Solidarsystem oder private Rentenfonds?

Mitglieder der Koordination der Arbeitnehmer, No+AFP, sitzen und stehen an einem Tisch und halten Transparente hoch.
Ana Puga
Die Mitglieder der Koordination der Arbeitnehmer, No+AFP, äußern Zweifel am Vorschlag von Präsident Gabriel Boric zur Rentenreform.
Was tut sich in ... Chile?
Die Rentenreform, die Chiles Präsident Gabriel Boric vorgelegt hat, sorgt für erregte Diskussionen in dem südamerikanischen Land.

Die Reform war erstmals im November 2022 präsentiert worden, ist aber bisher nur von der Abgeordnetenkammer und noch nicht vom Senat verabschiedet worden. Danach sollen Arbeitnehmer selbst entscheiden können, wer ihren vorgesehenen Rentenfonds verwaltet, ob eine staatliche oder eine private Einrichtung. Bislang sind alle Arbeitnehmer verpflichtet, ihr Geld bei einem der sieben noch von Diktator Augusto Pinochet 1981 zugelassenen privaten Rentenfonds (Administradoras de Fondos de Pensiones, kurz AFPs) anzulegen, die ihren Kunden dafür sehr hohe Gebühren abverlangen. 

Debattiert wird außerdem über einen Zusatzbeitrag und dessen Verwendung. Weil das Niveau der privaten Fonds-Renten niedrig ist – die Durchschnittsrente für Männer liegt bei umgerechnet 274 US-Dollar  pro Monat, die für Frauen bei 125  –, sollen die Arbeitgeber nach dem Vorschlag von Boric für jeden Beschäftigten einen zusätzlichen Beitrag in Höhe von sechs Prozent des Gehalts in einen staatlichen Solidaritätsfonds einzahlen. Von diesem Fonds sollen im Ruhestand alle Versicherten gleichermaßen profitieren. Die konservative Opposition besteht dagegen darauf, dass auch die zusätzlichen sechs Prozent in die jeweiligen individuellen Pensionsfonds der einzelnen Arbeitnehmer fließen sollen.

Niedrige Gehälter, niedrige Renten

Dass die durchschnittliche Rente laut Oberster Rentenbehörde nur 17 Prozent des vorherigen Einkommens beträgt, liegt in erster Linie daran, dass die Gehälter niedrig sind und viele deshalb nur wenig in die AFPs einzahlen können. Mit der Rentenreform möchte die Boric-Regierung das Rentensystem deshalb stärker in Richtung einer solidarischen Grundrente steuern, die auch diejenigen absichert, die in ihrem Arbeitsleben nur sehr wenig verdient haben.

Vielen reicht dieser Schritt dennoch nicht aus. So fordern seit 2016 viele Menschen im ganzen Land, angeführt von der Nationalen Koordination der Arbeitnehmer No+AFP  (no more AFP) und deren Sprecher Luis Messina, die völlige Abschaffung der privaten Pensionsfonds (AFP). Die Reformen der Regierung stärken ihrer Meinung nach letztlich nur das System individueller Konten zu Lasten eines solidarischen, steuerfinanzierten Rentensystems – wie es im Übrigen die Angehörigen der Streitkräfte von jeher genössen. 

In der Bevölkerung findet der Regierungsvorschlag zur Rentenreform laut Meinungsumfragen keine MehrheitDas könnte aber auch daran liegen, dass viele überhaupt nicht wissen, wie die Reform konkret aussehen und was sie bewirken soll. Allerdings sprechen sich 84 Prozent der Befragten dafür  aus,  „dass die Menschen wählen können, ob sie einen öffentlichen oder einen privaten Verwalter haben wollen“

So wie die Informatikingenieurin Marisol Paiva, die seit mehr als 33 Jahren in dieses System einzahlt. Sie hat sich ausgerechnet, dass sie im Gegenzug für ihre Einzahlungen eigentlich mit 60 Jahren eine Rente in Höhe von 40 Prozent ihres derzeitigen Gehalts beziehen könnte. „Nach den Berechnungen meiner AFP aber werde ich, wenn ich so weiter spare wie bisher, nur mit 25 Prozent meines jetzigen Gehalts in Rente gehen können.” In diesem Fall liegt es an den Schwankungen des Marktes, in den die AFP-Fonds investiert sind, sowie an den hohen Verwaltungsgebühren dieser Fonds. Da sie ein eigenes Haus und eine zweite Immobilie besitze, werde sie dennoch genug zum Leben haben – „das ist aber ein großes Privileg, den allermeisten Menschen geht das nicht so.”

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