Angriff auf die falschen Ziele

Der Krieg gegen die Drogen wird von Machtpolitik geleitet

Von Alain Labrousse

Der Versuch, den Anbau illegaler Drogen und den Handel damit zu unterdrücken, hat beides weiter anwachsen lassen. Eine wesentliche Ursache dafür ist, dass Großmächte, vor allem die USA, aus wirtschaftlichen und politischen Interessen vor der Verstrickung befreundeter Regierungen in das Drogengeschäft die Augen verschließen. Ländliche Entwicklung und der Kampf gegen Korruption wären besser geeignet, der Drogenökonomie die Grundlage zu entziehen.

Vor zehn Jahren hat die UN-Generalversammlung auf einer Sondersitzung zu Drogen das Ziel ausgegeben, die Produktion von Koka, Opium und Cannabis bis 2008 deutlich zu verringern. Doch das Gegenteil ist eingetreten: Die Produktion aller Drogen natürlichen Ursprungs hat seitdem erheblich zugenommen. Das gilt besonders für die Opiumproduktion, an der Afghanistan einen Anteil von etwa 95 Prozent hat. Sie hat sich dort seit 1998 fast verdoppelt. Die weltweite Produktion von Kokain wuchs im selben Zeitraum von 825 auf 925 Tonnen, also um 20 Prozent. Die Anbauflächen für Cannabis sind in Marokko, dem größten Haschischproduzenten der Welt, von 65.000 Hektar im Jahr 1998 auf jetzt 75.000 Hektar gewachsen; im Jahr 2003 waren es zwischenzeitlich sogar 134.000 Hektar.

Damit steigt auch die Macht der Drogenkartelle und der kriminellen Netzwerke, die einen wachsenden Markt von Konsumenten beliefern. Beim Kokainverbrauch hat Europa die Vereinigten Staaten fast eingeholt. Die Droge aus Lateinamerika erobert zudem die Märkte Australiens, Chinas und Indiens. Afghanisches Heroin, traditionell für den europäischen Markt bestimmt, ist heute auch in Südostasien, den Pazifikländern, China und Indien erhältlich.

Der Fehlschlag der internationalen Drogenpolitik hat mehrere Ursachen. So sind die beiden größten Drogenproduzenten, Kolumbien und Afghanistan, Schauplatz von Konflikten, in denen sich die Kriegsparteien mit Drogenprofiten finanzieren. Doch in erster Linie ist der Zuwachs der Produktion darauf zurückzuführen, dass die Politik mehr auf Repression setzt als auf Entwicklungsförderung und Prävention. Vor allem die Vereinigten Staaten, die den „Krieg gegen die Drogen“ anführen, neigen dazu, vor Korruption auf höchster Regierungsebene in den Produzentenländern die Augen zu verschließen, wenn ihre wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen berührt sind.

Bei Kokain und Heroin, den sogenannten „harten Drogen“, steht finanziell und geopolitisch am meisten auf dem Spiel. Um zu erklären, warum der Kampf gegen den Anbau von Kokasträuchern vergeblich war, muss man bis zur Mitte der 1990er Jahre zurückgehen. Bis dahin waren Peru und Bolivien die wichtigsten Produzentenländer mit Anbauflächen von 120.000 beziehungsweise 50.000 Hektar. Sie waren zudem die wichtigsten Produzenten von Kokain-Paste, dem Rohstoff für Kokainhydrochlorid, das als „Koks“ auf den illegalen Markt kommt. Dieses wurde hauptsächlich in Kolumbien hergestellt. Die USA zogen daraus folgenden Schluss: Wenn es gelänge, den Flugverkehr zu unterbinden, der die kolumbianischen Drogenhändler mit Kokain-Paste versorgte, würden deren Nachfrage und ihr Preis in Peru und Bolivien sinken und die Bauern dort hätten keinen Anreiz mehr für den Koka-Anbau.

Deshalb bauten die Amerikaner einen Radarschirm an den Grenzen Kolumbiens zu Peru und Ecuador auf, um kolumbianische Kleinflugzeuge aufzuspüren, bevor sie auf den improvisierten Pisten im Amazonasurwald landeten. Peruanische Abfangjäger zwangen nicht identifizierte Flugzeuge zur Landung oder schossen sie ab. Das war recht erfolgreich: 1994 wurden ein halbes Dutzend Flüge unterbunden, 1996 bereits mehr als zwanzig. Nach Ansicht mancher Fachleute ist der Rückgang der Produktion in Peru und Bolivien aber ebenso auf die Zerschlagung der Drogen-Kartelle von Medellín und Cali zurückzuführen, die bis dahin in der Amazonasregion Perus verankert gewesen waren.

