Afrikas erste Olympiade ist eine der Jugend

Maguette Gaye Ndiaye vertritt den Senegal bei den Leichtathletik-Wettbewerben der Olympischen Jugendspiele. Hier trainiert sie gerade im Stade Léopold Sédar Senghor in Dakar. Ihre Spezialdisziplin ist der 400-Meter-Lauf.
Odile Jolys
Maguette Gaye Ndiaye vertritt den Senegal bei den Leichtathletik-Wettbewerben der Olympischen Jugendspiele. Hier trainiert sie gerade im Stade Léopold Sédar Senghor in Dakar. Ihre Spezialdisziplin ist der 400-Meter-Lauf.
Senegal
Anfang November empfängt der Senegal junge Leute aus aller Welt zu den Olympischen Jugendspielen. Die Bevölkerung interessiert das nur mäßig, aber für die Regierung ist die Wahl des Landes als Austragungsort ein diplomatischer Erfolg.

„Ayo! Ayo! Ayo!“ Den Namen des Maskottchens der Olympischen Jugendspiele skandieren Kinder, die auf dem Place de l’Indépendance in Dakar auf die Figuren des lächelnden Löwenjungen klettern. Vom 31. Oktober bis zum 13. November 2026 empfängt Senegals Hauptstadt 2700 Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt im Alter von 15 bis 17 Jahren zu den Spielen. Es sind die ersten Olympischen Spiele auf dem afrikanischen Kontinent. Ayo bedeutet auf Yoruba, einer in Nigeria gesprochenen Sprache, „Freude“ oder „jugendliche Energie“.

Die Olympischen Jugendspiele sind noch wenig bekannt. Sie finden dieses Jahr zum achten Mal statt, wenn man Sommer- und Winterspiele zusammenzählt. Die ersten wurden 2010 in Singapur ausgetragen.

Nicolas Bancel, Historiker mit Schwerpunkt Olympische Bewegung, erläutert, dass diese Spiele eingeführt wurden, um vor allem ein jüngeres Publikum zu gewinnen. „Doch bei den Spielen in Dakar“, fährt der Professor an der Universität Lausanne in der Schweiz fort, „geht es dem Internationalen Olympischen Komitee IOC vor allem darum, zu sagen: Wir vergessen Afrika nicht!“ Mehrere afrikanische Staaten bemühen sich gerade um die Ausrichtung Olympischer Spiele.

Für die Senegalesen gibt es dringendere Probleme

„Die Senegalesen sind den Jugendspielen gegenüber gleichgültig“, sagt Ibrahima Niang, Soziologe an der Universität Dakar. „Es gibt dringendere Probleme: Die hohen Lebenshaltungskosten und der Mangel an Arbeitsplätzen belasten die Stimmung.“ Mit einer Verschuldung in Höhe von 132 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts gehört Senegal zu den am höchsten verschuldeten Ländern Afrikas. Die Wirtschaft schwächelt, insbesondere die Baubranche, ein wichtiger Arbeitgeber.

El Hadj Bity gehört zu den 6000 Freiwilligen, die das senegalesische Organisationskomitee der Olympischen Jugendspiele (COJOJ) rekrutiert hat. Er nennt einen weiteren Grund für das geringe Interesse im Land: „Hier im Senegal liebt man Fußball und Ringen. Wenn diese Sportarten stärker in den Vordergrund gestellt worden wären, wären die Senegalesen Feuer und Flamme.“ Dabei hat das IOC in Dakar erstmals Beach Wrestling als olympische Disziplin eingeführt, um die Spiele stärker in der senegalesischen Kultur zu verankern. „Aber niemand weiß davon“, ärgert sich der Mittdreißiger, der als Manager für digitale Sportinhalte bei einem großen internationalen Fernsehsender arbeitet.

Beim COJOJ ist El Hadj Bity für das Rudern zuständig, eine der 25 Sportarten im Programm der Spiele. „Es geht darum, diese Sportart bekannt zu machen und junge Menschen dafür zu begeistern. Rudern ist im Senegal weitgehend unbekannt. Die wenigen, die es praktizieren, kommen aus dem Bereich der Piroggenregatten“, erklärt er. Diese äußerst beliebten Rennen ziehen an den Stränden des Landes Tausende Zuschauer an.

Am 31. Oktober werden die Olympischen Jugendspiele im Senegal eröffnet. Zuvor war die Fackel der Olympischen Jugendspiele durch alle 14 Regionen des Senegals gereist. Hier trägt eine junge Frau die Fackel in Dakar, neben ihr steht ein als Löwe verkleideten Darsteller. Der Löwe ist das Maskottchen der Olympischen Jugendspiele, an der 2700 junge Leute aus aller Welt teilnehmen.

