Herausgeberkolumne
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Wie viel ist genug?

Man darf die Diskussion über die Folgen der Klimakrise nicht auf technologische Lösungen beschränken. Konsummuster zu verändern, darf nicht aus dem Blick geraten.

 Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer von Misereor.Hermann Bredehorst/Brot fuer die Welt
Der Welterschöpfungstag war 2022 der 28. Juli. An diesem Datum waren alle Ressourcen bereits aufgebraucht, die der Planet Erde für ein komplettes Jahr erneuern kann. Der Rest des laufenden Jahres steht im Zeichen eines Raubbaus an den Reichtümern der Natur. Wir leben auf Pump! Würden alle Länder so haushalten wie Deutschland, dann wären nicht nur 1,75 Erden nötig, sondern fast drei. Wir wissen das, und trotzdem fällt es uns schwer, nachhaltiger und anders zu wirtschaften. Unser Lebensstil ist exzessiv. Das geht zulasten anderer bereits heute und nachkommender Generationen.

Gegengesteuert wird nur zaghaft und nicht in ausreichendem Maße. Mit der Aktion „15-Tage-Challenge – Genug für alle“ wirbt Misereor für ein Umdenken jedes und jeder Einzelnen. Wer sich dem stellt, übt sich darin, sein Leben gut zwei Wochen lang an den Grenzen des Planeten auszurichten. In den Bereichen Ernährung und Energie, Konsum und Mobilität bieten sich dazu reichlich Möglichkeiten: Leben, so die implizit vermittelte Erkenntnis, heißt nicht, immer mehr zu besitzen und zu verbrauchen, heißt nicht, an etwas festzuhalten, sondern zu erspüren, was zu einem guten Leben nötig ist.

Genügsamkeit, unbefangen und bewusst gelebt, ist befreiend

Hinter übersteigertem Konsum steckt wohl eine tiefe menschliche Angst, zerbrechlich und verletzlich zu sein, Leben nicht in der Hand zu haben. Genügsamkeit, unbefangen und bewusst gelebt, ist befreiend. Sie bedeutet nicht weniger Leben, nicht geringere Intensität. Menschen, die einen Alltag des Genug praktizieren, berichten davon, wie sie einzelne Momente auskosten, wie sie den Wert von Menschen und Sachen erfahren, wie sie lernen, sich gelassener einzufinden in Realitäten, mehr Möglichkeiten des Verstehens entdecken und sich an einfachsten Dingen erfreuen. Sie erleben positive Impulse in geschwisterlichen Begegnungen, im Sorgetragen, im Entfalten der eigenen Charismen, in Musik und Kunst, im Kontakt mit Natur und Gott – siehe dazu die Enzyklika von Papst Franziskus ‚Laudato si‘ Seite 222f).

Ich bin überzeugt, dass der innere Friede eines Menschen in Verbindung steht mit der Pflege der Mitwelt, dem Einsatz für das Gemeinwohl, mit Demut und Genügsamkeit. Zu viele scheinen eine tiefe Unausgeglichenheit zu spüren, die sie dazu bewegt, Dinge in Höchstgeschwindigkeit und Hast zu erledi-gen – nicht selten verbunden mit hohen Belastungen für die Mitwelt. Ein suffizientes Leben bedeutet demgegenüber, sich Zeit zu nehmen für Beschäftigungen, im ruhigen Einklang mit der Schöpfung zu leben. Diese Dynamik, mit weniger froh zu sein, in größerer Einfachheit zu leben, und die Fähigkeit, neu Staunen zu lernen, bleibt für mich herausfordernd.

Dass technische Möglichkeiten und Errungenschaften als gangbare Wege und Beiträge für das Einsparen von klimaschädlichen Emissionen genannt werden, darf nicht dazu führen, weitere tragfähige Lösungen in die Zukunft zu vertagen. Der Generalsekretär der Weltorganisation für Meteorologie, Petteri Taalas, hat darauf hingewiesen, „dass wir die erste Generation sind, die den Klimawandel vollauf versteht, und die letzte Generation, die in der Lage ist, etwas dagegen zu tun“.

Notwendigkeit von Suffizienz

Damit sind wir wieder bei der Notwendigkeit von Suffizienz, eines Lebens des Genug. Konsummuster werden sich ändern müssen – zum Wohle der Mitmenschen und zum Wohle von mir selbst. Weniger Flugverkehr, kreativere Mobilität, pflanzenbasiertere Ernährung, Passivhäuser und vieles mehr sind Beispiele für eine zukunftsfähige Welt in den Grenzen der Schöpfung. Der Weltklimarat (IPCC) hat errechnet, dass mit einer derart veränderten Lebensweise im Jahr 2050 rund 45 Prozent weniger CO2-Emissionen verbunden sein könnten.

Das dazu nötige Umdenken sollte heute beginnen. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Erd-Charta, die im Jahre 2000 nach mehrjährigen weltweiten Konsultationen von Vertreter*innen zahlreicher Organisationen verabschiedet wurde. Darin heißt es zu Beginn: „Wollen wir vorankommen, müssen wir anerkennen, dass wir trotz und gerade in der großartigen Vielfalt von Kulturen und Lebensformen eine einzige menschliche Familie sind, eine globale Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Schicksal. Wir müssen uns zusammentun, um eine nachhaltige Weltgesellschaft zu schaffen, die sich auf Achtung gegenüber der Natur, die allgemeinen Menschenrechte, wirtschaftliche Gerechtigkeit und eine Kultur des Friedens gründet.“ Und zum Ende hin: „Lasst uns unsere Zeit so gestalten, dass man sich an sie erinnern wird als eine Zeit, in der eine neue Ehrfurcht vor dem Leben erwachte, als eine Zeit, in der nachhaltige Entwicklung entschlossen auf den Weg gebracht wurde.“

erschienen in Ausgabe 10 / 2022: Handgemacht und maßgeschneidert

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