Laut der UN-Behörde für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (United Nations Office on Drugs and Crime, UNODC) gingen die illegalen Koka-Kulturen bis zum Ende der 1990er Jahre auf weniger als 35.000 Hektar in Peru und einige tausend Hektar in Bolivien zurück. Ein Teil der Kokaproduktion ist legal, denn gemäß UN-Konventionen von 1971 und 1988 zu Drogen dürfen beide Länder Kulturen für traditionelle Koka-Nutzungen anlegen. Man ging damals davon aus, daß 12.000 Hektar zur Befriedigung dieser Nachfrage ausreichten. Als die illegalen Anbauflächen zurückgingen, stieg die Produktion in den legalen an. Diese Mengen wurden offensichtlich zur Kokainproduktion abgezweigt.

Nachdem die kolumbianischen Händler ihre Bezugsquellen in den Nachbarländern verloren hatten, legten sie im eigenen Land Kokapflanzungen an. Die Anbaufläche wuchs zwischen 1995 und 2000 von 40.000 auf fast 170.000 Hektar. Die steigenden Profite aus der Drogenproduktion begünstigten das Erstarken bewaffneter Gruppen wie der Guerilla „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (FARC) und paramilitärischer Verbände: In dem Zeitraum verdoppelte sich die Zahl ihrer Kämpfer, der Bürgerkrieg eskalierte und die Zahl der Menschenrechtsverletzungen nahm zu. Insgesamt drei Millionen Kolumbianer wurden aus ihren Dörfern vertrieben.

Seit 2000 finanzierten die USA die Vernichtung kolumbianischer Koka-Pflanzungen durch das Versprühen von Herbiziden aus der Luft. Um den Preis schwerer Schäden für Umwelt und Gesundheit gelang es so, die Koka-Kulturen zwischen 2001 und 2006 auf die Hälfte zu reduzieren. 2007 haben sie aber wieder um 30 Prozent zugenommen. Der technische Fortschritt, den die Drogenbosse nutzen, hat zudem den Ertrag pro Hektar und den Alkaloidgehalt der Kokablätter erheblich gesteigert. Kolumbien produziert derzeit die gleiche Menge Kokain wie im Jahr 2000. Zugleich nehmen seit einigen Jahren die illegalen Kulturen in Peru (mehr als 50.000 Hektar) und Bolivien (fast 30.000 Hektar) wieder deutlich zu.

Auch der Drogenhandel wächst. Laut UNODC gelangen 450 Tonnen Kokain in die USA und 250 Tonnen nach Europa. Dort sind die Beschlagnahmungen zwischen 1995 und 2005 jährlich um 17 Prozent gewachsen, und Koks ist zu einer größeren Gefahr geworden ist als Heroin. 80 Prozent des Kokains, das in die USA gelangt, kommt auf dem Landweg über die Panamericana – das Straßensystem, die ganz Amerika von Nord nach Süd durchquert – und die Grenze zu Mexiko, der Rest auf dem Seeweg durch die Karibik. Um die Verteilung der enormen Profite aus dem Schmuggel kommt es zu Konflikten zwischen den mexikanischen Kartellen und zu einem beispiellosen Anstieg der Gewalt, der Mexiko destabilisiert (siehe den Beitrag auf Seite 32).

Bis zum Beginn dieses Jahrzehnts nahm ein Großteil des Kokains, das nach Europa gelangte, von Karibikinseln aus den Seeweg. Dann begannen im Rahmen des Programms NARCOPS die europäischen Flotten mit der US-Marine zusammenzuarbeiten, um im Atlantik eine Seeblockade zwischen der Karibik und Europa zu schaffen. Das erwies sich als so wirksam, dass heute ein Großteil des Kokains einen Umweg nach Süden entlang der Küsten Afrikas nimmt, insbesondere über den Golf von Guinea, bevor es Europa erreicht. So konnte ein kleines Land wie Guinea-Bissau zu einer Drehscheibe des Kokainhandels werden (siehe den Beitrag auf Seite 18).

