Vom Fisch zur Bank

Der nigrische Fischerverband ADA hat am Niger die Fischzucht wieder angekurbelt. Mit einer einfachen Idee: In den Wassermulden, die sich in der Regenzeit bilden, werden Jungfische ausgesetzt. Während das Wasser verdunstet, wachsen sie heran. Das ist der Beginn einer Nahrungs- und Handelskette, die zahlreichen Dörfern entlang des Flusses das Überleben sichert.

Früher hielten sie es für ihr Schicksal. Wenn die Sonne so stark brannte, dass die Erde aufriss und den Äckern nichts mehr abzutrotzen war. Wenn ihre Vorräte zur Neige gingen und sie hungerten, obwohl sie nur einen Steinwurf vom Niger entfernt leben. Gegen die Hitze kamen sie auch mit Flusswasser nicht mehr an. Heute haben die Bewohner von Goungo bon einen Rettungsanker: Die Fläche mit den vielen Mulden gleich vor ihrem Dorf. Jedes Jahr in der Regenzeit füllt sich das Areal mit Wasser. Es dauert Monate, bis es komplett verdunstet ist. Zeit genug, damit aus kleinen Fischen große werden.

Autorin

Kirsten Wörnle

ist freie Journalistin in Berlin und schreibt unter anderem über Gesundheit und Bildung.

„Der nigrische Fischerverband ADA hat uns auf die Idee gebracht“, sagt Ortsvorsteher Djibo Ganda. Er steht am Rande des Tümpels, in dem sie mehrere Monate lang Karpfen gezüchtet haben. Jetzt ist der Teich fast ausgetrocknet. Das ganze Dorf hat sich versammelt, um die ausgewachsenen Fische zu fangen. Während die Männer das restliche Wasser abpumpen, waten Frauen und Kinder durch den Matsch. Sie greifen mit den Händen nach den zappelnden Tieren und werfen sie in blaue Plastikeimer.

„Vor vier Monaten haben wir die Fische ausgesetzt“, erzählt Diama Hassumi, die das Projekt im Dorf leitet. Damals, etwa eine Woche nach der Regenzeit, war sie mit zwei anderen Frauen zu einer fünf Kilometer entfernten Zuchtstation gefahren, um tausend silberglänzende Mini-Karpfen zu kaufen. Dafür hatten sich zuvor 23 Männer und Frauen aus Goungo bon zusammengeschlossen und einen Mikrokredit von 30.000 CFA-Francs (45 Euro) aufgenommen. In Plastiktüten voll Wasser, mit zusätzlichem Sauerstoff versetzt, hatten die Frauen die Fische auf einem Ochsenkarren zurück transportiert. Die Jungfische kamen in den Dorfteich und wuchsen langsam heran. Während der Tümpel in der Hitze auf wenige Quadratmeter zusammenschrumpfte, wurden aus Zwei-Gramm-Setzlingen ansehnliche 200-Gramm-Karpfen.

Jetzt kippen die Dorfbewohner Eimer für Eimer ihres Fangs auf eine Plane. Diama Hassumi hat eine Waage in den Baum gehängt, sie wiegt die Fische portionsweise ab. Eine Händlerin aus dem benachbarten Kokomani ist gekommen, sie wird ihr eine große Menge abnehmen, um sie zu frittieren und auf dem Markt zu verkaufen. Zwanzig Prozent des Fangs behalten die Dorfbewohner selbst, der Rest geht in den Verkauf. „Vom Erlös finanzieren wir Reis für unsere Getreidebank“, erläutert Hassumi. In dem Lagerhaus wird das Korn für die härteste Zeit des Jahres aufbewahrt. In der Dürrezeit können sich bedürftige Familien hier einen halben oder ganzen Sack Reis leihen, den sie während der nächsten Erntezeit zurückzahlen. Der Zins: Eine Tasse Reis pro Sack.

