Wir brauchen Geduld

picture alliance / AA/photothek./Florian Gaertner
Wegen der vielen Trümmerhaufen ist es meist kompliziert, den Weg irgendwohin zu beschreiben - hier im Stadtteil Jobar in Damaskus.
Syrien
Noch liegen nach dem Krieg weite Teile Syriens in Trümmern, doch viele Menschen kehren schon in die zerstörten Gegenden zurück. Mohammed Moussa berichtet von seinem Leben in seiner Heimatstadt Damaskus.

Als Journalist drehe ich normalerweise kurze Nachrichtenvideos für Facebook, die zum Beispiel auf der Seite von Amal Damaskus veröffentlicht werden, weil die Menschen hier in Syrien es eilig haben und schnell informiert sein wollen, ohne lange Texte zu lesen. Ich berichte über die aktuelle Lage im Land. Zurzeit sind zum Beispiel die Preise für Benzin hoch und auch elektrischer Strom ist teuer geworden. Dieser Text ist nun etwas Besonderes für mich: Ich freue mich über die Chance, geduldigeren Lesern und Leserinnen in Deutschland mich und mein Leben hier in Damaskus, in meinem Stadtviertel Tadamun, vorzustellen. Ich weiß, dass sich viele in Deutschland – und ganz besonders Journalisten und Politiker – vor allem für ein Thema in Bezug auf Syrien interessieren: die große Frage der Rückkehr. Auch darum wird es hier gehen. 

Nur wenige Kilometer entfernt vom historischen Stadtzentrum haben sich hier in Tadamun seit den  1960er Jahren Menschen aus ganz Syrien auf der Suche nach einem besseren Leben angesiedelt. Menschen wie meine Eltern und Großeltern. Eigentlich kommen wir aus Deir ez-Zor ganz im Osten von Syrien. Wir sind eine sunnitische Familie mit Wurzeln bei den Beduinen. Unsere Nachbarn kamen aus anderen Landesteilen; Tadamun war ein Schmelztiegel verschiedener Konfessionen. Auch viele Palästinenserinnen und Palästinenser wohnten hier, denn Yarmuk, das bekannte Flüchtlingslager, grenzt an unser Viertel. 
Von alledem ist heute nicht viel übriggeblieben. Wenn wir Besuch erwarten, schickt mein Vater mich normalerweise vorne an die Hauptstraße, die aus dem Stadtzentrum von Damaskus Richtung Süden führt, damit ich die Besucher von dort aus begleite. Wegen der vielen Trümmerhaufen ist es zu kompliziert, den Weg zu unserer Wohnung zu beschreiben.

Bombenkrater und Schutthaufen überall

Dass Menschen, die zu uns kommen, entsetzt auf die Trümmerhaufen schauen, bin ich inzwischen gewöhnt: fünfstöckige Stahlbetonbauten, die wie Kartenhäuser eingestürzt sind, ganze Wohnblöcke, von denen nur noch die beschädigten Gerippe stehen, Stahlrohre, verbogen wie Krallen eines Raubtieres. Dazwischen gibt es hier und da Wohnungen, die wieder genutzt werden. Ihre Besitzer, die vor dem Krieg geflohen waren, kehren nach und nach zurück, bauen Wände wieder auf, setzen Fenster ein. Eine stabile Existenz ist das nicht. Immer wieder muss man Bombenkratern ausweichen und um Schutthaufen navigieren. Ich bin es auch gewohnt, dass die Besucher nach einigen Minuten ruhiger werden und nach 15 oder 20 Minuten dann oft nicht mehr wissen, was sie sagen sollen. 

Faeq Yassin al-Rizq im Schatten seines Hauses. Als er nach Tadamun zurückkehrte, war das Viertel ein Ort, an dem jedes Zeichen des Lebens fehlte.

Der deutsche Außenminister Johann Wadephul war bei seiner Reise nach Syrien im vergangenen Oktober nicht in Tadamun. Doch das Viertel Harrasta, in dem er sich die Zerstörung anschaute, gleicht unserem Viertel und vielen anderen, die von der Armee des Assad-Regimes zerbombt wurden. Anders als unseren Besuchern gingen Minister Wadephul damals nicht die Worte aus. Was er angesichts der Trümmerlandschaft sagte, machte Schlagzeilen: Er meldete Zweifel an, dass angesichts der starken Zerstörung kurzfristig eine große Zahl syrischer Flüchtlinge freiwillig dorthin zurückkehren werde. „Hier können wirklich kaum Menschen würdig leben“, sagte er und löste damit eine große Debatte in Deutschland aus. Und natürlich hat diese Aussage auch uns zu denken gegeben. Schließlich wohnen wir hier. 