Was Heroin angeht, befürchtet UNODC-Direktor Mario Costa, dass sich Afghanistan zu einem „Narko-Staat“ entwickelt. Diese Bezeichnung ist jedoch unangemessen, denn dort liegen Drogenproduktion und Drogenhandel nicht in den Händen des Staates. Sie sind Sache von lokalen Kommandanten, korrupten Beamten und islamistischen Rebellen und tragen deshalb maßgeblich zur Fragmentierung des Staates bei. Allerdings spielen Drogen sowohl bei der Finanzierung des Konfliktes als auch beim Wiederaufbau eine wichtige Rolle. Im Jahr 2000 hatten die Taliban mit Erfolg den Anbau von Schlafmohn verboten. In den drei Vierteln des Landes, die sie kontrollierten, wurden 2001 nur 5 Tonnen Opium erzeugt. 2002, nach der Intervention der von den USA angeführten Koalitionstruppen, stieg die Produktion wieder auf 3400 Tonnen, das Niveau von 2000. Danach hat sich laut UN-Studien die Produktion von Opium ständig erhöht und im vergangenen Jahr 8200 Tonnen auf 193.000 Hektar Anbaufläche erreicht. Dass sie 2008 auf 7700 Tonnen und 157.000 Hektar zurückging, lag im wesentlichen an ungünstigen Wetterbedingungen.

Immerhin hat der Anteil der Provinzen zugenommen, in denen kein Mohn mehr angebaut wird. Insbesondere die früheren Hochburgen Nangarhar und Badachschan sind zur Zeit fast mohnfrei. Das ist weitgehend eine Folge des gestiegenen Weizenpreises. Ein Hektar Mohn bringt nur noch dreimal so viel ein wie ein Hektar Weizen, im vergangenen Jahr war es noch zehnmal so viel.

98 Prozent der afghanischen Opiumproduktion konzentrieren sich auf sieben Provinzen im unsicheren Süden, besonders auf die Taliban-Hochburg Helmand, die es allein auf  etwas mehr als 100.000 Hektar Anbaufläche bringt. Nach Ansicht des US-Außenministeriums finanziert die Opiumproduktion den Aufstand der Taliban. Dieser Zusammenhang lässt sich jedoch nicht so eindeutig herstellen. Laut UNODC haben die Produzenten im gesamten Land im vergangenen Jahr eine Milliarde Dollar verdient. Wenn man davon ausgeht, dass im Süden Afghanistans zwei Drittel des Opiums erzeugt werden, macht das Einkommen der dortigen Bauern etwa 700 Millionen Dollar aus. Davon werden 70 Prozent, etwa 500 Millionen Dollar, mit zehn Prozent besteuert. Laut einer Umfrage der UNODC teilen sich in den meisten Fällen die Mullahs, die Taliban und lokale Kommandanten das Steueraufkommen. Auf die Taliban entfallen also höchstens etwa 15 Millionen Dollar.

Die Steuern, die sie auf den Handel erheben können, sind vielleicht höher, aber auch weniger sicher. Denn Händler und lokale Kommandanten haben eigene Milizen, um sich zu schützen. In Helmand kontrolliert die Mullah-Familie Akhunzada, deren Oberhaupt Sher Mohammad bis August 2005 Provinzgouverneur war und dann von Präsident Hamid Karsai in den Senat berufen wurde, seit Jahrzehnten einen großen Teil der illegalen Kulturen und der Heroinproduktion. Die Akhunzada kommandieren Milizen, die auf Seiten der Koalitionstruppen kämpfen.

Antonio Giustozzi, der Verfasser eines neuen Buches über die Taliban, ist der Meinung, dass diese selbst in ihrem Stammland Helmand keineswegs die Drogenproduktion und den Handel kontrollieren können: „Die Händler zeigen wenig Neigung, den Taliban einen nennenswerten Anteil ihrer Profite zu überlassen, schon gar nicht in einer Zeit der Überproduktion und der Rivalität zwischen korrupten Beamten und zunehmend auch Offizieren der afghanischen Armee, die sie umschmeicheln.“ Die Taliban haben zudem keine Kontrolle über die afghanische Grenze. Aus Pakistan kommend müssen sie diese in kleinen Gruppen überqueren, um der Luftwaffe der Alliierten zu entgehen. Unter diesen Umständen können sie keine Steuern auf den Drogenanbau erheben. In einer gemeinsamen Studie der Weltbank und der UN kommt Mark Shaw zu dem Schluss, das afghanische Innenministerium sei am Drogenhandel beteiligt: „Es ist möglich, dass das Ernennungsverfahren in der Polizei von mächtigen Interessengruppen im Innenministerium dazu benutzt wird, kriminelle Absichten voranzutreiben und zu verschleiern.“

