnt sie erneut an, dass Geberländer in fragilen Staaten koordiniert vorgehen und stets alle Aspekte des Problems im Blick haben müssten. Insbesondere bei der Abstimmung zwischen Friedensförderung und Entwicklungsarbeit gebe es noch große Mängel.

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