Der Senegal hat bisher nur eine olympische Medaille gewonnen

Der Soziologe Niang kritisiert jedoch, dass es kaum anerkannte Sportarten afrikanischen Ursprungs gebe, obwohl der Sport die spielerischen Praktiken aller Menschen widerspiegeln sollte. Er spricht von einer „Kolonialität des Sports“: „Das zeigt sich letztlich auch im Medaillenspiegel.“ Senegal hat bislang eine olympische Medaille gewonnen: die Silbermedaille von Amadou Dia Bâ über 400 Meter Hürden bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul – und eine weitere 1960, als Senegal noch französische Kolonie war.

Ein Blick auf den Online-Ticketverkauf eine Woche vor Beginn der Spiele zeigt, dass die Bevölkerung bislang kaum Eintrittskarten erwirbt. „Der Kaufprozess ist umständlich“, beklagt El Hadj Bity. Die Ticketpreise sind mit rund drei Euro beziehungsweise 1,50 Euro für Schülerinnen und Schüler aber erschwinglich.

Eine gewisse Aufbruchstimmung im Vorfeld der Spiele spürt man in der Umgebung des Stadions Ida Mar Diop im Stadtviertel Médina in Dakar. Die Geschäfte hier haben ihr übliches Angebot an Lederschuhen und -taschen, für die das Viertel bekannt ist, um neue Modelle erweitert wie Taschen, die mit der Silhouette des afrikanischen Kontinents verziert und mit Borten aus farbenfrohem Wax-Stoff eingefasst sind. „Wir sind bereit, internationale Touristen zu empfangen“, sagt Mor Niang fröhlich, der sein Geschäft seit 15 Jahren führt. „Wir hoffen auch, dass das Stadion nach den Spielen weitere bedeutende Sportveranstaltungen beherbergen wird.“

Einige Stadien waren schon vorhanden

Damit spricht er die zentrale Frage an: Wie nachhaltig werden die Spiele sein? Sie werden in drei Städten ausgetragen. Saly, ein Badeort in der Nähe von Dakar, ist Schauplatz der Strandwettbewerbe und der Wassersportveranstaltungen. Diamniadio, eine unter den Präsidentschaften von Macky Sall (2012–2024) neu errichtete Stadt, benötigte für die Spiele keine neue Infrastruktur. Das Stadion und der Schnellzug, der die Stadt in weniger als einer Stunde mit Dakar verbindet, waren bereits vorhanden.

Die umfangreichsten Bauarbeiten waren in Dakar nötig. Das Iba-Mor-Diop-Stadion und der „Tête-de-l’Œuf“-Komplex mit seinem olympischen Schwimmbecken wurden umfassend saniert und um neue Gebäude ergänzt. Ermöglicht hat das ein Darlehen der französischen Entwicklungsagentur AFD. Auch die Corniche, die Küstenstraße und Promenade von Dakar und das Aushängeschild der Stadt, wurde umfassend verschönert. Die jungen olympischen Radsportler werden dort ihre Wettkämpfe auf der Straße austragen, die entlang des Atlantiks verläuft.

„Mit der Entscheidung für Dakar hat das IOC die Gefahr sogenannter weißer Elefanten vermieden“, erklärt der Historiker Nicolas Bancel – also die Gefahr kostspieliger, wenig nützlicher Projekte, die sich langfristig als finanzielle Belastung erweisen. „Es ist jedoch wichtig“, fügt er hinzu, „dass Senegal über die Mittel verfügt, seine frisch renovierten Infrastrukturen zu unterhalten. Denn nach einer Sanierung sind sie im Unterhalt teurer.“

Abkommen mit China für die technische Unterstützung der Spiele

Bislang wurde keine Schätzung der Gesamtkosten veröffentlicht, die Senegal für die Olympischen Jugendspiele entstehen. Laut COJOJ beträgt das operative Budget – ohne Investitionen wie Baumaßnahmen – umgerechnet knapp 50 Millionen Euro, davon würden 60 Prozent vom IOC und seinen Partnern finanziert.

Im Haushaltsentwurf des senegalesischen Staates sind allein für das Jahr 2026 Ausgaben in Höhe von knapp 140 Millionen Euro im Zusammenhang mit den Jugendspielen vorgesehen. Die französische Entwicklungsagentur AFD hat nach eigenen Angaben Darlehen in Höhe von 80 Millionen Euro bewilligt – sowohl für Infrastruktur als auch für die Entwicklung des Sportsektors. Schließlich haben China und Senegal ein Abkommen über technische Unterstützung für die Jugendspiele geschlossen. Ob damit Zuschüsse oder Darlehen verbunden sind, ist jedoch nicht bekannt. Immerhin wird Senegal 2030 erneut ein großes Sportereignis ausrichten, die Spiele der Frankophonie.