Um das Wachstum der Drogenwirtschaft zu bekämpfen, wäre es für die Regierung und ihre westlichen Alliierten sicher effektiver, gegen die Korruption und deren Duldung in den eigenen Reihen vorzugehen. Doch wie in Lateinamerika ist das Gegenteil der Fall. Großmächte neigen dazu, das Instrument des „Kriegs gegen die Drogen“ in den Dienst ihrer wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen zu stellen. Anders ausgedrückt: Sie kümmern sich nicht mehr um diesen Krieg, wenn er ihren Interessen nicht dient. Frankreich hat zum Beispiel in seinen Verhandlungen mit einem engen Verbündeten wie Marokko nie das Thema der Haschischproduktion auf die Tagesordnung gesetzt.

Die Vereinigten Staaten nutzen den „Krieg gegen die Drogen“ am systematischsten, wie ihre Intervention in Kolumbien zeigt. Bis Dezember 1999 hofften sie darauf, ihr Militär in der Zone des Panamakanals halten zu können, obwohl die Carter-Torrijos-Verträge von 1977-1979 sie verpflichteten, die Kanalzone 20 Jahre nach den Verträgen an Panama zurückzugeben. Sie gingen daher mit der Idee eines multilateralen Anti-Drogen-Zentrums (CMA) hausieren, das in Panama eingerichtet werden sollte. Doch die Regierung Panamas lehnte es ab, ihr Staatsgebiet dafür zur Verfügung zu stellen.

Darüber hinaus hat die venezolanische Regierung der Luftwaffe der USA verboten, ihr Territorium zu überfliegen. Venezuela beabsichtigt, 2009 gemeinsam mit der russischen Marine Seemanöver durchzuführen, und auch Kuba nähert sich wieder seinen einstigen Verbündeten im Kreml an. Daher ist es für die USA von entscheidender Bedeutung, ein Gebiet wie den Norden Kolumbiens zu kontrollieren, das Zugang zur Panamericana, dem Pazifik und der Karibik bietet. Weitere Motive dafür, dass die USA dieses Territoriums kontrollieren wollen, sind die Tätigkeit amerikanischer Ölgesellschaften wie Exxon im Nordosten Kolumbiens und eine Pipeline, die Öl zur Karibik leitet. Schließlich ist die Biodiversität Amazoniens vor allem für die Pharmakonzerne der USA von großem Interesse.

All das erklärt, warum die USA zwischen 2000 und 2006 mehr als fünf Milliarden Dollar in den Krieg gegen die Drogen in Kolumbien investiert haben, obwohl Präsident Álvaro Uribe laut Berichten von Geheimdiensten der US-Armee und der Drug Intelligence Agency in den 1990er Jahren eng mit dem Kartell von Medellín zusammengearbeitet hat. Heute sitzen 60 Parlamentarier aus Parteien, die den Präsidenten unterstützen, im Gefängnis oder es laufen Verfahren gegen sie wegen ihrer Verbindungen zu Paramilitärs, die mit Drogen handeln.

In Afghanistan verschleiern die USA mit der Intervention gegen den Terrorismus und die Drogen den Umstand, dass sie aus diesem Land eine Ausgangsbasis für den Zugriff auf das Erdöl Zentralasiens und die Überwachung des Iran machen möchten. Die Tatsache, dass die Amerikaner auf allen Flugplätzen Afghanistans Militärbasen ihrer Luftwaffe eingerichtet haben, zeigt, dass sie die Absicht haben, lange in diesem Land zu bleiben. Die Erlaubnis dazu haben sie 2005 von Präsident Karsai erhalten. Unter diesen Umständen haben Berichte ihrer eigenen Geheimdienste wenig Gewicht, dass der Bruder des Präsidenten, Walid, selbst vom Aufschwung des Drogenhandels in Kandahar profitiert, wo er der politische Repräsentant des Präsidenten ist. Solche Komplizenschaft ist einer der Gründe, warum der Krieg gegen die Drogen scheitert.

