Auch arme Staaten können eine Industrie fördern

Tilman Altenburg
Can Industrial Policy Work under Neopatrimonial Rule?
UNU-WIDER Working Paper No. 2011/41,
August 2011, 25 Seiten,
www.wider.unu.edu/publications


Ohne Hilfe vom Staat kann in sehr armen Ländern keine Industrie entstehen. Genau dort ist aber eine wirksame Wirtschaftsförderung politisch besonders schwierig. Dennoch ist sie möglich, erklärt Timan Altenburg vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in diesem Papier.

Er erklärt zunächst, woran die Industrialisierung armer Länder scheitert: Dort fehlten nicht nur Infrastruktur und Unternehmer. Auch Marktmechanismen, die dafür sorgen, dass Firmen investieren und ihre Innovationen sich in der Wirtschaft verbreiten, funktionierten nicht. Die Kluft zwischen modernen Betrieben und dem informellen Sektor sei dafür zu groß. Zudem, so Altenburg weiter, ist der Aufb au eines Industriebetriebs umso riskanter und schwieriger, je weniger Industrie es schon gibt – denn dann fehlen Zulieferer, Abnehmer und ausgebildete Arbeitskräfte. Auf dem Weltmarkt seien die Industrieländer technologisch zu weit voraus, in technisch einfacheren Branchen sei die Konkurrenz der Schwellenländer übermächtig. Probleme im Rechtswesen, der Regierungsführung und der Bürokratie, die meist als Erklärung genannt werden, sind demnach nicht das größte oder gar einzige Hindernis einer nachholenden Industrialisierung.

Gefragt ist laut Altenburg eine Industriepolitik, die einem realistischen Plan folgt und in der Gesellschaft akzeptiert wird. Doch gerade armen Staaten fehlten Fähigkeiten zu Planung und Steuerung. Ein noch größeres Problem seien neopatrimoniale politische Strukturen: Staatschefs halten sich häufig mittels Kauf von Gefolgschaften an der Macht. Die Gefahr sei groß, dass einfl ussreiche Eliten sich so auch die Mittel zur Industrieförderung aneignen, ohne produktiv zu investieren. Ist die also in armen Ländern aussichtslos? Das prüft Altenburg anhand von Fallstudien zu sechs afrikanischen Ländern (Äthiopien, Mosambik, Namibia, Nigeria, Ägypten, Tunesien) sowie Syrien. In allen findet er, dass neopatrimoniale Herrschaftsmethoden und Korruption die Regel sind. Dennoch konnten diese Länder Investitionen anziehen und Wirtschaftswachstum erreichen. Zu einer durchdachten Industrieförderung waren sie aber kaum fähig – außer Äthiopien und Tunesien.

Auch deren Wirtschaftspolitik sei von innenpolitischen Zielen beeinflusst, Äthiopien etwa begünstige Firmen von früheren Kämpfern der Rebellenbewegung des heutigen Präsidenten. Dennoch konnten laut Altenburg in beiden Fällen sehr autoritäre Regime eine wirtschaftliche Transformation einleiten. Die Gründe dafür sieht er in ihrer Entwicklungsorientierung und darin, dass sie sicher genug im Sattel saßen, um langfristig zu planen, sowie kaum auf Rohstoffe zurückgreifen konnten. Die Basis für nachhaltige Entwicklung ist ihm zufolge in beiden Ländern fragil. Beide zeigten aber: Methoden, die laut Theorie scheitern müssen, können in der Praxis funktionieren.


(bl)

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