Das Misereor-Hungertuch 2013.

Verheißung der Fülle

Manchmal scheint es, als reichten alle Anstrengungen nicht. Weltweit hungern zurzeit 870 Millionen Menschen, das ist fast jeder achte Erdenbewohner. Sie hungern mit jeder Faser ihres Körpers, jeder Tag ein Überlebenskampf. Für die meisten von uns ist dieser Hunger unsichtbar. Als flüchtiges Bild flimmert er in den Nachrichten vorbei.

Verdeckt bleiben die meist komplexen Ursachen, die zu Hunger und Armut führen. In diesem Jahr lenkt Misereor deshalb unseren Blick auf den Hunger in der Welt. Die Künstlerin Ejti Stih aus Bolivien, die das neue Misereor-Hungertuch gestaltet hat, stellt diesem Mangel Gottes Verheißung einer Fülle gegenüber, die allen gilt. Das Bild spielt kreativ mit dem Symbol des Tisches: An Tischen wird geredet und gegessen, diskutiert und entschieden, ausgegrenzt und abgespeist, Vertrauen gefasst und Verantwortung übernommen.

Es ist nicht unwichtig, wer an welchem Platz sitzt und wer überhaupt eingeladen wird. Wie viele Brote habt ihr, um den Hungrigen zu essen zu geben?, fragt das Hungertuch und greift damit die Forderung Jesu auf, die er (Markus 6, 37f) an seine Freunde richtet: Schickt sie nicht fort, sondern schaut, was da ist! Eine alltägliche Frage mit so vielen Facetten: Weißt du, wie viel du hast? Ahnst du, wie viel sich daraus machen lässt? Sind der Hunger nach Gerechtigkeit und der Durst nach Solidarität lebendig in dir? Veränderung beginnt mit einer Frage.

Autor

Pirmin Spiegel

ist seit April 2012 Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor.

Hunger ist kein Naturereignis, sondern fast immer von Menschen gemacht. Eine wesentliche Ursache akuter Hungersnöte sind politische und soziale Unruhen und Asymmetrien. Armut erhöht die Verwundbarkeit der Menschen gegenüber äußeren Einflüssen wie Dürren und Unwettern, Preisschwankungen oder kriegerischen Auseinandersetzungen. Ebenso entscheiden innerfamiliäre Strukturen, vor allem Geschlechterbeziehungen, wesentlich darüber, wer Zugang zu Nahrung hat und wer nicht.

Derzeit können sich weltweit 870 Millionen Menschen nicht ausreichend mit Kalorien versorgen, sie leiden an chronischem Hunger. 150 Millionen davon sind Säuglinge und Kleinkinder. Groteskerweise gibt es nicht nur viele Millionen Menschen, die hungern, sondern auch 1,4 Milliarden, die übergewichtig und fettleibig sind. Diese Gleichzeitigkeit stellt Fragen: Sehen wir hier doch, wie der Mensch am „Brot allein“ zugrunde geht.

Landraub, Nahrungsmittelspekulation und Energiepflanzen sind relativ neue Begriffe. Das Phänomen der Gier nach Land und Besitz scheint schon immer existenzbedrohend für die kleinen Bäuerinnen und Bauern gewesen zu sein. Bereits die biblischen Schriften reflektieren die Konflikte über den Besitz von und die Kontrolle über das Land, die nachdrückliche Stimme der Propheten und Prophetinnen fordert Gerechtigkeit. Die Bibel weiß darum, wie leicht es uns Menschen fällt, Arme zu übersehen und zu übergehen. Jesus Christus solidarisiert sich nicht nur mit den Armen, er identifiziert sich mit denen am Rand der Gesellschaft: Er wechselt die Perspektive und die Tischseite.

Er lässt die unübersehbare Menschenmenge sich in Gruppen aufteilen und lagern, um zu essen. Alte Klassifikationen verlieren ihre Geltung – neue, solidarische Gemeinschaften entstehen. Den elementaren Bedürfnissen wird Vorrang eingeräumt vor rituellen Vorschriften oder dem Status Einzelner. Jesus lässt die Essenden erfahren, dass sie im Miteinander-Teilen ein Volk, das Volk Gottes, sein können – bis heute.

Die Hoffnungsbilder des Hungertuches bestärken darin, dass Mut und Engagement zugunsten des Lebens aller Menschen sinnvoll und notwendig sind. Schon vor vierzig Jahren hat die Würzburger Synode erklärt: „Wir dürfen im Dienste an der einen Kirche nicht zulassen, dass das kirchliche Leben in der westlichen Welt immer mehr den Anschein einer Religion des Wohlstandes und der Sattheit erweckt und dass es in anderen Teilen der Welt wie eine Volksreligion der Unglücklichen wirkt, deren Brotlosigkeit sie buchstäblich von unserer eucharistischen Tischgemeinschaft ausschließt.“

In dieser Haltung sind uns Menschen auf allen Kontinenten Vorbild: Sie erinnern und zeigen uns, dass es sich lohnt, sich zu organisieren und sich einzusetzen. So erweisen sich die Armen als Trägerinnen und Träger einer neuen Welt, die geboren werden will.

erschienen in Ausgabe 12 / 2012: Leben mit dem Klimawandel

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