2018 gehörten wir zu den ersten Familien, die zurückkehrten. Wir waren 2011 vor dem Krieg von Damaskus in die Heimat meines Vaters nach Deir Ez-Zor geflohen. Dort waren wir bei Verwandten untergekommen, wohnten zur Miete und mussten immer wieder umziehen. Als 2018 die Armee des Regimes die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) aus Tadamun vertrieb, zögerte mein Vater keinen Augenblick: Wir kehrten nach Tadamun zurück. Mein Vater hat unsere Wohnung wieder aufgebaut, einen Brunnen gebohrt, und inzwischen haben wir Strom, den wir mit Solarzellen selbst produzieren. Drei Zimmer, Küche und ein kleiner Hof, der mit Wein überwachsen ist. Luxus ist das nicht, aber wir leben hier.

Selbst gebohrte Brunnen und Solarzellen

Wir haben allerdings Glück: Meine Schwester lebt seit zehn Jahren in Deutschland, in Bielefeld. Ohne das, was sie und ihr Mann, der im Security Bereich arbeitet, uns jeden Monat überweisen, könnten wir nicht über die Runden kommen. Das geht vielen Menschen hier so. Wir haben zwar eine Wohnung, aber Jobs, von denen man eine Familie ernähren kann, sind in Damaskus schwer zu bekommen.

Meine Schwester sagt, dass sie sich nicht vorstellen kann, ihr Leben, das sie sich über Jahre in Deutschland aufgebaut hat, gegen eine Rückkehr nach Tadamun einzutauschen. Sie lebt inzwischen mit Mann und Kindern in Deutschland. Vielleicht in ein paar Jahren, wenn der Wiederaufbau etwas weiter fortgeschritten ist: Wenn eine Kanalisation gebaut ist, es wieder fließendes Wasser gibt, das zum Trinken sauber genug ist. Wenn der Schutt beseitigt ist und es wieder Wohnungen gibt, in denen Menschen dauerhaft leben können.

In jeder Baugrube tauchen menschliche Knochen auf

Und dann ist da noch etwas, was uns belastet: Mit jeder Baugrube, die ausgehoben wird, und mit jedem Schuttberg, der verschoben wird, tauchen menschliche Knochen auf. Nicht selten stoßen die Bauarbeiter auf Massengräber. Tadamun ist einer der Orte, an denen das gestürzte Regime und seine Truppen viele Zivilisten hingerichtet und verscharrt haben. 

Eines dieser Massaker ist besonders gut dokumentiert. Es wird als „Massaker von Tadamun“ bezeichnet. Am 16. April 2013 ermordete die Abteilung 227 des Militärgeheimdienstes 288 Männer in Tadamun. Ihre Leichen wurden in einer Grube verbrannt. Die Täter filmten sich dabei, wie sie ihre Opfer mit verbundenen Augen in diese Grube laufen ließen und dann erschossen. Das Video wurde 2022 geleakt und sorgte weltweit für Entsetzen. Dieses Jahr im April wurde einer der Täter verhaftet und steht nun als einer der ersten vor einem syrischen Gericht. Ein erster Schritt hin zu einer juristischen Aufarbeitung der Diktatur. Zugleich wissen wir, dass es noch viele bislang unentdeckte Massengräber gibt. Bei uns in Tadamun und an vielen anderen Orten in Syrien. 

Jetzt ist es Zeit, dass Sie unsere Nachbarn kennenlernen. Faeq Yassin al-Rizq ist ein gebeugter Mann. Er sitzt auf einer einfachen Bank im Schatten vor seinem Haus, einen Gehstock neben sich gelehnt. Er raucht und beobachtet, wer kommt und wer geht. Er erinnert sich an den Schock, als er 2018 herkam: „Nach meiner Rückkehr aus Deir ez-Zor, kam ich in mein Viertel zurück und war völlig allein: Es gab nicht einmal Vögel, Katzen oder Hunde.“ Das Viertel war ein Ort, dem jedes Zeichen des Lebens fehlte. 

Alte Schuhe als Brennstoff

Für Faeq begann ein langer Kampf ums Überleben. Er kehrte in ein Haus ohne Türen und Fenster zurück und verbrachte vier Monate ohne Strom und Wasser. Ab und an ließ er Wasser mit einem privaten Tankwagen liefern. Batterien für die Beleuchtung trug er in entfernte Gebiete zum Aufladen und brachte sie dann zurück in sein Haus.

Als der Winter kam, verbrannte er Heizöl, Reste von Plastikbehältern und sogar alte Schuhe in einem primitiven Ofen, um sich vor der Kälte zu schützen. So wie Faeq ging es Millionen Menschen in Syrien, nachdem das Regime die Infrastruktur aus Strom, Wasser, Kommunikation und Abwassernetzen zerstört hatte. So wurde Faeqs Rückkehr in sein Zuhause zum Beginn eines neuen Leidenswegs, nicht zu dessen Ende.

