Nairobi - Wer den Ausstellungsraum im Heltz House in der kenianischen Hauptstadt Nairobi betritt, wird sofort in den Bann der Bilder gezogen. Von überlebensgroßen Fotoporträts blicken Gesichter, die man kaum einordnen kann: Sie wirken weise und kraftvoll. Es sind ältere Männer und Frauen aus dem Slum Kibera mitten in Nairobi. Besonders auffällig sind die Haare und Frisuren der Porträtierten: Man sieht lange dünne Zöpfe, eine Art Krone aus Haaren, Skulpturen, Perlen.
„Haare haben mich schon immer fasziniert“, sagt der kenianische Fotograf Mutua Matheka. Vorlage für die Frisuren seien unter anderem alte Fotos aus Ostafrika gewesen, die vor der Kolonialzeit entstanden seien. „Ich greife in meiner Arbeit ganz gezielt Aspekte von früher auf und katapultiere sie quasi in die Zukunft. Ich will uns ins Gedächtnis rufen, wer wir eigentlich sind.“
Kolonialmacht kontrollierte auch die Haare
Denn die britische Kolonialmacht übernahm die Kontrolle über fast alles - auch über die Haare. Wer zur Schule gehen wollte, musste seine Haare abrasieren. Die afrikanischen Haare wurden als unordentlich dargestellt. In vielen öffentlichen Schulen in Kenia ist das bis heute die Regel, auch wenn Kenia seit 1963 unabhängig ist.
„Früher wollte ich die Perspektive derer verändern, die von außen auf uns blicken, heute geht es mir eher um die Verschiebung dessen, wie wir auf uns selbst blicken“, sagt Matheka. Bei der Ausstellungseröffnung Mitte September ist Nairobis kreative Szene vertreten, Fotografen, Stylisten, Designer. Und auch deren Haare repräsentieren unterschiedliche Stile: Dreadlocks, geflochtene Braids, blonde Perücken.
Njoki Michelle trägt sogenannte Bantu-Knots, dazu werden kleine Zöpfe auf dem Kopf zu Knoten gedreht. Ein Stil, der ursprünglich aus dem südlichen Afrika kommt. Sie arbeitet als Fotografin und ist inspiriert von den Bildern. „Unsere Alten sehen aus wie Kinofilmprotagonisten, wie aus der Zukunft“, findet die junge Frau. Und sie freut sich, dass sich der öffentliche Blick auf afrikanische Haare verschiebt. „Wir sollten die Freiheit haben, uns durch unsere Frisuren auszudrücken“, sagt sie. „Ich liebe es, mit meinen Haaren zu experimentieren.“
Menschen aus dem Slum sichtbar machen
„Akili ni Nywele“ heißt die Ausstellung, nach einem Kiswahili-Sprichwort, das in voller Länge lautet: „Intelligenz ist wie Haare: Jeder Mensch hat seine eigene(n).“ Matheka zieht hieraus die Erkenntnis: Es lohnt sich zuzuhören und neue Perspektiven kennenzulernen.
Es ist das erste Mal, dass er mit Models arbeitet, die zum Teil doppelt so alt sind wie er und die die Kolonialzeit noch erlebt haben. Der 40-Jährige hatte im vergangenen Jahr über Instagram nach älteren Menschen gesucht. Der junge Fotograf Jeremiah Onyango hatte ihn daraufhin in Kontakt mit einem Seniorenzentrum im Slum Kibera gebracht. „Es ist ein Weg für die Leute aus Kibera, ihre Stimme zu erheben und präsent zu sein.“ Kibera ist einer der größten Slums in Ostafrika. Mehr als eine Million Menschen leben dort schätzungsweise, ohne Zugang zu fließend Wasser und Strom, mitten in der kenianischen Hauptstadt Nairobi.
Mit über 90 Jahren noch einmal im Fokus stehen
Ein paar Tage nach der Ausstellungseröffnung kommen die Senioren-Models selbst aus Kibera in den Stadtteil Ngara, um sich die Fotos anzuschauen. Sie treffen sich normalerweise im Seniorenzentrum „Kibera Day Care Centre for the Elderly“, wo sie zusammen essen, sich gegenseitig helfen. „Gesellschaft ist die Medizin gegen Einsamkeit“, sagt eine Frau, die alle nur Teacher Alice nennen. Die 78-Jährige unterrichtet Lesen und Schreiben im Seniorenzentrum.
Auch Wambua Kasuva ist mit seinem Rucksack voll geschnitzter Kochlöffel gekommen, die er verkauft. Damit verdient er seit Jahren seinen Lebensunterhalt. Mit seinen mehr als 90 Jahren hätte er nicht gedacht, dass er noch einmal so im Fokus stehen würde, sagt er. Auf dem Porträt trägt er eine Sonnenbrille, Schmuck und viele Haare - ein künstliches Haarteil, kunstvoll in seine eigenen Haare eingearbeitet. Heute hat er eine Mütze auf, die er abnimmt, wenn er mit Leuten spricht. Dabei stützt er sich auf seinen Gehstock.
Die Fotos sollen einladen, die Geschichten und Lebensrealitäten hinter den Gesichtern zu erkunden, sagt Matheka. In kleinen Schwarz-weiß-Drucken sieht man auch, wo die Bilder entstanden sind: in einem improvisierten Studio hinter dem Wellblechgebäude, in dem sich die Senioren regelmäßig treffen. Sie finden dort ein offenes Ohr - und manchmal bekommen sie auch die Gelegenheit, wie beim Fotoprojekt für einen Moment den Alltag in Armut zu vergessen.
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