Auf der Suche nach dem „guten Leben“

Das von indigenen Gemeinschaften geprägte Konzept des „guten Lebens", die Versöhnung zwischen Mensch und Natur, gilt als Gegenentwurf zum westlichen Wachstums- und Entwicklungsmodell. In Bolivien und Ecuador hat es sogar Eingang in die Verfassung gefunden. Doch Politiker und Wissenschaftler streiten darüber, wie es verwirklicht werden kann.

Der tiefblaue Titicaca-See geht am Horizont in den Himmel über, die Sonne brennt. In dieser Postkartenidylle beginnt die Spurensuche nach dem „guten Leben". Als „sumaq kawsay" (Quechua) beziehungsweise „sumaq qamaña" (Aymara) ist das Konzept, das das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur wieder ins Lot zu bringen verspricht, in den vergangenen Jahren ein fester Begriff in der Indigena-Bewegung geworden. Hier auf 4000 Metern Höhe befindet sich die Wiege der Aymara-Kultur und damit auch eine der Wurzeln des „guten Lebens". Hier wohnt auch Vicente Alanoca.

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).

Wenn man ihn in seinem Dorf bei Ilave auf der peruanischen Seite des Sees nach dem „guten Leben" fragt, erzählt er von seinem Alltag. Die 200 Dorfbewohner, alle Aymaras wie er selbst, leben von dem, was die Erde und der See hergeben. Es ist ein karges, hartes Leben weitgehend ohne die Hilfe von Maschinen. Der 43-jährige Alanoca ist ihr gewählter Gemeindevorsteher und für die Belange der Gemeinschaft zuständig. „Unser Land gehört zwar jedem einzelnen, aber wir bewirtschaften es gemeinsam", berichtet er. Alanoca gerät ins Philosophieren, wenn er von „sumaq qamaña" spricht. Denn er ist nicht nur Dorfvorsteher, sondern unterrichtet als studierter Anthropologe an der Universität in Puno und ist Forscher am „Instituto de Estudios de las Culturas Andinas".

„Qamaña", doziert Alanoca, sei viel mehr als Leben, es bezeichne ein Beziehungsgeflecht, bei dem der Mensch nicht im Mittelpunkt steht. „Wir dürfen kein Stück Kartoffel wegwerfen, denn dann würde die Erde weinen", versucht Alanoca, die Bedeutung des Wortes zu erklären. Die Gleichheit und die Bezogenheit aufeinander seien wichtige Elemente des Dorflebens. Doch das peruanische, westliche Bildungssystem sorge dafür, dass dieses alte Wissen immer mehr verloren geht, beklagt er. Etwas neidisch schaut er über den Titicaca-See zum bolivianischen Ufer hinüber. In Bolivien regiert der indigene Präsident Evo Morales. Das „sumaq kawsay" gilt seit 2009 als ein ethisches Grundprinzip in der Staatsverfassung. Lebt man seitdem in Bolivien, einem der ärmsten Länder Lateinamerikas, gut?

Der Schweizer Theologe und Philosoph Josef Estermann, der seit Jahren in Bolivien lebt, sieht im „sumaq kawsay" vor allem den Versuch einer Kurskorrektur am westlichen, linearen Wachstums- und Entwicklungsmodell. Estermann schlägt in seinen Publikationen eine Brücke zwischen westlicher Philosophie und andiner Weltanschauung. „Das indigene Konzept bietet uns eine Neubesinnung auf das, was Wirtschaften sein sollte, nämlich die Einrichtung unseres gemeinsamen Hauses", sagt er. Estermann sieht Ähnlichkeiten zu Ansätzen aus der christlichen Tradition wie dem biblischen „Leben in Fülle".

Hinter die praktische Umsetzung des Konzeptes setzt Estermann allerdings ein großes Fragezeichen. Denn die Regeln des „guten Lebens" entstammen der ländlichen Welt. 65 Prozent alle bolivianischen Jugendlichen wohnen aber heute in Städten. Estermann weist auf Widersprüche zwischen dem ökologischen Anspruch und dem Blick vor die Haustür hin: „Ich habe noch nie so viele weggeworfene Plastiktüten gesehen wie hier in Bolivien."

