Afrika braucht das Gebrauchte

In den meisten afrikanischen Staaten werden kaum noch Stoffe gefertigt und auch Bekleidungsfabriken gibt es nur wenige. Daran ist aber nicht in erster Linie der Import von Gebrauchtkleidern schuld - auch wenn der beendet würde, hätte Afrika heute nur in einigen Nischen Chancen auf eine eigene Textilindustrie. Und der Altkleiderimport verschafft bei all seinen Problemen vielen in Afrika die Chance, Geld zu verdienen und sich besser zu kleiden.

Jährlich landen über 400.000 Tonnen gebrauchte Kleidung aus der ganzen Welt in afrikanischen Häfen. Vor allem in nicht muslimischen Staaten Afrikas decken die Menschen einen großen Teil ihres Bekleidungsbedarfs damit. Der Siegeszug der Gebrauchtkleidung in Afrika begann vor rund zwanzig Jahren. In vielen Regionen dort war Ende der 1980er Jahre ein Mangel an tragbarer Kleidung entstanden - auch unabhängig von Bürgerkriegen und Naturkatastrophen. Denn die Strukturanpassungsprogramme, die die Weltbank und der Weltwährungsfonds zur Voraussetzung für Schuldenerleichterungen gemacht hatten, hatten die meisten afrikanischen Staaten gezwungen, ihre hohen Subventionen für die Textil- und Bekleidungsindustrie einzustellen. In Ländern wie Ghana, Kenia, Uganda, Tansania oder Kamerun mussten kapitalintensive Textilfabriken nun die heimische Baumwolle zum Weltmarktpreis kaufen und Ersatzteile und Neuanschaffungen mit Devisen bezahlen. Viele mussten schließen, und die Stoffe aus den verbliebenen waren für Alltagskleidung zu teuer. So verschwanden nach und nach fast alle Bekleidungsmanufakturen.

Autor

Francisco Mari

ist Referent für Agrarhandel und Fischerei bei „Brot für die Welt“.

Deshalb hoben viele Staaten - darunter Tansania, Kamerun und Ghana - die Verbote für die Einfuhr von Gebrauchtkleidung auf. Schon vorher strömte Billigkleidung illegal nach Afrika, um den dringenden Bedarf der Bevölkerung zu decken. Dies hat zusammen mit bedeutenden Mengen an Kleidungshilfslieferungen, die billig weiterverkauft wurden, noch dazu beigetragen, dass die Attraktivität von Investitionen in eine lokale Bekleidungsindustrie Anfang der 1990er Jahre fast überall auf Null sank.

Doch mit dem zunächst halbseidenen Exportgeschäft mit Gebrauchtkleidung begann eine afrikanische Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält. Das Ende des sozialistischen Einheitslooks, besonders bei der Herrenkleidung, löste einen Boom für Gebrauchtkleidung aus - zunächst bei den Mittelschichten, die schon lange die wenigen Kleidungsangebote der lokalen Industrie nicht mehr bezahlen und die Stoffe nicht mehr kaufen konnten, um sich günstige Kleidung nähen zu lassen. Zu Beginn waren die Preise der Gebrauchtkleidung keineswegs so günstig, dass auch die ärmsten Schichten sich gute gebrauchte Kleidung leisten konnten. Sie mussten sich mit den Resten zufrieden geben, die manchmal schon Löcher hatten.

Heute hat sich die Situation entscheidend verändert. Importeure aus Afrika lassen sich kaum mehr schlechte Qualität andrehen. Die afrikanischen Kundinnen sind qualitäts- und modebewusst - Omas alte Sachen sind in Afrika unverkäuflich. Viele Staaten haben Qualitätsstandards erlassen und zum Beispiel die Einfuhr von Unterwäsche untersagt. Sie erheben Zölle auf Gebrauchtkleidung, die bis zu 100 Prozent betragen können. Mitumba, wie Gebrauchtkleidung in Ostafrika heißt, ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken - und das nicht nur, weil sie günstiger ist als lokale Kleidung, falls es die überhaupt gibt. „Mitumba ist für mich immer erste Wahl. Nur auf den Mitumba-Märkten finde ich Kleidung, die andere nicht tragen. Da ich täglich etwas anderes anziehen möchte, brauche ich Mitumba auch, um verschiedene Kleidungsstücke kombinieren zu können ", erklärt zum Beispiel eine junge Lehrerin aus Moshi in Tansania. Ähnlich argumentieren viele Afrikanerinnen. Auch Männer finden hier die größte Auswahl an Größen und Qualitäten.