Sportlerinnen werden unterstützt - und hören abwertende Kommentare

Insgesamt werden 136 senegalesische Sportlerinnen und Sportler bei den Jugendspielen mitmachen. Djibril Ndiaye, Maguette Gaye Ndiaye und Maimouna Mbaye sind die drei 16- oder 17-Jährigen, die das Land in den Leichtathletikwettbewerben vertreten. Djibril tritt im Dreisprung an. Als Einziger der drei trainiert er auf einer richtigen Leichtathletikanlage: der Bahn des Léopold-Sédar-Senghor-Stadions, das kürzlich mit chinesischer Unterstützung renoviert wurde.

Maguette trainiert dagegen auf einem sandigen Bolzplatz. In Rufisque, einer Stadt in der Nähe von Dakar, wo sie lebt, gibt es keine Leichtathletikbahn. Ihre Spezialdisziplin ist der 400-Meter-Lauf. Maimouna, die aus der Großstadt Thiès stammt, trainiert unter ähnlichen Bedingungen und ist auf den 200-Meter-Lauf spezialisiert.

Autorin

Odile Jolys

ist freie Journalistin in Dakar, Senegal, und berichtet aus Westafrika, unter anderem für den Evangelischen Pressedienst und „Neues Deutschland“.

Die beiden jungen Frauen fühlen sich von ihren Familien gut unterstützt, bekamen aber abwertende Bemerkungen aus ihrem Umfeld zu hören. Maguette wurde gesagt, sie solle mit dem Sport aufhören, weil sie sonst einen männlichen Körper bekäme. Maimouna musste sich anhören, sie könnte später keine Kinder bekommen und würde womöglich niemals heiraten.

Seit Beginn der Sommerferien im Juli trainieren die beiden gemeinsam mit Djibril im Léopold-Sédar-Senghor-Stadion. Die senegalesische Regierung übernimmt ihre Unterkunft und ihre Trainingskosten in Dakar. Das IOC hat für die Olympischen Jugendspiele eine strikte Geschlechterparität vorgeschrieben, um den Sport von Mädchen zu fördern.

Alle drei waren auch in einem mehrwöchigen Trainingslager in China. Internationale Wettkampferfahrung haben die jungen Athleten fast keine. An den Afrikanischen Jugendspielen die im Dezember 2025 in Luanda, Angola, konnten sie nicht teilnehmen. „Wir sind zu spät angereist, die Wettkämpfe waren bereits vorbei“, erklärt ihr Trainer verärgert. Das Sportministerium soll sich zu spät um die Finanzierung der Flugtickets und die Visa der Athleten gekümmert haben, heißt es am nationalen Institut für Sporterziehung und Sportwissenschaften INSEPS. „Die Jugendlichen haben keine Priorität“, meint Souleymane Diallo, dessen Direktor.

Die Spiele sind auch ein diplomatischer Erfolg für den Senegal

Die Ausrichtung der Olympischen Jugendspiele ist auch ein diplomatischer Erfolg für Senegal. Laut Bakary Sambe, Direktor des Timbuktu Instituts für Frieden und Sicherheit in Dakar, haben radikale Äußerungen von Premierminister Ousmane Sonko in den vergangenen zwei Jahren die Beziehungen zu Europa belastet. Der Politiker hatte auf die nationale Souveränität gepocht und wurde im Mai 2026 vom Präsidenten entlassen. „Mit den Olympischen Jugendspielen zeigt sich Senegal der internationalen Gemeinschaft wieder zugewandter“, sagt Sambe.

Heikle Themen werden ausgespart: Im Vorfeld der Spiele wird im Senegal weder über die Teilnahme von Russland und Belarus diskutiert noch darüber, dass homosexuelle Jugendliche unter den Athleten sein können. Senegal hat im März 2026 ein Gesetz verabschiedet, das Homosexualität kriminalisiert, und geht mit großer Härte dagegen vor.

Von Nutzen sind die Jugendspiele für die beiden wichtigsten Partner und Gläubiger des Senegal: China und Frankreich. „Für China ist es wichtig, sich an der Seite Senegals zu zeigen“, erklärt der Soziologe Niang, der zur chinesischen Präsenz in Afrika forscht. „China wird bei Bedarf nicht versäumen, daran zu erinnern.“ Das Land wolle vermeiden, dass sein Image ausschließlich mit Verschuldung in Verbindung gebracht werde. Frankreich nutzt die Spiele, um sein Ansehen aufzubessern, nachdem im Jahr 2025 der Militärstützpunkt in Dakar geschlossen werden musste. Präsident Emmanuel Macron wird bei der Eröffnungsfeier in Dakar erwartet.

Die drei Athleten können den Beginn der Spiele kaum erwarten. Sie alle wollen Medaillen für ihr Land gewinnen. Fragt man sie jedoch, wie sie sich ihre sportliche Zukunft vorstellen, antworten sie unisono: „In einem Verein im Ausland.“ Die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Staaten können die Olympischen Jugendspiele nicht bewältigen. 

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