Wo man ein Projekt des „guten Lebens" in der Praxis sehen könne? Bei dieser Frage muss Beatriz Ascarrunz lachen. „Nirgends", antwortet die Soziologin aus La Paz. Das verwundert, denn bis vor kurzem war Ascarrunz im bolivianischen Planungsministerium damit beauftragt, für die Zielvorgabe „gutes Leben" Indikatoren zu erstellen. „Das ,gute Leben‘ ist ein Klischee", sagt Ascarrunz nüchtern. „In der Regierung können sie sich nicht einmal darauf einigen, was sie darunter verstehen wollen."

Gleich drei Richtungen streiten sich um die Deutungshoheit. Außenminister David Choquehuanca, der selbst aus der Indigena-Bewegung kommt, betont in seinen Schriften den Paradigmenwechsel weg von der Modernität. Er war die treibende Kraft dafür, dass das „buen vivir" in die Verfassung Eingang gefunden hat. Für eine zweite Richtung steht der mächtige Vizepräsident Alvaro Garcia Linera. Sein Hintergrund ist marxistisch-modernistisch, durchaus mit indianischem Diskurs durchsetzt, der aber das Wachstumsmodell als solches nicht so stark in Frage stellt. Und drittens sind da die Technokraten im Planungsministerium, die sich der neuen Zielvorgabe des „guten Lebens" nun gezwungenermaßen mit Workshops annähern. Die Mentalität der Technokraten sei das größte Hindernis, meint Beatriz Ascarrunz. Sind in der Sozial- und Bildungspolitik noch Kompromisse möglich, etwa bei einer interkulturellen Bildungspolitik, so stößt das „gute Leben" zwischen Natur und Mensch spätestens in der Abteilung für Erdöl- und Gasförderung an seine Grenzen.

Die Energiepolitiker waren nicht bereit, das Oberziel „gutes Leben" in ihre Planung aufzunehmen, erzählt Beatriz Ascarrunz. Sie selbst steht heute nicht dem Konzept selbst, wohl aber seiner politischen Instrumentalisierung sehr kritisch gegenüber. Darüber hinaus bestreitet sie, dass es indigenen Ursprungs ist: „Der Begriff stammt aus der Feder der Entwicklungskritiker und wurde von der Indigena-Bewegung aufgegriffen." Ganz aufgegeben hat aber auch Beatriz Ascarrunz die Suche nach dem „guten Leben" nicht. In einer neuen Arbeit beschäftigt sie sich mit der Entwicklungs von Glücks-Indikatoren.

Auch in Ecuador ist das „Sumaq Kawsay" seit 2008 in der Verfassung als Grundrecht garantiert. Zwar hat Präsident Rafael Correa keine indigenen Wurzeln, aber niemand kann in Ecuador lange gegen die gut organisierte Indigena-Bewegung regieren. Auch Mario Unda, der sich bei der nichtstaatlichen Organisation Ciudad in Quito mit dem alternativen Lebenskonzept befasst, kann jedoch kein Projekt des „guten Lebens" vorweisen. Es handele sich schließlich nicht um ein „Projekt", sondern um eine alternative Art der sozialen Beziehungen, in denen die Gemeinschaft im Mittelpunkt steht, sagt der Sozialwissenschaftler.

Mario Unda selbst ist Mestize, bemängelt aber, dass bei der Umsetzung des Konzeptes der spirituelle Aspekt, der Mentalitätswechsel hin zur indigenen Kultur, zu kurz komme. „Ich möchte die indigene Kultur gerne besser kennenlernen, wie sie uns hilft, das gute Leben umzusetzen", erklärt er. „Bisher haben wir lediglich ein Paket von Sozialpolitiken, die genau so gut unter dem Dach der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte laufen könnten", kritisiert er seine Regierung. Die spirituelle Dimension des Begriffs gehe im Regierungsgeschäft verloren.