Mitumba hat vor allem in den Ländern mit christlichen Mehrheiten auch das Straßenbild verändert. Sie gibt den Menschen „ein kleines Stück Würde und Selbstachtung", sagt ein Pastor aus Tansania: „Durch Mitumba hat sich zumindest optisch der Unterschied zwischen Armen und Reichen verringert. Besonders am Sonntag beim Kirchgang erlebe ich das." In manchen touristischen Gebieten Tansanias fallen jetzt eher die Touristen in zerlumpten T-Shirts auf.

Nicht nur Verbraucher profitieren von dem großen Angebot an Gebrauchtkleidung, sondern auch tausende afrikanischer Händler und Händlerinnen. Man schätzt, dass bis zu 30 Prozent der informellen Arbeit in Afrika sich um den Handel mit gebrauchter Kleidung dreht. Nicht nur das Modebewusstsein, sondern auch Kälte und Feuchtigkeit in den Gebirgen Zentralafrikas fördern den Verkauf von Jacken, Bettdecken und Pullovern aus Europa. Die langen Vertriebsketten von den Hafenstädten bis in die Dörfer verteuern die Kleidung zwar, aber da verschiedene Qualitätsstufen auf dem Markt sind, können heute überall die Menschen tragbare Kleidung kaufen.

 

Der Weg der Gebrauchtkleidung

Jedes Jahr werden allein in Deutschland mehr als 750.000 Tonnen Gebrauchttextilien gesammelt. Diese Menge würde eine LKW-Kette von Kiel bis

Vor allem Frauen und Jugendlichen bietet der Handel, für den nur niedrige Anfangsinvestitionen nötig sind, eine Möglichkeit, sich und ihre Familien zu ernähren. Viele fangen als Verkäufer auf der Straße oder in Büros an, später können sich manche einen eigenen Stand auf dem Markt leisten oder beliefern ländliche Märkte einer Region. Über bis zu fünf Zwischenverkäufe kommt die Kleidung zur Endverkäuferin. In einer Studie für das Zentrum für Entwicklungsstudien der Universität Sussex stellt Simone Field fest: „Allein auf dem Markt Gikomba in Nairobi arbeiten 12.000 Menschen im Handel mit gebrauchter Kleidung; über die Hälfte hatte laut unserer Untersuchung vorher keine oder nur tageweise Arbeit. Der Effekt dieses informellen Arbeitsmarktes für die Bekämpfung von Armut in den städtischen Ballungszentren Afrikas ist enorm."

Doch das erkennen afrikanische Politiker nicht immer an. Händler organisieren sich daher zunehmend, damit die städtischen Behörden aufhören, sie zu drangsalieren. In Daressalam sind zum Beispiel über 10.000 von ihnen in einem Jugendverband zusammengeschlossen. Das trägt Früchte: Inzwischen hat die Stadtverwaltung einen zweistöckigen Markt für etwa 8000 jugendliche Straßenhändler gebaut. Dort können sie künftig ihre Kleidung verkaufen, ohne den ganzen Tag auf den Straßen herumlaufen zu müssen, um ihre Ware an betuchtere Kundinnen zu bringen. Die werden es allerdings vermissen, direkt nach Feierabend oder im Büro das Tagesangebot auswählen oder für den Folgetag bestellen zu können.

Auch in kritischen Schichten und in Organisationen, die etwa Kampagnen gegen Billigimporte von Hühnern, Tomaten und anderem anführen, macht sich die Erkenntnis breit, dass Gebrauchtkleider Arbeits- und Einkommenschancen schaffen. Denn inzwischen hat Mitumba den Ruch der Armutskleidung verloren. Bis hinein in die gehobenen Behörden wird gebrauchte Kleidung getragen. Die Töchter der Eliten kaufen in speziellen Läden Discoklamotten oder auch Hochzeitskleider aus Europa für einige Hundert Euro. Es gibt für jeden Geldbeutel ein entsprechendes Angebot.

