„Das Wachstum muss verringert werden – aber nicht auf Null“

Selbstbegrenzung ist ökologisch nötig, doch in einer Marktwirtschaft schwierig

Gespräch mit Hans-Christoph Binswanger

Das gegenwärtige Wirtschaftswachstum ist mit den Grenzen der Natur nicht vereinbar. Es trägt in den Industrieländern – anders als in armen Ländern – auch nicht mehr dazu bei, die Lebensqualität zu erhöhen. Deshalb, so betont eine neue Studie im Auftrag dreier Umwelt- und Entwicklungsorganisationen (siehe Kasten), benötigen wir ein grundsätzlich neues Entwicklungsmodell, in dem Wachstum nur eine Option unter anderen darstellt. Diese Forderung übersieht laut Hans-Christoph Binswanger jedoch die Ursachen des Wachstumszwangs.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass man mit ökologischen Investitionen den Energie- und Rohstoffverbrauch vermindern kann, ohne das Wirtschaftswachstum zu vermindern. Ist das realistisch?

Nein. Die Erfahrung zeigt, dass mehr Effizienz nicht genügt. Wir müssen auch fragen, wie viel Wachstum genug ist. Man kann es zwar nicht auf Null reduzieren, muss es aber so weit verlangsamen, dass der Gewinn an Effizienz genügt, um den Energie- und Rohstoffverbrauch tatsächlich sinken zu lassen. Wenn der Rohstoff- und Energieeinsatz 10 Prozent effizienter wird, aber das Sozialprodukt um 20, 30 oder 40 Prozent steigt, ist nicht viel gewonnen. Im übrigen ist das weltweite Wachstum entscheidend: Dieses lag in den vergangenen Jahren pro Jahr bei fünf Prozent, demnächst rechnet man mit etwas weniger, aber immer noch mit drei bis vier Prozent. Das ist so hoch, dass selbst bedeutende Effizienzgewinne nicht genügen werden.

Beim Plädoyer für Selbstbegrenzung stimmen Sie demnach mit der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland 2“ überein?

Im Grunde ja. Was dort aber zu wenig thematisiert wird, ist der Wachstumszwang. Ökologen denken oft, Wachstum lohnt sich doch gar nicht mehr, warum brauchen wir das unbedingt? In gewisser Hinsicht stimmt das auch. Es ist aber zu berücksichtigen: Wenn man eine freie Marktwirtschaft aufrecht erhalten will, kann man das Wirtschaftswachstum nicht auf Null reduzieren.

Aber Wachstum erhöht in den reichen Ländern laut der Studie nicht mehr das Wohlbefinden. Warum brauchen auch diese Länder noch Wachstum?

Das habe ich in meinem Buch „Die Wachstumsspirale“ ausführlich untersucht. Der entscheidende Grund ist, ganz kurz gesagt, dass die Unternehmen Gewinne benötigen. Sie müssen investieren. Das heißt, sie brauchen einen Vorschuss an Geld - das ist das Kapital -, mit dem die Produktion heute bezahlt wird, während die Erlöse sich erst einstellen, wenn die Produkte produziert sind und verkauft werden. Dabei müssen die Unternehmen ein Risiko in Kauf nehmen – man weiß ja nie genau, was schließlich verkauft werden kann. Für dieses Risiko wird ein gewisser Ausgleich verlangt. Das ist der Gewinn. Gewinn machen bedeutet, dass die Unternehmen für die verkauften Produkte mehr einnehmen müssen als sie ausgeben. Dies ist nur möglich, wenn der Wirtschaft insgesamt Geld zufließt. Das geschieht durch Kredite; man spricht daher von Geld- und Kreditschöpfung. Die Unternehmen nehmen Kredite auf, um zu investieren. Investieren heißt wachsen. Das bedeutet, dass die Wirtschaft wachsen muss, sofern man eine freie Marktwirtschaft aufrecht erhalten will – eine Wirtschaft also mit Unternehmen, die auf eigenes Risiko investieren. Und dieses System hat natürlich große Vorzüge, weil es die Eigeninitiative stärkt.

Es genügt nicht, dass einzelne Unternehmen wachsen und andere nicht, sondern die gesamte Volkswirtschaft muss wachsen?

Alle Unternehmen plus der Staat bilden zusammen die Volkswirtschaft. Der Staat muss zusätzliche Leistungen erbringen, damit die Unternehmen wachsen können – er muss die Infrastruktur schaffen und unterhalten wie Straßen und Verkehr, aber auch Bildung und Forschung. Doch das wirtschaftliche Wachstum ist im wesentlichen das der Unternehmen. Nicht jedes einzelne macht natürlich Gewinne, es gibt auch Verluste. Aber im Durchschnitt muss man Gewinne erwarten können.