Die Vorstöße in der Bildungspolitik hält Unda für nicht ausreichend. So ist etwa weder Quichwa noch eine andere Indigena-Sprache Pflichtfach an ecuadorianischen Schulen. Die Kriterien für die staatliche Anerkennung von Schulen und Universitäten orientierten sich noch immer einseitig an westlichen Standards. Ebenso wie in Bolivien stößt das Konzept in Ecuador bei der Industriepolitik und beim Umgang mit natürlichen Ressourcen auf den größten Widerstand - bis auf die umstrittene Yasuni-ITT-Initiative: hier soll gegen ausländische Kompensationszahlungen das Erdöl unter dem gleichnamigen Naturschutzpark nicht angerührt werden. Nicht alle Indigenas lehnen die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ab. Aber mit der Logik des „Sumaq Kawsay" müsse man vor allem Großprojekten in Bergbau und Erdölförderung sehr skeptisch gegenüberstehen, meint Mario Unda.

In der Praxis steht die Debatte um Wirtschaftswachstum und Ausbeutung von Ressourcen versus „gutes Leben" erst am Anfang. Floresmilo Simbaña war Führer der Indigena-Bewegung CONAIE und will heute mit seinen Publikationen zur Klärung des Begriffs und der Diskussion beitragen. Das Wachstum müsse sich an der Ernährungssicherheit ausrichten und sich mehr auf die Landwirtschaft als auf die Erdölförderung und den Bergbau konzentrieren, fordert der Jurist, der die Abteilung für Landrechte der ecuadorianischen Indigena-Bewegung ECUARUNARI leitet. „Wenn schon Wirtschaftswachstum, dann nicht um des Wachstums willen, sondern um das gute Leben zu fördern."

„Sumak Kawsay" ist auch für Simbaña eng mit der Gemeinschaftserfahrung der Indigena-Gemeinden auf dem Land verknüpft. „ In der Praxis bedeutet das alternative Anbaumethoden, traditionelle Ernährung, Sorge für die Umwelt." Wie das auf die Stadt zu übertragen ist, kann auch Floresmilo Simbaña nicht sagen. Für ihn ist „Sumaq Kawsay" ein Langzeitprojekt, das den Liberalismus ablösen soll. Auch dieser habe 150 Jahre gebraucht, bis er in der Politik seinen Durchbruch erreicht habe. In der Indigena-Bewegung ist „Sumaq Kawsay" ein politisches Konzept, das erstmals im Widerstand gegen die Freihandelsverträge mit den USA und der Europäischen Union (EU) an Bedeutung gewonnen hat. Es wird als lokaler Gegenentwurf zum globalen Handel mit großflächig und industriell hergestellten Gütern in die Debatte eingebracht. Ecuador und Bolivien haben bis heute keinen Freihandelsvertrag mit der EU unterzeichnet .

Dass es die indigene Lebensweise bis in die Staatsverfassung bringen würde, hätte auch Floresmilo Sibaña nicht gedacht: „Für uns war die Anerkennung des ecuadorianischen Staates als pluri-national sehr wichtig, das ‚Sumaq Kawsay' kann nur mit der kulturellen Anerkennung der einzelnen Indigena-Völker zusammen gesehen werden." Da das Unbehangen am westlichen Entwicklungsmodell in der Luft lag, wurde das „Sumaq Kawsay" bevorzugt aufgegriffen - und dient damit allen, die sehnsüchtig eine Alternative zum westlichen Wachstumsmodell suchen, als Projektionsfläche.

Die Spurensuche endet, wo sie begann: am Titicaca-See. Gefunden habe ich kein Gesellschaftsmodell, das die Widersprüche zwischen dem persönlichen Bedarf, dem Verbrauch und dem Schutz der natürlichen Ressourcen auflöst. Aber ich bin auf eine Erneuerung von altem agrarischem Wissen gestoßen, das bei der Suche nach Alternativen in der Politik und im persönlichen Lebensstil als ganzheitliches Leitmotiv gegen den Wachstumswahn dienen kann. „Wir wollen ein gutes Leben, nicht ein besseres", sagt Vicente Alanoca, der Mann vom Titicaca-See.

erschienen in Ausgabe 6 / 2011: Wir konsumieren uns zu Tode

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