Faeq quält nicht nur die materielle Zerstörung. Ihn belastet auch die Erinnerung an die vielen Gräueltaten, die hier begangen wurden. Er berichtet, dass die Bewohner bei ihren Versuchen, Trümmer zu beseitigen und ihre Häuser wieder aufzubauen, immer wieder Skelette ausgraben, besonders in der Gegend nahe der Moschee, wo 2013 das Massaker stattfand. Faeq sagt, viele Bewohner hätten mit ihrem Leben bezahlt, dass sie in diesem Viertel wohnten und die Regierung sie pauschal zu „Terroristen“ erklärte. Der Aufstand gegen das Regime von Bashar al-Assad hatte ab 2011 dazu geführt, dass die Regierung die Kontrolle über die Außenbezirke von Damaskus an die Freie Syrische Armee verlor. Diese lieferte sich erbitterte Kämpfe mit der Armee des Regimes und mit den Kämpfern des Islamischen Staates. Weite Gebiete wurden von der Armee abgeriegelt und systematisch zerstört. Fast unversehrt blieben einige Straßenzüge, in denen Anhänger des Regimes wohnten, viele von ihnen gehörten zur Alawitischen Minderheit. Als das Regime von Bashar Al-Assad gestürzt wurde, gab es zunächst harte Auseinandersetzungen und viele Spannungen. Das wurde erst besser, nachdem einige Leute festgenommen wurden, von denen bekannt ist, dass sie an den Verbrechen des Regimes beteiligt waren. Man kann sagen, dass wir jetzt einigermaßen friedlich nebeneinander wohnen. 

Ruslan Izz al-Din treffen wir auf seiner Baustelle. Braungebrannt, lange Haare, Schippe in der Hand. Der Mittvierziger ist kurz nach dem Sturz von Bashar al-Assad im Dezember 2024 nach Tadamun zurückgekehrt und hat seitdem kaum eine Minute Pause gemacht. 

„Als ich herkam, war das ganze Haus Schutt, ungefähr anderthalb Meter hoch“, berichtet er. Er hätte damals dem Viertel den Rücken kehren und auf ein Aufbauprogramm warten können, das passt aber nicht zu ihm. Also Ärmel hoch und los. Sechs Monate verbrachte er damit, den Schutt zu beseitigen, Türen einzubauen, Wasserleitungen zu installieren und Öffnungen mit Betonblöcken und Zement zu verschließen.

Er träumte nicht von einem neuen oder luxuriösen Haus. Er träumte von einem Zimmer, das ihn und seine Frau aufnimmt: „Wichtig war, dass wir in unser Haus zurückkehren. Wenn das Haus dein Haus ist, auch wenn es klein oder bescheiden ist, fühlst du einen Trost, den dir die größten gemieteten Villen nicht geben.“

20 Stunden Arbeit am Tag für ein eigenes Heim

Die Unsicherheit, als er als Flüchtling in einem anderen Teil des Landes zur Miete wohnen musste, sitzt ihm noch in den Knochen: „Ich habe 20 Stunden am Tag gearbeitet und trotzdem lebten wir immer in der Unsicherheit, dass am Ende des Monats eine Mieterhöhung kommt und wir wieder vertrieben werden.“ 

Ruslan arbeitet nachts in einem Restaurant, um seine Familie zu ernähren. Tagsüber setzt er die Reparatur seines Hauses Stück für Stück fort. „Der Anfang ist gemacht. Mit Geduld und viel Arbeit werden wir unser Land wieder aufbauen, und Schritt für Schritt werden die Menschen in ihre Stadtviertel und ihre Wohnungen zurückkehren“. 

Für mich ist das Leben in Trümmern inzwischen normal. Ich war 22, als wir 2018 hierher zurückkehrten, und ich sehe, dass es schrittweise besser wird. Für mich ist dies mein Zuhause. 

Aus den letzten Wochen sind mir als glückliche Momente vor allem die Nächte auf dem Dach in Erinnerung, in denen wir zusammensaßen und Fußball-WM schauten. Ich habe in die Sterne geschaut und mich mit der Welt verbunden gefühlt. Wie schön wäre es, wenn es diese Normalität öfter gäbe, wir hier in Syrien und ihr dort in Deutschland das Gleiche tun und denken. Wie schön wäre es, wenn wir zum Beispiel der Frage, wann die Geflohenen aus Deutschland nach Syrien zurückgehen und wann alle anderen Flüchtlinge wieder in ihre Häuser einziehen können, die Zeit geben, die sie brauchen. Der Wiederaufbau hat begonnen, wir sind auf dem Weg, aber wir brauchen Zeit, Arbeit und Geduld. 

Aus dem Arabischen von Julia Gerlach. 

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