Gehört es zu diesem Wachstumszwang, dass soziale Leistungen außerhalb des Marktes – etwa Hausarbeit und Pflege – zunehmend in Waren verwandelt werden?

Ja, denn das eröffnet die Möglichkeit zu weiteren Gewinnen. Und das nicht nur, wenn etwa die Pflege von Familienmitgliedern zur bezahlten Dienstleistung wird. Auch staatliche Leistungen werden vielfach in Aktiengesellschaften verwandelt, deren Aktien man handeln kann. Auf die muss man dann – anders als auf Unternehmen in öffentlichem Besitz – Dividenden zahlen. Die Aktionäre verlangen also Gewinne in Bereichen, in denen man vorher keine erzielen musste.

Wenn man öffentliche Dienstleister wie die Post oder die Bahn privatisiert, dann erhöht man dadurch den Zwang zum Wirtschaftswachstum?

Richtig. Umgekehrt mindert sich der Wachstumszwang, je mehr Güter und Dienste außerhalb der Geldwirtschaft in Eigenleistung erzeugt werden – auch etwa beim Anbau von landwirtschaftlichen Produkten für den Eigenbedarf. Das unterliegt nicht dem Wachstumszwang. Der entsteht erst, wenn investiert wird.

Sie betrachten immer das globale Wachstum?

Ja. Für wesentliche Umweltprobleme, insbesondere den Klimawandel, ist das weltweite Wachstum entscheidend.

Aber in armen Ländern ist ein höheres Wachstum nötig, um Armut zu mindern. Kann man sich vorstellen, dass im Süden die Wirtschaft wächst und im Norden schrumpft?

Nein. Das Wachstum kann im Norden niedriger sein – das ist ja schon der Fall –, aber auch hier nicht Null. Hinzu kommt, dass im Süden die Schwellenländer wie Indien und China das größte Gewicht haben. Die sind wirtschaftlich und von der Bevölkerung her so groß, dass es ökologisch gesehen wenig nützen würde zu sagen, wir treten zurück und die können stärker wachsen. Auch diese Länder müssen ihr Wachstum begrenzen, wenn man etwas für die Umwelt erreichen will.

Wenn man von dem Wachstumszwang ausgeht, wie hoch muss dann die globale Wachstumsrate ungefähr sein?

In meinem Buch schätze ich dieses Minimum grob auf global 1,8 Prozent pro Jahr. Und ich vermute, auch das ist zu hoch, um die Grenzen der Natur nicht zu sprengen. Ein anhaltendes Wachstum von zwei Prozent bedeutet, das Sozialprodukt verdoppelt sich innerhalb von 35 Jahren. Ob man das mit einer besseren Nutzung von Energie und Ressourcen wirklich ausgleichen kann, ist eine offene Frage. Man müsste deshalb wohl das globale Wachstum auf vielleicht 1 oder 0,5 Prozent reduzieren.

Eine Dematerialisierung des Wachstums ändert daran nichts?

Das wird immer vorgebracht und ist theoretisch möglich. Der immaterielle Anteil des Wachstums – etwa Dienstleistungen – wird zwar größer. Aber wir verzichten deshalb keineswegs auf materielles Wachstum. Schauen Sie sich die Statistiken über den Umschlag von Gütern in den großen Häfen an – der wächst und wächst, das ist geradezu unglaublich.

Was müsste man für eine Begrenzung des Wachstums unter etwa 1,8 Prozent tun?

Dazu sind Reformen nötig, die weit über das hinausgehen, was bisher diskutiert wird. Die ökologische Steuerreform oder die Abschaffung umweltschädlicher Subventionen sind gut und recht, genügen aber nicht. Ich schlage vor, dass man über andere Unternehmensformen nachdenkt. Anstelle von Aktiengesellschaften könnten Stiftungen, die mehr auf den Stiftungszweck ausgerichtet sind als auf Gewinn, zur tragenden Form werden. Eine ähnliche Möglichkeit sind Genossenschaften. Man müsste dann aber das Stiftungs- und Genossenschaftsrecht überprüfen. Stiftungen sind heute ja weitgehend dazu da, Gewinne zu manipulieren und so Steuern zu minimieren.

Als Folge gäbe es auch wesentlich weniger Möglichkeiten, Vermögen mit hoher Rendite anzulegen, oder?

