„Nur wer weiß, was passiert, kann mitreden“

Syrien
Viele Syrer wissen zwar, was ihrer eigenen Gruppe unter dem Assad-Regime und auch danach Schlimmes widerfahren ist – aber wenig darüber, was anderen angetan wurde. Deshalb achtet die Amal News Journalistenschule sehr auf eine diverse Zusammensetzung, berichtet Geschäftsführerin Julia Gerlach.

Julia Gerlach ist Geschäftsführerin von Amal News.

Was beschäftigt Sie gerade?
Ich bin frisch aus Damaskus zurück, dort habe ich am Start des zweiten Jahrgangs der Amal News Journalistenschule mitgewirkt. Den ersten Jahrgang haben gerade 13 Nachwuchskräfte absolviert. Fast alle hatten zuvor in Syrien Journalismus studiert, aber noch keine praktischen Erfahrungen gemacht. Unser Ansatz von Ausbildungsworkshops und Praktika bei syrischen Medien ist für Syrien neu, kommt aber sowohl bei den Lernenden als auch bei den Redaktionen bisher gut an. Von der ersten Ausbildungsgeneration haben jetzt fast alle journalistische Jobs in Syrien gefunden – als Moderatoren, Nachrichtensprecher, Investigativjournalisten, Pressesprecher. Das freut uns sehr, vor allem auch, weil die Absolventen jung sind und, soweit wir das beurteilen können, nicht ideologisch festgelegt oder belastet. 

Welche Rolle spielen ethnische, religiöse oder kulturelle Unterschiede?
Wir achten auf eine diverse Zusammensetzung der Teilnehmenden. Die wiederum schätzen die offene Diskussionskultur und die freie Rede, die sie von früher nicht kennen. Es zeigt sich immer wieder, dass viele zwar wissen, was ihrer eigenen Gruppe unter dem Assad-Regime und auch danach Schlimmes widerfahren ist – aber wenig darüber, was anderen angetan wurde. Unsere Trainer sind ja Syrerinnen und Syrer, die unter Assad nach Deutschland geflohen sind und als Redakteure bei Amal News in Deutschland arbeiten. Für die Journalistenschule reisen sie nach Damaskus und geben das weiter, was sie sich über die Jahre in Deutschland erarbeitet haben. Zugleich gibt es einen interessanten Austausch zwischen Journalisten in Syrien und aus der Diaspora.  

Amal News beschäftigt sich aber nicht nur mit Syrien, oder?
Nein. Eigentlich beschäftigen wir uns gar nicht mit Syrien, denn wir machen Lokaljournalismus für Flüchtlinge und andere neu nach Deutschland gekommene. Wir berichten auf Arabisch, Persisch und Ukrainisch über alles, was hier wichtig ist. Zunächst haben wir auf Arabisch und Persisch berichtet, 2022 kam Ukrainisch hinzu. Unser Motto ist: „Nur wer weiß, was passiert, kann sich beteiligen und mitreden“. Wir wollen, dass sich unserer Leser eine Meinung bilden und sich an der Gesellschaft beteiligen können.  Produziert werden die Nachrichten, Reportagen und Videos von Journalistinnen und Journalisten, die aus den jeweiligen Ländern nach Deutschland geflüchtet sind. Es sind inzwischen 26 Redakteurinnen und Redakteure mit jeweils einer halben festen Stelle. 

Wie sind Sie persönlich zu Amal gekommen?
Ich habe Politik- und Islamwissenschaften studiert und die Berliner Journalistenschule absolviert. 1997 bis 2008 habe ich für das ZDF in Mainz gearbeitet, dann wollte ich etwas anderes machen und bin als Korrespondentin für verschiedene Medien nach Kairo gegangen. Als ich von dort 2015 mit meiner Familie nach Deutschland zurückkehrte, fiel das damit zusammen, dass das Assad-Regime mit Hilfe Russlands und des Iran wieder militärisch die Oberhand gewann und viele Syrer nach Deutschland flohen. Da habe ich mit meiner Schwester am Küchentisch gesessen und wir haben überlegt, was wir jetzt machen könnten. Das war der Anfang dieses Integrationsflüchtlingsprojekts. 

Und warum gerade für Journalistinnen und Journalisten?
Das lag in der Natur der Sache: Unter den Geflohenen waren und sind noch immer viele Medienschaffende – gerade sie sind ja unter repressiven Regierungen mit am meisten bedroht. Für Journalisten ist es zudem sehr schwer, Jobs zu finden, wenn sie die Sprache im neuen Land nicht beherrschen. Zugleich können sie aber etwas, was dringend gebraucht wird, denn unter Neuankommenden gibt es oft Unsicherheit und viele Gerüchte und Falschmeldungen machen das Ankommen schwer. Da hilft eine Nachrichtenplattform, die zuverlässig berichtet. 

Das Gespräch führte Barbara Erbe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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