Im Hauptquartier des nigrischen Fischerverbands ADA (Association des Aquaculteurs) sieht man solche Beispiele gern. „Vom Fisch zur Bank“ ist für den Vorsitzenden Idrissa Ali ein gelungenes Beispiel von Eigeninitiative und dörflichem Zusammenhalt. „Solange die Menschen ihr Schicksal nicht selbst in die Hand nehmen, können Millionen Hilfsgelder fließen, es wird keine dauerhafte Entwicklung geben“, ist er sich sicher. Ali war einst Direktor für Fischerei im nigrischen Umweltministerium, bevor er beschloss, den Fischerverband zu gründen, um Menschen entlang des Nigerstroms zu helfen. Mit Unterstützung von Brot für die Welt, dem Deutschen Entwicklungsdienst und französischen Fischern hat er seine Hilfsorganisation aufgebaut.

„Ich verdanke dem Fisch alles“, sagt Idrissa Ali. „Meine Schulhefte. Meinen ersten Pullover.“ Als Kind finanzierte er mit dem Erlös seiner Fänge die Familie mit. Als junger Wasserbauingenieur wanderte er den ganzen Niger ab, um die Nöte der Dorfbewohner entlang des mächtigen Stroms zu verstehen. Im Rucksack hatte er Versuchsfische. „Es tat mir so weh, zu sehen, dass die Menschen nicht wussten, was sie tun sollen, um Essen zu finden.“

Jede zweite Ernte falle schlecht aus, berichtet Ali. Als in den 1980ern eine Hungersnot drohte, riegelte der Staat die Nebenarme des Nigerstroms ab und legte Reisfelder an. Doch die Rechnung wurde ohne den Fisch gemacht: „Jungtiere wachsen normalerweise in den bewachsenen Nebenarmen des Niger auf“, erklärt Idrissa Ali. Im Gras im Wasser finden kleine Fische ihr Versteck. Nun war die Kinderstation plötzlich mit Dämmen vom Hauptstrom abgeschnitten. Der Fischbestand des mächtigen Flusses sei seither von 10.000 Tonnen auf weniger als 2000 Tonnen geschrumpft.

Die Idee, mit der der Verband die Fischzucht wieder angekurbelt hat, ist denkbar einfach: Wassermulden nutzen, die sich in der Regenzeit ohnehin bilden. Auf seiner zentralen Zuchtstation in Sona, 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt Niamey, produziert ADA heute an die drei Millionen Minikarpfen und -welse pro Jahr. Es ist der Beginn einer Nahrungs- und Handelskette, die zahlreichen Dörfern entlang des gesamten Niger das Überleben sichert.

„Jahrzehntelang haben wir diesen Teich nicht genutzt“, sagt Djibo Ganda, der Ortsvorsteher von Goungo bon. „Wir sind einfach nicht drauf gekommen.“ Wie viele Fische in einem Teich ausgesetzt werden dürfen und wie er vor Versandung geschützt wird, haben sie von ADA gelernt. Mit den Einnahmen aus der Fischzucht – an diesem Tag werden es fast 50.000 CFA-Francs sein, umgerechnet 75 Euro – haben sie inzwischen auch Gemeinschaftsfelder für Reis und Gemüse angelegt. Ihre Überschüsse verkaufen sie, um die Erträge in die Getreidebank zu investieren: Lagen dort anfangs nur zwei Säcke, so sind es nach sechs Jahren bereits zwanzig.

„Ich spüre einen riesigen Motivationsschub im Dorf“, sagt Djibo Ganda, „die Menschen sind wie ausgewechselt.“ Wenn die Temperatur in der Trockenzeit wieder auf 45 Grad klettert und für Wochen kein Regen fällt, ist das nicht länger ein furchtbarer Schicksalsschlag. Die Dürrezeit ist jetzt einigermaßen berechenbar.

erschienen in Ausgabe 8 / 2011: Die Jagd nach dem dicksten Fisch

Neuen Kommentar schreiben