Neues Konzept für die Bekämpfung von Armut

Das Entwicklungsministerium konkretisiert sein Verständnis von Hilfe zur Selbsthilfe

Bildung, Gesundheit, Zugang zu Basisinfrastruktur und mehr soziale Sicherung seien die Schlüssel dafür, dass „der Einzelne die eigenen Fähigkeiten entwickeln und nutzen und die eigenen Lebenschancen verbessern kann“, heißt es in dem Papier. Hans-Jürgen-Beerfeltz, Staatssekretär im Entwicklungsministerium (BMZ), spricht nicht von Armut, sondern von „Chancenarmut“. Allein auf mehr Entwicklungsgeld und die Unterstützung von Regierungen komme es nicht an. Es gelte, die schlummernden Potenziale in den Zivilgesellschaften der Entwicklungsländer zu heben. Gefragt sei „Vertrauen in die produktive Kraft auch der Armen“. Der „entscheidende Motor“ um Armut abzubauen, so das Papier, sei wirtschaftliche Entwicklung. Derzeit leben 1,3 Milliarden Menschen unter der definierten Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar am Tag.

Außerdem listet das „übersektorale Konzept“ die weithin bekannte lange Liste entwicklungspolitischer Problemfelder und Ziele auf: von der Benachteiligung der Frauen, die überwunden werden müsse, über die Förderung des ländlichen Raums und die Sicherung der Ökosysteme bis zum Ausbau von Rechtstaatlichkeit und Demokratie. Auch die in der Neuausrichtung des BMZ sonst eher abschätzig behandelten multilateralen Entwicklungsinstitutionen finden Erwähnung: Allerdings nur als Werkzeug, um die bilaterale deutsche Entwicklungszusammenarbeit „mit größtmöglicher Hebelwirkung“ einzubringen.

Grüne beklagen einen "Rückschritt in der Sichtweise auf die Probleme der Welt"

Kritiker machen denn auch eine Schieflage des ganzen Papiers aus. Im Glauben an die Segnungen wirtschaftlichen Wachstums blieben Grundursachen der Armut wie ungerechte internationale Wirtschaftsstrukturen, Korruption und die ungerechte Verteilung von Reichtum unterbelichtet, kritisiert etwa Tim Kuschnerus von der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE).

Grüne Entwicklungspolitiker sehen gar einen „Rückschritt in der Sichtweise auf die Problemlagen der Welt“. Zwar verspricht auch das BMZ-Papier, auf mehr Kohärenz mit der Handels-, Agrar- Umwelt- und Sicherheitspolitik hinwirken zu wollen. Doch das bleibt im Ungefähren. Wer die globale Armut wirksam bekämpfen will, so die grünen Kritiker, brauche mehr Verbindlichkeit: eine Strategie, an die alle Ministerien gebunden sind.

erschienen in Ausgabe 11 / 2012: Die Wirtschaft entwickeln

Kommentare

Das akademische Geschwurbel in amtlichen und parteilichen Papieren ist nur noch ärgerlich und ermüdend. Von Schreibtischen aus kann man Armut nicht beseitigen. Floskeln wie "-Benachteiligung von Frauen müsse überwunden werden", "-ungerechte internationale Wirtschaftsstrukturen", "-ungerechte Verteilung von Reichtum" und eine Strategie in die alle Ministerien eingebunden sind, nützen keinem Armen in keinem Land. Armut bekämpft man vor Ort indem man dabei ist und den Menschen zeigt, wie wirtschaften heute funktioniert. Überall gingen Erfolgreiche den gleichen mühsamen Weg aus der Armut. Arbeiten, Geld sparen, investieren sind die ersten Schritte und oft stand ein Kleinkredit für ein vernünftiges Vorhaben am Anfang des Aufstiegs. Eine Nähmaschine, ein Computer, einfachste Werkzeuge oder Maschinen, ein paar Hühner oder Kühe oder eine Solarzelle auf dem Dach, wo zuvor kein Strom war, sind schon oft der Weg zum eigenen Einkommen gewesen. Die Gedanken und Vorbilder von M.Yunus haben schon Tausenden den Weg aus der Armut gezeigt. Damit Fehlentwicklungen unterbleiben, müssen wir Besserwisser vor Ort sein lenkend eingreifen können und einen Teil unserer Lebenszeit opfern. Lebendige Beispiele sind Kurt Koch in Senegal mit seinem Schreinereiprojekt und Gaby Schwarz von BONERGIE. Wenn Herr Kuschnerus die ungleiche Verteilung von Reichtum beseitigt hat, möge er sich bei mir melden. Wir gehen dann gemeinsam mit dem Geld, das bei ihm gelandet ist nach Afrika und eröffnen dort genossenschaftliche Unternehmen, Werkstätten und Läden,
wo oft nur das Startkapital fehlt. Ideen haben die Leute genug, bedrucktes Papier brauchen sie am wenigsten

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