„Ein Deutscher will pünktlich um acht ins Büro“

Shecku Kawusu Mansaray aus Sierra Leone arbeitet seit 15 Jahren für die Organisation SLADEA in der Erwachsenenbildung. Während dieser Zeit hatte er es schon mit vielen Entwicklungsfachkräften aus dem Ausland zu tun. Im Interview erläutert er, warum er die Helfer aus Deutschland schätzt und warum es dennoch manchmal zu Konflikten mit ihnen kommt.

Wofür braucht Sierra Leone Entwicklungshelfer aus Deutschland?

Wir hatten zehn Jahre Bürgerkrieg. Nach diesem blutigen Konflikt brauchten wir jemanden mit einem neutralen Hintergrund, der uns dabei half, zur Normalität zurückzufinden. Wir mussten erst wieder lernen, friedlich miteinander zusammenzuleben. Unsere Gesellschaft wurde vom Krieg auseinandergerissen und unsere Partner aus Europa helfen uns dabei, uns wieder zusammenzubringen.

Wo werden die Fachkräfte eingesetzt?

Sie bringen ihre Erfahrungen aus der Konfliktbearbeitung mit, die sie in anderen Ländern gemacht haben. Ein Beispiel ist die Behandlung von Traumata – damit kannten wir uns vorher nicht aus. Die ausländischen Fachkräf te unterstützen uns dabei, unser eigenes Personal zu schulen. Sie vermitteln uns ihr Fachwissen in der Verwaltung oder im technischen Bereich. Zu viele qualifizierte Leute haben Sierra Leone während des Krieges verlassen. Wir brauchen professionelle Unterstützung und einen geschulten Blick von außen.

Ihre Organisation gibt es seit 1978. Wie hat sich der Bedarf an Entwicklungshelfern seitdem verändert?

Vor dem Krieg ging es um klassische Entwicklungshilfe. Es wurden insbesondere technische Fertigkeiten vermittelt. Leider ging durch den Krieg davon vieles wieder verloren. Jetzt arbeiten wir hauptsächlich mit Friedensfachkräften zusammen. Sie bauen mit uns eine Nachkriegsgesellschaft auf und konzentrieren sich darauf, die Menschen wieder zusammenzubringen. Die Fachkräfte sind eine große Hilfe für uns: Sie kommen aus einer friedlichen Gesellschaft und machen uns auf Dinge aufmerksam, die wir gar nicht mehr hinterfragt haben: die Korruption, die Ausgrenzung von Frauen oder Jugendlichen und die häusliche Gewalt, zum Beispiel in der Kindererziehung.

Worin unterscheiden sich Entwicklungshelfer aus unterschiedlichen Ländern?

Wir haben Partnerorganisationen in den USA und Großbritannien. Der größte Unterschied ist die unterschiedliche Zeitspanne, für die sie zu uns kommen. Unsere deutschen Partner haben gewöhnlich einen Dreijahresvertrag. Das ist sehr gut, denn das macht eine Menge Veränderungen möglich. So können sich die Experten gut integrieren und in ihr Projekt einarbeiten. Die Fachkräfte aus Großbritannien verbringen weniger Zeit bei uns, 12 bis 18 Monate, und unsere Partner aus den USA kommen nur für drei Monate zu uns. Die Amerikaner sind jünger und da sie in der Regel nur wenig Berufserfahrung mitbringen, können sie auch nur bedingt Kenntnisse vermitteln. Sie sind mehr darauf bedacht, eigene Erfahrungen zu sammeln.

Gibt es auch manchmal Reibereien zwischen Ihnen und Ihren Partnern?

Ja. Meistens zu Beginn des Integrationsprozesses der Fachkräfte. Die Erwartungen beider Seiten sind sehr unterschiedlich. Wir als Nehmerorganisation stellen uns einen allwissenden Experten vor – der zu allen Problemen eine Lösung hat. Diese Erwartung ist natürlich zu hoch. Die Geberorganisation ist wiederum enttäuscht, wenn wir nicht so gut vorbereitet sind, wie sie es erwartet haben. Und dann gibt es natürlich noch die so genannten Kulturschocks.

Zum Beispiel?

Das Verständnis von Pünktlichkeit in der afrikanischen Gesellschaft beispielsweise: Ein Deutscher will pünktlich um 8 Uhr in seinem Büro sein, aber um zehn vor acht sind die Türen noch verschlossen. Das ist natürlich ein Schock. Dann kommt auch noch sein Kollege zu spät und entschuldigt sich noch nicht einmal dafür. Das ist gleich ein zweiter Schock. Jemand der in Afrika arbeiten will, muss lernen, dass es solche kulturellen Unterschiede gibt. Er muss auch lernen, dass für die Arbeit im Büro und in ländlichen Projekten unterschiedliche Verhaltensweisen angebracht sind: Auf dem Land kann Vertraulichkeit nützlich sein, im Büro ist förmliche Distanz angebracht.

Rückkehrer sagen häufig, sie hätten mehr gelernt, als sie geben konnten. Sehen Sie das genauso?

Diejenigen, die offen sind, lernen sehr viel durch ihre Arbeit mit uns. Vieles was in Europa über Afrika gelehrt oder geschrieben wird, ist entweder sehr theoretisch oder sogar falsch. Jemand, der selbst in Afrika war, hat einen ganz anderen Einblick. Er kommt mit sehr vielen Informationen zurück, die den Blick auf Afrika verändern könnten. Dieser kulturelle Austausch ist für uns genauso wichtig wie für Euch. Wir sollten es als einen Austausch von Ideen begreifen, von dem beide Seiten profitieren.

Das Gespräch führte Saara Wendisch.


Shecku Kawusu Mansaray
arbeitet für die Organisation SLADEA, eine Partnerorganisation des Evangelischen Entwicklungsdienstes.

erschienen in Ausgabe 7 / 2011: Entwicklungsdienst: Wer hilft wem?

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