Dennoch ist der Handel mit Gebrauchtkleidung keineswegs unproblematisch. Die Situation ist dort am bedenklichsten, wo wenige kleine Gruppen den Import kontrollieren. So haben in Tansania und in der Demokratischen Republik Kongo Clans, die mit dem Zoll und der Regierung verbandelt sind und zum Teil mafiöse Mittel einsetzen, oder auch ausländische Importeure die Macht, die Preise zu diktieren. Nur sie haben das Kapital, einen Container im Warenwert von rund 20.000 Euro einzuführen. Die riesigen 400-Kilo-Ballen Kleidung werden dann umsortiert zu kleineren 45-Kilo- Ballen für die ersten Zwischenhändler. Dabei verschwinden die besten Kleidungsstücke, um in den Geschäften der importierenden Clans als Neuware verkauft zu werden. So wird den Zwischenhändlern ein Großteil ihrer Gewinnmöglichkeiten genommen und die Verbraucher müssen für die wenigen guten Stücke höhere Preise bezahlen. Die Gewinne der Clans sind enorm, zumal sie entweder den Einfuhrzoll umgehen oder versuchen, einen Teil der Kleidung mit Hilfe von Schein-Hilfsorganisationen als Hilfsgut unverzollt einzuführen. Das wird dann mit verzollter Ware vermischt und verkauft.

In Kamerun, Ghana oder Kenia ist die Situation nicht so extrem. Weil viele Menschen aus diesen Ländern in Europa oder den USA leben, kaufen sie dort für verwandte Geschäftsleute direkt Ware in den Sortierwerken oder sammeln sie selbst. Diese Kleinimporte haben allerdings in Westafrika zu einem Überangebot an Gebrauchtkleidung geführt. So quellen die Schränke der westafrikanischen Mittelschichten über und billige Kleidung wandert in den Müll. Deshalb rufen nun auch Kirchengemeinden in manchen afrikanischen Städten dazu auf, Kleidung für ärmere Schichten auf dem Land zu spenden. Das geschieht allerdings sowieso bei Besuchen von Verwandten im Dorf.

Die Gewinnverteilung funktioniert folgendermaßen: Der Importeur kauft ein gebrauchtes Baumwollhemd mittlerer Qualität in Europa für etwa 60 Eurocent ein. Der erste Zwischenhändler zahlt je nach Land zwischen 90 Cent und 1,30 Euro. Die Händlerin bezahlt 1,60 Euro und erhält von ihrer Kundin rund 2 Euro. Die Aufschläge enthalten Transportkosten, Steuern und Gebühren. Mehr Zwischenhändler verteuern das Kleidungsstück nicht, sondern schmälern den jeweiligen Gewinn. Denn noch immer haben die meisten Menschen in Afrika wenig Geld; Nahrungsmittel und Medikamente gehen vor. Teurere Kleidung würden sie nicht kaufen und stattdessen die alte länger tragen.

Eine günstige Alternative zur Gebrauchtkleidung existiert bereits: Die Textilexporte Chinas sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, besonders nach Ostafrika. Überall wird auf den Märkten billigste Kunstfaserkleidung in grellen Farben angeboten. Sie ist in der Regel wesentlich billiger als gebrauchte Kleidung von mittlerer Qualität. Deshalb befürchteten viele Händler zunächst, dass die Importkleidung ihren eigenen Markt zum Verschwinden bringen würde. Diese Befürchtung hat sich inzwischen gelegt. Obwohl die Kleidung aus China billiger ist, kehren viele Kundinnen wieder zurück zu gebrauchten T-Shirts, Hosen und Röcken.

Die Hauptgründe dafür sind Qualität und Hygiene. Billige Kunstfasern können in der Hitze und Schwüle Afrikas, so warnen afrikanische Hautärzte, Hautinfektionen verursachen - abgesehen vom unangenehmen Tragegefühl, da die Kleidung nicht atmet. Außerdem hält die Kunstfaserkleidung nicht lange. Bei der Handwäsche entstehen leicht Risse, die sich nicht nähen lassen. Da ist das gebrauchte Baumwoll-T-Shirt aus Europa langlebiger und kann später noch als Putzlappen benutzt werden. Die Entscheidung ist auch eine Generationenfrage: Mütter versuchen, ihre Töchter von der länger haltenden, etwas farblosen Gebrauchtbluse zu überzeugen, während junge Mädchen mit einem glänzenden neuen Top beeindrucken wollen. Für die ärmsten Schichten, vor allem auf dem Land, ist allerdings die chinesische Ware nach wie vor zu teuer. Auch die bessere asiatische Baumwollkleidung, aus der zunehmend auch Gebrauchtkleidung besteht, ist neu noch zu teuer für den afrikanischen Markt.

