Alle sind dafür, aber keiner macht mit

Dreieinhalb Jahre nach dem Start der International Aid Transparency Initiative (IATI) hat noch keine deutsche Hilfsorganisation Daten dafür bereitgestellt. Transparenz finden alle wichtig, aber weder das Bundesentwicklungsministerium noch die nichtstaatlichen Organisationen haben es eilig, sich an der Initiative zu beteiligen.

Dabei ist die Bundesregierung eines der Gründungsmitglieder von IATI. Ins Leben gerufen wurde die Initiative auf dem Forum für eine wirksamere Entwicklungshilfe 2008 in Accra von 14 staatlichen und nichtstaatlichen Gebern und Hilfsorganisationen, darunter Großbritannien, Irland, Finnland, die Niederlande, die Weltbank, das UN-Entwicklungsprogramm und die öffentliche-private Impfschutz-Allianz GAVI. Die Organisationen und Hilfsagenturen, die sich an IATI beteiligen, sollen regelmäßig Daten über ihre Entwicklungsleistungen sowie über Projekte und Programme in aller Welt online stellen, auf die Nutzer über die IATI-Website zentral zugreifen können. Das hatten bis Mitte Juni knapp 60 Organisationen getan, die große Mehrzahl davon große NGOs vor allem aus Großbritannien wie Oxfam UK oder World Vision UK.

Autor

Tillmann Elliesen

ist Redakteur bei "welt-sichten".

Deutschland ist bislang nicht vertreten. Im Entwicklungsministerium (BMZ) hat sich bis vor kurzem niemand um die Initiative gekümmert. Der Beitritt 2008 fand noch unter der früheren Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul statt, bei der neuen Leitung unter Dirk Niebel habe die Transparenzinitiative keine Priorität, sagen Beobachter. Aus dem Ministerium hingegen heißt es, das BMZ habe sich seit der Gründung von IATI „aktiv eingebracht“; derzeit arbeite man an einem Umsetzungsplan. Dass bislang keine Daten bereitgestellt wurden, erklärt ein Sprecher mit der Gründung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in den vergangenen zwei Jahren: Wegen der Fusion habe man die Umsetzung verschoben.

Bei nichtstaatlichen Hilfsorganisationen trifft IATI zwar auf Zustimmung, aber zugleich auf wenig Bereitschaft, sich selbst daran zu beteiligen. Beim NGO-Verband VENRO heißt es, man sehe sich nicht als Antreiber und wolle zunächst abwarten, wie die Initiative sich entwickle. VENRO-Referentin Jana Rosenboom sagt, bei vielen nichtstaatlichen Organisationen herrsche Skepsis gegenüber„weiteren Initiativen, bei denen man irgendwo etwas eintragen müsse“. Häufig scheiterten derlei Initiativen daran, dass nicht genug Organisationen mitmachten. Rosenboom sieht aber keine generellen Vorbehalte bei nichtstaatlichen Organisationen, Daten publik zu machen – außer in solchen Fällen, in denen Partnerorganisationen geschützt werden müssten, zum Beispiel in autoritären Staaten.

Man muss aufpassen, keine„Datenfriedhöfe“ zu schaffen

Peter Lanzet, beim Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) zuständig für Entwicklungsfinanzierung, sagt, die Aufbereitung von Daten nach dem IATI-Standard erfordere eine Menge Vorarbeit, die vor allem kleinere Organisationen überfordern könne. Man müsse zudem aufpassen, keine „Datenfriedhöfe“ zu schaffen. Die Richtung von IATI begrüßt Lanzet aber: Die Initiative ziele darauf ab, mehr Details und mehr qualitative Daten zur internationalen Entwicklungszusammenarbeit für jedermann verfügbar zu machen.

Gemäß dem IATI-Standard sollen die bereitgestellten Daten ein aktuelles Bild davon geben, welche Vorhaben die beteiligten Organisationen in welchen Ländern verwirklichen, welche Ergebnisse sie anstreben, wie viel Geld sie bereitstellen und welche Resultate erzielt wurden. Claudia Schwegmann vom Verein Open-Aid, der IATI in Deutschland voranbringen will, erklärt, in den Empfängerländern herrsche große Nachfrage nach solchen Daten. Mit ihrer Hilfe könnten die Zielgruppen von Hilfsprojekten prüfen, ob ihnen zugedachte Leistungen bei ihnen angekommen sind. Derlei Transparenz erschwere Korruption und Veruntreuung. Aber auch für Regierungen sei sie hilfreich: Ein Pilotprojekt im Kongo habe gezeigt, dass das Finanzministerium dank IATI weniger Zeit und Ressourcen als früher für die Datenbeschaffung aufwenden müsse.

Schwegmann sieht keine Doppelung mit bereits bestehenden Datenbanken wie den Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). In den OECD-Statistiken seien viele Daten zusammengefasst und verarbeitet, weshalb sie in der Regel erst mit Verzögerung zur Verfügung stünden. Die IATI-Daten hingegen sollen ein ständig aktualisiertes Bild von der Entwicklungshilfepraxis weltweit liefern. Zudem stehen sie in offenen Dateiformaten bereit, so dass sie von jedem elektronisch weiterverarbeitet werden können.

erschienen in Ausgabe 7 / 2012: Konzerne: Profit ohne Grenzen

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