Immerhin verfügen die Vereinigten Staaten über ein Instrument, das zwar fragwürdig ist, ihnen aber erlaubt, die von der Drogenwirtschaft stark geprägten Staaten zu benennen: das Verfahren der „certification“. Dabei wird eine Liste jener Staaten erstellt, die nicht gegen die Drogenindustrie vorgehen. Sie erhalten keine Wirtschafthilfe mehr von den USA. Auf der Liste, die das amerikanische Außenministerium Mitte September präsentiert hat, stehen Birma, Bolivien und Venezuela. Dabei haben die Anbauflächen in Bolivien seit 1987 lediglich um vier Prozent zugenommen, und das Land hat bei der Beschlagnahmung von Drogen und der Zerstörung von Laboren alle Rekorde gebrochen. Doch der bolivianische Präsident Evo Morales hatte eine Woche, bevor die amerikanische Liste veröffentlicht wurde, den US-Botschafter ausgewiesen. Auch in Venezuela wurden beachtliche Mengen Kokain beschlagnahmt, die für die USA bestimmt waren.

Für Kolumbien hingegen stellt Washington beträchtliche finanzielle Hilfen bereit, obwohl dort die Anbauflächen für illegale Substanzen um 27 Prozent zugenommen haben und der Präsident und seine Regierung notorisch mit den paramilitärischen Drogenhändlern verbandelt sind. Solange die internationale Gemeinschaft diesen Missstand nicht anprangert, ist es zwecklos vorzugeben, dass man gegen die Drogen kämpft.

Alain Labrousse ist Soziologe und war von 1990 bis 2000 Direktor des Observatoire géopolitique des drogues (OGD) in Paris. Er ist Autor des Buches „Géopolitique des drogues“.

 

Profite mit Kokain – vom Bauern zum Konsumenten

Kokain wird aus den Blättern des Kokastrauches gewonnen. Die immergrüne Pflanze wird in Südamerika seit Jahrhunderten angebaut. Der Genuss ihrer Blätter wirkt berauschend, dämpft den Hunger und steigert die Leistung. Kokain wird mittels chemischer Prozesse aus den Kokablättern extrahiert. Das weiße kristallartige Pulver wird fast immer mit anderen Substanzen wie Milchpulver und Zucker gestreckt. Besonders gefährlich ist Crack, das man herstellt, indem man Kokain in Wasser löst und mit einer anorganischen Base wie Backpulver vermischt. Das Rauschgift macht sehr schnell abhängig und ist extrem gesundheitsschädlich.

Auf dem Weg vom Kokabauern zum Konsumenten steigt der Wert des Stoffs dramatisch. Der Preis wird von zwei Faktoren beeinflusst: Die Herstellungskosten und die Hindernisse auf dem Handelsweg, die geografisch oder politisch bedingt sein können. 200 Kilogramm Koka-Blätter kosten beim Bauern 400 US-Dollar. Durch Extrahierung des Kokains aus den Blättern entsteht Koka-Paste; ein Kilo kostet beim Produzenten 800 Dollar. Die Paste wird im Labor zu Kokainhydrochlorid (Koks) weiterverarbeitet, was den Wert weiter um 900 Dollar steigen lässt. Der kolumbianische Exporteur bezahlt für das Kilo Koks 5000 Dollar, der Großimporteur in den USA doppelt so viel. Der Großhandelspreis in New York liegt bei 15.000 Dollar, in Paris bei 35.000, in Kopenhagen, Moskau oder Riad bei 150.000 Dollar. Das mit anderen Stoffen gestreckte Kokain wird dann auf der Straße für Preise zwischen 150.000 und 500.000 Dollar pro Kilogramm verkauft.

Nach Angaben des UNODC von 2005 teilen sich die Profite aus dem Drogenhandel, etwa 429 Milliarden US-Dollar jährlich, folgendermaßen auf: 13 Milliarden entfallen auf die Bauern, 92 Milliarden auf die Großhändler und 322 Milliarden auf die Straßendealer. Die Bauern profitieren also am wenigsten. Danach folgen die Dealer, weil sich Millionen von ihnen die Erträge des Straßenhandels teilen müssen. Die Großhändler und ihre Komplizen in staatlichen Behörden verzeichnen den größten Gewinn. Denn bei ihnen handelt es sich um einen eingeschränkten Kreis, der in Ländern wie Kolumbien oder Afghanistan möglicherweise weniger als 100 Personen umfasst.

(al)

welt-sichten 11-2008

 

 
erschienen in Ausgabe 11 / 2008: Drogen: Profit, Gewalt und Politik