Was bleibt nun übrig vom Traum einer afrikanischen Textilproduktion, gerade in Ländern, die selbst Baumwolle anbauen? Ein Importverbot für Altkleider würde nichts bewirken. Das wird in Südafrika und Nigeria deutlich, in denen ein solches Verbot seit Jahrzehnten existiert. Die Textilindustrie der beiden Länder schafft es weder, den Bekleidungsbedarf ihrer Bevölkerung zu decken noch die Arbeitsplätze zu erhalten. Gerade in Südafrika zeigt sich, dass gegen die chinesische Billigkonkurrenz nicht anzukommen ist. Nigeria erwägt eine Aufhebung des Importverbots, um wenigstens Einfuhrsteuern einzunehmen.

Bis vor ein paar Jahren bestand Hoffnung, in Afrika eine exportorientierte Kleiderproduktion aufzubauen. Asiatische Investoren aus Malaysia und Taiwan errichteten Betriebe in Afrika, um von der zollfreien Einfuhr von Textilien in die USA unter dem African Growth and Opportunities Act (AGOA) zu profitieren. In Kenia wurden mehr als 20.000 Arbeitsplätze geschaffen, in Namibia 15.000. Schnell wurde aber klar, dass asiatische Investoren auch die dortigen Arbeitsbedingungen mitbrachten. Tansania etwa erhielt kaum Investitionen, weil es sich weigerte, in der Freihandelszone in Daressalam die Arbeitsgesetze aufzuheben und eine gewerkschaftsfreie Zone zu garantieren. Und seit 2005 ziehen die Firmen wieder ab. In China kann nun so billig produziert werden, dass sich trotz Einfuhrzöllen die Ware in den USA günstiger verkaufen lässt als zollfreie Kleidung aus Afrika.

Sicher wäre eine eigene Wertschöpfungskette von der Baumwollproduktion zum fertigen T-Shirt volkswirtschaftlich die bessere Alternative. Doch verschiedene Studien, zuletzt 2006 von der Friedrich-Ebert-Stiftung, belegen, dass ohne Subventionierung von Baumwolle und Textilmaschinen, ohne strikten Schutz vor chinesischen Importen und ohne ausreichend große regionale Märkte mit zahlungskräftigen Kunden niemand bereit ist, hier zu investieren. Immerhin haben Länder wie Tansania, Mali, Kamerun und Togo eine Nische entdeckt, die nicht von gebrauchter Kleidung bedient wird. Die traditionellen bunten Stoffe (Pagne, Kitenge, Kangas), aus denen Frauenkleidung, aber auch zunehmend Männerhemden und in islamischen Ländern Boubous gefertigt werden, können nur lokal hergestellt werden. Auch Schul- und andere Uniformen, Berufskleidung, Leichentücher und die Anfertigung von T-Shirts oder Kleidern zu Wahlen, Jubiläen und Festen sind ein Markt für afrikanische Produkte.

Das Wiederaufleben einer lokalen Textilproduktion hat einer Berufsgruppe Auftrieb gegeben, die bei der Diskussion über Kleider in Afrika häufig vergessen wird. Die Schneiderinnen und Schneider hatten zunächst auch mit den Billigimporten aus dem Norden zu kämpfen. Doch inzwischen beginnt ihr Geschäft wieder zu wachsen und sogar von der Gebrauchtkleidung zu profitieren. Zum einen ist das Bewusstsein für modische Kleidung gestiegen; das führt dazu, dass gerade auch in den gehobenen Schichten wieder mehr Kleider aus traditionellen Stoffen bestellt werden. Zum anderen bringen Kundinnen und Kunden immer öfter teuere gebrauchte Stücke zum Ändern. Manche verwenden auch die Stoffe der gebrauchten Kleider als Grundlage für eigene Kreationen. Im Senegal hat sich daraus sogar ein muslimischer Orden entwickelt, der neue Kleidungsstücke aus Gebrauchtkleidung trägt, um zu demonstrieren, wie die westliche Kultur für eigene Zwecke genutzt werden kann.

Kreativ im Umgang mit gebrauchter Kleidung ist auch Tunesien. Das nordafrikanische Land importiert 100.000 Tonnen Gebrauchtkleidung aus Europa und exportiert 40.000 Tonnen in andere afrikanische Länder. Sortiert wird die Ware in großen Betrieben, die vielen Menschen Arbeit geben. Ähnliches lässt sich als entwicklungspolitisches Projekt organisieren, wie die große französische Sammelorganisation der Emmaus-Bewegung „Le Relais" zusammen mit der Caritas in Burkina Faso beweist. Dort arbeiten inzwischen mehr als 50 Jugendliche, die in Frankreich zu Sortierern ausgebildet wurden.

erschienen in Ausgabe 6 / 2009: Kleidung – Wer zieht uns an?

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