Ja. In den vergangenen zwanzig Jahren haben die Möglichkeiten, Geld mit Gewinn anzulegen, unerhört zugenommen. Als erstes müsste man auf jeden Fall diesen Trend stoppen. Heute trägt der Banken- und Finanzsektor zu den Gewinnerwartungen und damit zum Wachstumszwang bei. So hat man zeitweise immer mehr Kredite vergeben und kaum nach dem Risiko gefragt. Langfristig sollten deshalb die Zentralbanken den Umfang der Kredite kontrollieren. Ein Vorschlag dafür ist, dass Banken nur so viel Kredit vergeben dürfen, wie sie selbst an Guthaben bei den Zentralbanken haben.

„Zukunftsfähiges Deutschland 2“ fordert, das Wettbewerbsrecht zu ändern und Nutzungsgebühren für Umweltgüter wie den Boden und die Atmosphäre einzuführen. Was halten Sie davon?

Änderungen des Wettbewerbsrechts sollte man anvisieren, so dass Gewinne, die allein auf Umweltschäden beruhen, eingeschränkt werden. Grundsätzlich sind Leistungen der Natur kostenlos verfügbar – ein Teil für alle bei Naturgütern, die wie die Luft keinen Eigentümer haben, ein Teil aber für die Eigentümer, die zum Beispiel den Boden oder Rohstoffe besitzen. Es ist natürlich besonders lukrativ, Dinge zu verkaufen, für die man nichts bezahlen musste. Deshalb ist es schwierig zu erreichen, dass Naturgüter sparsamer eingesetzt werden. Dies setzt voraus, dass das betreffende Naturgut nicht einfach weiter kostenlos genutzt werden kann. Mit den nötigen Kontrollen entsteht allerdings die Gefahr der Korruption. Denn lasche Kontrollen, die zum Beispiel die kostenlose Emission von Schadstoffen in begrenzten Mengen zulassen, können den Begünstigten große Sondergewinne verschaffen. Diese Grenzen sind schwer zu kontrollieren. Ich würde eher die Energiesteuern anheben, und zwar für alle Energien, und gleichzeitig die Besteuerung der Löhne senken. Insoweit ist die ökologische Steuerreform auf jeden Fall wichtig.

Kann man große Unternehmen, in denen viel Kapital auch von Einzelnen steckt, einfach in Stiftungen und Genossenschaften überführen?

Einfach ist das sicher nicht. Man muss sich das als eine Art Sanierungsaktion vorstellen, wie sie immer wieder nötig sind, wenn große Unternehmen drohen Bankrott zu gehen – so wie vor Kurzem viele Banken saniert werden mussten. Sie haben einen Haufen Verluste abgeschrieben. Das muss man in Kauf nehmen.

Das heißt der Übergang würde mit einer Entwertung von großen Mengen Kapital einhergehen?

Ja, wenigstens nominal. Aber wenn Großbanken zu viel Risiken anhäufen oder der Anstieg der Rohstoffpreise zu Turbulenzen führt, bedeutet eine Senkung des nominalen Vermögenswertes nur, dass man einen Wertverlust – eine Abschreibung – auf dem Papier nachvollzieht, der real bereits stattgefunden hat. Wenn man sich das klar macht, sollten entsprechende Reformen durchführbar sein.

Kann man die Reformen, die Sie verlangen, in einem Land oder auch der Europäischen Union allein durchführen?

Das ist ein echtes Problem. Wenn Europa und die USA gemeinsam vorausgingen, wäre das möglich. Die Schweiz allein könnte das nicht und die Europäische Union auch nicht. Die EU könnte aber den Anstoß geben und mit den USA Verhandlungen aufnehmen.

Die Studie möchte in Deutschland eine neue Debatte über einen Zivilisationswandel anstoßen. Gibt es eine solche Debatte in der Schweiz?

Ich habe an einem interdisziplinären Team mitgewirkt, das die Wachstumsfrage schon in einem 1978 erschienen Buch untersucht hat – es hieß „Wege aus der Wohlstandsfalle“. Wir haben das letzthin in der Schweiz wieder neu vorgestellt. Es scheint, dass dieses Thema wieder etwas mehr beachtet wird. Die jüngste Finanzkrise und die hohen Ressourcenpreise könnten dazu verhelfen, dass die Debatte intensiver geführt wird.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

Hans-Christoph Binswanger ist emeritierter Professor am Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen in der Schweiz. Zu seinen Büchern gehören „Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“ (München 1998) und „Die Wachstumsspirale“ (Marburg 2005).

