Alles Land den Soja-Baronen

Jorge Adorne/Reuters
Sojaernte in Caaguazú, rund 200 Kilometer östlich von Paraguays Hauptstadt Asunción.
Soja-Exporte
Paraguays Landwirtschaft produziert fast nur für den Export – und zwar vor allem Soja. Die Folge sind Entwaldung, Artenschwund und Abhängigkeit von teuren Nahrungsmittelimporten.

Nur drei Prozent der Bevölkerung Paraguays besaßen 2008 nach offiziellen Zahlen 85 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche; inzwischen dürfte der Landbesitz noch stärker konzentriert sein. Und auf über 90 Prozent der Flächen wird für den Export angebaut – ganz überwiegend gentechnisch veränderte Sojabohnen. Dabei kommen große Mengen hochwirksamer Pestizide zum Einsatz, von denen manche in der Europäischen Union verboten sind. Zugleich haben mindestens 300.000 bäuerliche Familien kein Land. Die Entwaldung zugunsten der Landwirtschaft schreitet voran mit der Folge, dass Biodiversität verloren geht, immer mehr Lebensmittel eingeführt werden und vielerorts Wasserläufe mit Agrarchemikalien vergiftet werden.

Diese Situation ist das Ergebnis eines langen und aggressiven Vorgehens gegen die bäuerliche Landwirtschaft. Es begann mit der sogenannten grünen Revolution in den 1950er Jahren, als kleinbäuerliche Betriebe nach und nach von Monokulturen verdrängt wurden. In den 1960er Jahren führten dann Landwirte aus Südbrasilien den Sojaanbau ein. Denn während der grünen Revolution dort, die die damalige Militärdiktatur Brasiliens angestoßen hatte, verloren viele kleine und mittlere landwirtschaftliche Erzeuger ihr Land in Brasilien und suchten ihr Glück im angrenzenden Paraguay: Sie erwarben Land, vor allem Waldland, im Norden Paraguays und bauten dort Soja an.

Paraguays Diktator Alfredo Stroessner (Staatschef von 1954 bis 1989) verfolgte damals die Strategie, die landwirtschaftliche Nutzfläche auszuweiten. In dem Prozess bemächtigten sich Großunternehmen weitläufiger Flächen und nutzten Arbeitskräfte aus Brasilien, um Wald abzuholzen und extensive Landwirtschaft mit Soja-Monokulturen zu betreiben. Heute sind sie und ihre Angehörigen, die sogenannten Brasiguayos, die wichtigsten Produzenten von Soja in Paraguay.

Immer mehr gentechnisch manipulierte Pflanzen

Genetisch manipuliertes Saatgut kam zunächst illegal als Schmuggelware ins Land, vor allem aus Argentinien, und verbreitete sich ab 1999 in ganz Paraguay. Für den Anbau wurde immer mehr Land, das bis dahin Bauern bewirtschaftet hatten, vereinnahmt – auch mit Gewalt. Bis 1999 erstreckte sich die landwirtschaftliche Anbaufläche in Paraguay über annähernd 1,2 Millionen Hektar. Seitdem, also seit das erste genveränderte Saatgut aus Argentinien und Brasilien eingeführt wurde, bis 2019 hat sich diese Fläche auf 3,6 Millionen Hektar verdreifacht.

Im Jahr 2001 wurde das erste genetisch veränderte Soja offiziell zugelassen: die Sorte Roundup Ready von Monsanto. Seit 2012 – nach dem parlamentarischen Staatsstreich gegen die Regierung von Präsident Fernando Lugo, der 2008 mit Unterstützung von Bauernbewegungen gewählt worden war – hat die Zulassung genetisch manipulierter Pflanzen einen starken Schub erfahren. Heute sind 48 Sorten zugelassen: zehn Sojasorten, 30 Maissorten und acht Baumwollsorten. Die Wissenschaftlerin Lis García hat 2022 darauf hingewiesen, dass vier transnationale Agrarkonzerne von gut 85 Prozent der Geschäfte mit zugelassenen gentechnisch veränderten Pflanzen in Paraguay profitieren: Monsanto/Bayer, Syngenta, Dow Agrosciences und BASF.

Die Zulassung von gentechnisch verändertem Saatgut hatte zur Folge, dass aus Europa und den USA immer mehr Ackergifte eingeführt wurden, von denen einige – wie das Herbizid Paraquat – in der Europäischen Union verboten sind. Und von 2002 bis 2019 wurde in Paraguay die Fläche, auf der in bäuerlicher Landwirtschaft Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf erzeugt werden, von 636.000 Hektar auf 350.000 Hektar zurückgedrängt.

Giftstoffe, Verarmung und Zwangsräumungen

Das Modell des Agrobusiness, das dem Profit Vorrang vor den Rechten der bäuerlichen und indigenen Bevölkerung einräumt, schadet der Natur und der Gesundheit der Bevölkerung. Diese wird vorsätzlich Giftstoffen ausgesetzt. Denn  Agrochemie wird über Feldern mit Sojabohnen und anderen Kulturen des Agrobusiness versprüht, sowohl aus der Luft als auch am Boden. Dabei werden die gesetzlichen Vorgaben, die bestimmte Abstände zu Siedlungen und anderen Feldern vorschreiben, oft nicht eingehalten. Infolgedessen sind auch die kleinbäuerliche Bevölkerung und ihre Anbauflächen den Chemikalien ausgesetzt.

