Feinde der Vernunft im Weltklimarat

Klimapolitik
Russland und Saudi-Arabien legen mit China, Indien und Kenia dem Weltklimarat Steine in den Weg. Ihr Vorwand, der Süden müsse mehr gehört werden, ist zynisch. Aber er zeigt erneut: Klimaforschung kann nicht länger so tun, als wäre sie politisch neutral.

Bernd Ludermann ist Chefredakteur von „welt-sichten“.

Ein schlechtes Omen für den UN-Klimagipfel ab 9. November kam im Oktober aus Addis Abeba: Die 195 Mitgliedstaaten des Weltklimarates IPCC konnten sich dort auf ihrer Vollversammlung weder auf das Budget des Rates, das sie jährlich billigen müssen, noch auf einen Zeitplan für die Fertigstellung seines nächsten Sachstandsberichts einigen. Darin fassen Hunderte Wissenschaftler etwa alle sieben Jahre den Stand der Klimawissenschaft zusammen und schildern Handlungsoptionen. Das Budget und der Arbeitsplan werden im Konsens beschlossen, normalerweise ohne größere Debatten. Verhindert haben das diesmal Russland und Saudi-Arabien, unterstützt von Indien, China und Kenia. Ihr Hauptargument: Forschende aus Entwicklungsländern würden zu wenig beteiligt und um das zu ändern, benötige der IPCC mehr Zeit. 

Tatsächlich ist die Arbeit des Rates von Forschenden geprägt, die aus dem Westen oder, zunehmend, aus China kommen oder dort arbeiten. Der Hauptgrund dafür ist allerdings strukturell: In ärmeren Ländern gibt es weniger Geld, weniger Institute und weniger technische Mittel für Klimaforschung. Deshalb gelingt es dem IPCC trotz jahrelanger Versuche nur begrenzt, Fachleute aus dem Süden stärker zu beteiligen. Mehr Zeit für den nächsten Bericht ändert daran nichts. Im Gegenteil: Indem die seltsame Veto-Koalition auch das Budget blockiert, verschlechtert sie noch die Chancen, Süd-Fachleute einzubinden. Denn das unterstützt der IPCC aus seinem Budget.

Ein Ruf nach dem Ende der Fossilen würde stören 

Die Begründung der Blockierer ist offenbar vorgeschoben. In Wahrheit wollen sie verhindern, dass die Fachleute ihren neuen Sachstandsbericht noch vor der nächsten Bilanz zur Umsetzung des Pariser Abkommens im Herbst 2028 vorlegen. Denn er wird sicher Forderungen stützen, schneller aus den Fossilen auszusteigen.

Russland und Saudi-Arabien wollen das vermeiden, um weiter Öl und Gas zu verkaufen. Die Motive Chinas und Indiens sind weniger klar; wahrscheinlich wollen sie ihre Freiheit wahren, nationale Entwicklung auch mit Kohle zu befeuern, obwohl China zugleich den Übergang zu Erneuerbaren antreibt. Dass sie sowie Kenia sich dabei den Mantel eines Anwalts für den globalen Süden umhängen, ist zynisch. Denn die Blockade der Arbeit des IPCC läuft den Interessen der vom Klimawandel besonders bedrohten armen Länder direkt zuwider.

Die gemeinsame Wissensgrundlage wird ausgehandelt

Der Streit verweist auf ein tiefer liegendes Problem. Der Weltklimarat war nie nur ein Wissenschaftsgremium, sondern stets auch ein Forum der politischen Aushandlung. Die Mitgliedstaaten geben Leitlinien für Arbeit der Fachleute und verabschieden deren Berichte. In dem Prozess verständigen sich alle Seiten auf allseits akzeptierte Erkenntnisse – nicht nur zu physikalischen Ursachen des Klimawandels, sondern auch zu Möglichkeiten der Anpassung sowie zu Szenarien, die Erderhitzung noch zu bremsen. Das beinhaltet unweigerlich Streitfragen und Interessenkonflikte, zum Beispiel: Wer soll welche Lasten tragen? Wie schnell muss die Nutzung fossiler Energien enden? Lässt sich das mittels späterer negativer Emissionen aufschieben? Soll man vorrangig andere Treibhausgase reduzieren, etwa aus der Landwirtschaft?

Um dennoch einen Konsens über die Berichte des IPCC möglich zu machen, sind die beteiligten Wissenschaftler politischen Streitfragen bisher sorgfältig ausgewichen oder haben Aussagen dazu verschleiert. Dafür musste der Rat den Klimawandel im Grunde als technisches Problem darstellen, das aufgeklärte Regierungen von oben managen können – und das mit Nutzen für alle Seiten.

Die Fiktion der Neutralität ist nicht mehr haltbar

Das war schon immer eine technokratische Fiktion. Sie ist nun nicht länger haltbar. Erstens ist eine Erwärmung der Erde um mehr als 1,5 Grad nicht mehr vermeidbar, und die hypothetischen negativen Emissionen, die für eine spätere Rückkehr unter diese Schwelle nötig wären, werden immer größer. Die Szenarien dafür sind kaum mehr plausibel. Zweitens machen klimabedingte Katastrophen wie Waldbrände, Sturzfluten und Stürme zunehmend die Grenzen der Anpassung deutlich. Und drittens kann niemand mehr übersehen, dass mächtige Staaten und fossile Konzerne wirksamen Klimaschutz aus Eigeninteresse blockieren – ohne Rücksicht auf die Folgen. Die US-Regierung unter Donald Trump greift dazu das Wissen selbst an: Sie ist aus dem IPCC ausgetreten, torpediert die Klimaforschung und lässt sogar deren wissenschaftliche Daten vernichten. Staaten wie Saudi-Arabien und Russland untergraben stattdessen den IPCC-Prozess von innen.

Damit können Klimawissenschaftler sich nicht länger auf politische Neutralität zurückziehen. An einer offenen Debatte über politische, ökonomische und soziale Triebkräfte des Klimawandels führt kein Weg mehr vorbei. Der Weltklimarat steht vor der Wahl, sie aufzugreifen, auch gegen das Votum mächtiger Regierungen, oder die Lage zu beschönigen und damit seine Glaubwürdigkeit zu untergraben. Das wäre ein weiterer Erfolg für die Feinde der Vernunft.

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