Verantwortung teilen stärkt die Resilienz

Herausgeberkolumne
Globale Krisen, staatliche Mittelkürzungen, Angriffe auf Völkerrecht und Menschen­rechte: Die Herausforderungen für Hilfswerke sind derzeit enorm. Wer Hierarchien abbaut und Macht und Verantwortung teilt, kann darauf rascher und flexibler reagieren, meint Bernd Nilles, Geschäftsleiter von Fastenaktion.

Bernd Nilles ist Geschäftsleiter von Fastenaktion.

Organisationen der internationalen Zusammenarbeit stehen derzeit stark unter Druck. Weltweite Krisen machen ihre Arbeit nötiger denn je, doch ausgerechnet jetzt kürzen viele Staaten die dafür vorgesehenen Mittel – auch die Schweiz. Das zwingt viele, sich intern zu reorganisieren und extern ihre Partnerschaften neu auszurichten. 

Auch Fastenaktion tut dies. Vor allem wollen wir noch mehr Verantwortung und Entscheidungsmacht lokalisieren, also an Partner im Süden abgeben, und die Zusammenarbeit innerhalb unserer Organisation weiterentwickeln. Gleichzeitig stärken wir die Anwaltschaftsarbeit, um systemischen Krisen wie unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen oder der Missachtung der Menschenrechte gegenüber Kleinbauern und Indigenen wirksamer zu begegnen, die Handlungsfähigkeit bei Katastrophen zu beschleunigen, die Finanzierung zu diversifizieren und die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit zu steigern.

Zu diesem Zweck haben wir über ein Jahr lang holokratische Ansätze getestet, also Ansätze ohne klassische Chefs und starre Hierarchien. Seit Frühling 2025 arbeiten die Mitarbeitenden von Fastenaktion in Rollen und Kreisen statt in Abteilungen und können die Strukturen und Entscheide der Organisation aktiver mitgestalten. Jene Mitarbeitende, die zu einem Thema wie beispielsweise Fundraising oder Öffentlichkeitsarbeit zusammenarbeiten, bilden einen Kreis und sind darin für bestimmte Aspekte (Rollen) der Arbeit wie etwa Magazin, Website oder Medienkontakte zuständig. Weil Mitglieder aus einzelnen Kreisen regelmäßig in einem übergeordneten zusammenkommen und sich austauschen, gibt es einen besser institutionalisierten Informationsfluss untereinander.

Umständliche Entscheidungsprozesse fallen weg

Unter dem Motto safe enough to try entscheiden die thematisch passend zusammengesetzten Kreise weitgehend selbst, was sie wie umsetzen wollen – und können das Vorgehen auch rasch wieder ändern, falls es nicht den gewünschten Erfolg bringt. Umständliche und langwierige Organisations- und Entscheidungsprozesse, die über mehrere Hierarchiestufen hoch- und runtergehen, fallen innerhalb der Organisation größtenteils weg, so dass sie sich leichter und schneller an Veränderungen anpasst als zuvor. Teams müssen in vielen Fällen nicht mehr auf grünes Licht der Geschäftsleitung warten, sondern können und müssen auch selbst die Initiative ergreifen. 

Fastenaktion hat also noch immer eine Geschäftsleitung, welche etwa die Strategieentwicklung und -umsetzung sowie Rechenschaftspflicht gegenüber Gremien, Behörden und Öffentlichkeit sicherstellt. Um sich in die tägliche Arbeit von Mitarbeitenden einzumischen, braucht es jedoch eine nachvollziehbare Begründung.

Eine Standortbestimmung nach einem Jahr hat ergeben, dass wir in Bereichen wie dem Fundraising mit dem neuen Modell bereits erfolgreicher arbeiten. So konnte Fastenaktion 2025 mehr neue Geldgeber gewinnen als erwartet. Der Veränderungsprozess braucht allerdings Zeit und geht einher mit einem Kulturwandel, der die Mitarbeitenden wie die Führung fordert. 

Lokale Partner: Noch größerer Gestaltungsspielraum

Parallel arbeiten wir daran, Machtungleichgewichte in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern im Globalen Süden weiter zu reduzieren – Stichworte Dekolonialisierung und Lokalisierung. Dabei hat Fastenaktion langjährige Erfahrungen, denn lokale Partnerorganisationen haben bei uns traditionell großen Gestaltungsspielraum. Mit unserer neuen Strategie möchten wir noch konsequenter in zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe investieren. So testen wir, die Entscheidungsmacht der Partner beim Einsatz von Geldern auszuweiten. Im Senegal und in Kolumbien haben erste Versuche zu einer echten Stärkung der Mitarbeitenden vor Ort geführt.

Bei all diesen Reformen geht es vor allem darum, trotz des rauen Umfelds unsere zivilgesellschaftliche Kraft zu erhalten, und um noch mehr Vertrauen zwischen uns und Partnern im Süden. Das alles kostet zusätzliche Kraft, denn das Alltagsgeschäft läuft ja weiter. Aber wir spüren schon jetzt positive Effekte und sind überzeugt, dass es sich lohnt, diesen Weg weiterzugehen und dadurch auch unsere Widerstandkraft gegenüber Krisen zu steigern.  

Neuen Kommentar hinzufügen

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Wählen Sie bitte aus den Symbolen die/den/das Schiff aus.
Mit dieser Aufforderung versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.
Dies ist keine Paywall.
Aber Geld brauchen wir schon:
Unseren Journalismus, der vernachlässigte Themen und Sichtweisen aus dem globalen Süden aufgreift, gibt es nicht für lau. Wir brauchen dafür Ihre Unterstützung – schon 3 Euro im Monat helfen!
Ja, ich unterstütze die Arbeit von welt-sichten mit einem freiwilligen Beitrag.
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!
„welt-sichten“ schaut auf vernachlässigte Themen und bringt Sichtweisen aus dem globalen Süden. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Warum denn das?
Ja, „welt-sichten“ ist mir etwas wert! Ich unterstütze es mit
Schon 3 Euro im Monat helfen
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!