Zwischen Exodus und Bleiben

Die Situation der Christen im Irak bleibt schwierig. Junge Bischöfe versuchen jetzt mit Bildungsangeboten die Auswanderungswelle zu stoppen. Eine Delegation der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hat sich kürzlich vor Ort ein Bild davon gemacht.

Seit dem Einmarsch der alliierten Truppen im Irak 2003 ist die Zahl der Christen im Land auf weniger als die Hälfte gesunken, von 800.000 auf unter 400.000. Wer konnte, ist in ein westliches Land, nach Jordanien, Syrien oder in den Libanon geflohen. In Bagdad oder im Süden Iraks hingegen leben Christen weiter in Unsicherheit. Erst im Oktober 2010 wurden mehr als fünfzig bei einem Anschlag in Bagdad getötet. In den vergangenen Jahren sind deshalb 100.000 Christen in den Norden des Landes geflohen, in die Autonome Republik Kurdistan.

Autorin

Katja Dorothea Buck

ist Religionswissen- schaftlerin und Journalistin in Tübingen.

Dort haben bislang bereits die Hälfte der im Land verbliebenen Christen gelebt. Unter den Kurden sind sie in Sicherheit. Das mag daran liegen, dass die kurdische Regierung seit vielen Jahren einen säkularen Kurs fährt. Toleranz und Minderheitenschutz sind Aushängeschilder, mit denen die kurdische Regierung im Ausland gerne punktet. „Für die meisten christlichen Flüchtlinge ist der Nordirak aber keine dauerhafte Alternative“, sagt Harald Suermann, Leiter des Missionswissenschaftlichen Instituts Missio, der mit der Delegation der Bischofskonferenz im Irak war. „Viele von ihnen sind auch nach mehreren Jahren im Exil arbeitslos.“

Die Flüchtlinge kehren immer wieder in den Süden zurück

Der Nordirak ist agrarisch geprägt. Arbeitsplätze für die in der Regel gut ausgebildeten Christen gibt es theoretisch in der Ölindustrie oder beim Staat. Doch in beiden Bereichen werden nur selten Stellen frei. „Viele Flüchtlinge warten auf den Moment, in dem die Sicherheitslage es zulässt, um wieder nach Bagdad oder in den Süden zurückzukehren“, sagt Suermann. Sie kehrten immer wieder in die unsicheren Heimatstädte zurück, um ihre Arbeit erneut aufzunehmen. „Sobald dort wieder ein Anschlag auf Christen verübt wird, gehen sie für einige Monate zurück in den Norden. Viele versuchen außerdem ein Visum für ein westliches Land zu bekommen.“ Unterdessen bluten die irakischen Kirchen weiter aus.

Entsprechend scharf kritisieren die irakischen Bischöfe die Länder, die immer noch irakische Flüchtlinge aufnehmen, darunter auch Deutschland. Doch überzeugende Argumente für einen Verbleib im Irak können sie den Mitgliedern ihrer Kirche nicht bieten. „Vor allem die alten Bischöfe sind mit der Situation überfordert“, sagt Suermann. „Zum einen erleben sie, wie ihre Kirchen immer leerer werden. Zum anderen fällt es ihnen schwer, Perspektiven für die Verbleibenden zu schaffen.“

Zu düster will Suermann das Bild aber nicht zeichnen. In einigen Diözesen, wie zum Beispiel in Erbil, Mossul oder Kirkuk gebe es hoffnungsvolle Signale. „Die jungen Bischöfe wollen etwas bewegen“, sagt Suermann. So werde beispielsweise in kirchliche Hochschulen investiert und die innerkirchliche Ausbildung von Laien zu Katecheten gestärkt. Auch sollen Berufsschulen aufgebaut werden, in denen Fachkräfte für den Agrarsektor, den Tourismus, das Hotel- oder Bauwesen ausgebildet werden. „Das alles soll dazu führen, dass die Christen im Irak bleiben können“, sagt Suermann. Besonders erfreulich sei, dass sich die mit Rom unierten Kirchen (die chaldäische, die syrisch-katholische, die armenisch-katholische und die lateinische), die im Irak etwa 80 Prozent aller Christen repräsentieren, zusammengetan haben und ein gemeinsames Projektbüro schaffen wollen.

erschienen in Ausgabe 8 / 2011: Die Jagd nach dem dicksten Fisch

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