Das Agrobusiness dringt vor, indem große Sojaproduzenten sich das Land bäuerlicher Gemeinschaften aneignen und sich dabei mit der Regierung abstimmen. Wegen der niedrigen Preise, die bäuerliche Familien für ihre Erzeugnisse erzielen, sind viele von ihnen verarmt; die Summen, die man ihnen für ihre Nutzflächen bietet, erscheinen ihnen verlockend. Zugleich haben sich ihre Lebensbedingungen erheblich verschlechtert. Ihre landwirtschaftlichen Kulturen, ihre Tiere sowie Wasserläufe nehmen Schaden, weil Pflanzenschutzmittel auf nahe gelegenen Sojafeldern eingesetzt werden. Vielfach sind sie deshalb gezwungen, ihren Wohnort zu wechseln.

Mitglieder einer indigenen Familie stehen in IItakyry im Osten Paraguays am Rand einer Sojaplantage. Auf deren Fläche lag früher ihre eigene Farm

Die Polizei und private Sicherheitskräfte von Unternehmern führen auch Zwangsräumungen von Siedlungen und Gemeinschaften durch und stimmen sich dabei oft untereinander ab. Dies hat in den vergangenen Jahren zugenommen, vor allem 2021 unter der Regierung von Staatspräsident Mario Abdo Benítez. Auf Protest seitens der Bauern haben die aufeinanderfolgenden Regierungen Anfang der 2000er Jahre mit Kriminalisierung und einer Vielzahl von Gerichtsverfahren reagiert. Das gilt selbst für die Regierung von Fernando Lugo, wenn auch in geringerem Maße.

Die Bauern kämpfen für eine Agrarreform

Autorin

Marielle Palau

ist Professorin für Soziologie an der Katholischen Nationalen Universität von Asúncion und Forscherin bei Base IS (Basis Sozialforschung) in Paraguay.
Die paraguayische Bauernbewegung setzt jedoch ihren historischen Kampf für eine umfassende Agrarreform fort. Sie verlangt ihre Böden zurück, prangert die Folgen des Agrobusiness an, verlangt politische Unterstützung für eine bäuerliche Landwirtschaft und fordert Ernährungssouveränität.

Dass immense Flächen nötig sind, um die Nachfrage aus dem globalen Norden nach Soja zu bedienen, hat unheilvolle Auswirkungen auf die Landbevölkerung. Sie ist zunehmend darauf angewiesen, Lebensmittel zu kaufen, weil sie nicht mehr genug anbauen kann. Das geht mit dem Verlust von traditionellem Saatgut und der Verletzung von Menschenrechten einher. Wo Bauern und Indigene um ihr Land gebracht werden, entzieht man ihnen die Möglichkeit, ihre Rechte auf Ernährung und sauberes Wasser geltend zu machen und auch die Rechte auf Wohnraum und Arbeit. Nach der Vertreibung von ihrem Land ziehen die Menschen in städtische Zentren, haben dort jedoch kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt und finden meist keine Arbeit. Auch städtische Bevölkerungsschichten sind betroffen, denn sie müssen genetisch veränderte Lebensmittel verzehren, die mit Agrochemie belastet sind.

Gremien der Vereinten Nationen haben die schädlichen Folgen für die Menschenrechte festgestellt und Empfehlungen an den paraguayischen Staat gerichtet, diese Rechte zu gewährleisten – so der UN-Ausschuss gegen Folter im Jahr 2000, der Menschenrechtsausschuss im Jahr 2006 und der UN-Sonderberichterstatter zum Recht auf Nahrung im Jahr 2017. Im Jahr 2019 hat der UN-Menschenrechtsausschuss den paraguayischen Staat für den Tod des Bauern Rubén Portillo verurteilt, der infolge des Einsatzes von Pestiziden in seiner Gemeinde gestorben war.

Abhängig von gekauften Lebensmitteln

Das gegenwärtige Modell des Agrobusiness gibt der Produktion für den internationalen Markt Vorrang; es ist darauf gerichtet, Bedürfnissen des globalen Nordens zu entsprechen und den beteiligten Unternehmen zu großen Geschäften zu verhelfen. Dies geht zulasten des Anbaus von Nahrung, wie er für die bäuerliche Landwirtschaft charakteristisch ist, und macht die Menschen in Paraguay von gekauften Lebensmitteln abhängig. Der Import von Nahrungsmitteln, die früher die einheimische bäuerliche Landwirtschaft geliefert hat wie Obst und Gemüse, ist seit 2013 stark gewachsen.

Es gilt, auf globaler Ebene eine tiefgehende Reflexion über dieses Entwicklungsmodell anzustoßen. Es geht darum, die Produktion so auszurichten, dass die Bedürfnisse der Bevölkerung und ihre unterschiedlichen Lebensformen Vorrang haben, nicht der Markt und große Unternehmen. Initiativen dafür sind etwa Bauernmärkte, der Erhalt von traditionellem Saatgut oder die lokale Verarbeitung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Daneben geht der historische Kampf für eine umfassende Agrarreform weiter. Die internationale Bauernbewegung „Vía Campesina“ betont die Bedeutung von Ernährungssouveränität. Diese trägt nicht nur dazu bei, den Zugang zu gesunden Lebensmitteln sicherzustellen und solidarische Formen des Zusammenlebens zu stärken, sondern auch dazu, dass der Planet sich nicht weiter aufheizt.

Aus dem Englischen von Julia Lauer.

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erschienen in Ausgabe 2 / 2023: Religion und Frieden
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