Studie zu Wegen in eine zukunftsfähige Gesellschaft

Das Entwicklungsmodell der Industrieländer stößt an seine Grenzen. Ein radikaler Kurswechsel ist nötig, wenn der Klimawandel auf ein verkraftbares Maß begrenzt und die berechtigten Entwicklungsansprüche der armen Länder ernst genommen werden sollen. Das betont die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“, die „Brot für die Welt“, der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Auftrag gegeben haben. Sie wollen eine Debatte über einen solchen Kurswechsel anstoßen. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat die 660 Seiten starke Studie erarbeitet.

Danach stellen der Klimawandel, die Erschöpfung preisgünstiger Ölquellen sowie der Artenschwund eine umfassende Krise der Industriegesellschaft dar. Man könne sie nicht bloß technisch meistern, mittels Umstellung auf andere Energie- und Rohstoffquellen wie Bio-Kraftstoff und Atomenergie. Nötig sei vielmehr der Übergang zu einer neuen „postfossilen Zivilisation“. Sie müsse – so die Vision – die Grenzen der Natur und zugleich die Prinzipien der sozialen wie der internationalen Gerechtigkeit achten.

Um ökologische Grenzen zu respektieren, müsse erstens die Wirtschaft dematerialisiert werden: Energie solle effizient eingesetzt, Rohstoffe zurückgewonnen, die Lebensdauer der Produkte verlängert und Dienste statt Produkten verkauft werden (etwa Fortbewegung statt Autos). Zweitens müsse die Energieversorgung auf erneuerbare Energien umgestellt werden, die großenteils dezentral, aber großräumig vernetzt gewonnen werden. Drittens sei Selbstbegrenzung nötig – etwa ein Ende des „Beschleunigungswahns“ und weniger, aber bessere Güter.

Der Kapitalismus, so die Studie, beruht auf der Ausbeutung kostenloser Leistungen sowohl der Natur als auch des sozialen Lebens. Um das zu ändern, soll die Nutzung des Bodens, der Luft und der Meere streng begrenzt und kostenpflichtig gemacht werden. Mit Hilfe des Steuer- und Wettbewerbsrechts sollen Unternehmen gezwungen werden, in der gesamten Wertschöpfungskette soziale und ökologische Standards einzuhalten. Soziale Tätigkeiten sollten aufgewertet werden.

Die Veränderungen müssten mit einer Politik der sozialen Teilhabe einhergehen, um akzeptiert zu werden. Die Studie fordert Maßnahmen zur Umverteilung von Einkommen und Vermögen sowie eine flexible Verkürzung der Arbeitszeit, um die Erwerbsarbeit gerechter zu verteilen. Mit den Einnahmen aus Ökosteuern und  ­-gebühren soll eine Sozial­sicherung für alle geschaffen werden und langfristig ein Grundeinkommen für diejenigen, die unbezahlte soziale Leistungen erbringen – in der Familie oder mit ehrenamtlichem Engagement. International verlangt die Studie unter anderem, den Handel an den Menschenrechten und der Umweltverträglichkeit auszurichten; bilaterale Handelsabkommen seien dafür eine Nagelprobe.

Wie soll das durchgesetzt werden? Die Studie verweist darauf, dass soziale Bewegungen schon neue Techniken, soziale Modelle und Lebensstile entwickelt haben. Diese bisher auf Minderheiten beschränkten Ansätze könnten verallgemeinert werden – durch Nachahmung, unter dem Druck der Krise und mit Hilfe des Staates. Zwar sei der Widerstand in großen Teilen der Wirtschaftsverbände stark, aber für die Industrie werde ökologisches Wirtschaften zunehmend lukrativ. Wie der Staat, die Parteien und die Mehrheit der Bevölkerung schnell für so weitreichende Reformen gewonnen und der Widerstand der Lobbys gebrochen werden könnten, bleibt offen.

Die Studie knüpft an die Vorgängerstudie „Zukunftsfähiges Deutschland“ von 1996 an, die Leitbilder wie Entschleunigung und Selbstbegrenzung schon ausgearbeitet hat. Sie hat auch Ziele für die Verminderung des Naturverbrauchs in Deutschland gesetzt, von denen die meisten laut der neuen Studie nicht erreicht werden.

(bl)

Die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ erscheint Mitte Oktober. Eine Zusammenfassung kann kostenlos auf www.zukunftsfaehiges-deutschland.de bestellt oder heruntergeladen werden.

welt-sichten 9-2008

 

erschienen in Ausgabe 9 / 2008: Sudan: Krieg an vielen Fronten