Wie der Irankrieg im Süden gesehen wird

Liebe Leserinnen und Leser,

die Bundesregierung hat sich nach Beginn des Kriegs im Iran zunächst wieder in Leisetreterei gegenüber den USA geübt. Erst seit der US-Präsident will, dass europäische Streitkräfte den Schiffsverkehr am Golf sichern helfen, geht sie deutlich auf Distanz und sucht zugleich nach Wegen, das Wahlvolk vor einer Folge dieses irren Kriegs zu bewahren: höheren Bezinpreisen. Wie aber treffen steigende Ölpreise jetzt ärmere Länder, und wie nehmen ihre Regierungen Stellung zum Krieg? Wir haben Kolleginnen und Kollegen in vier großen Ländern gebeten, das zu schildern, und ihre Texte hier zusammengestellt. Sie zeigen: Auch Indien und Brasilien vollführen diplomatische Drahtseilakte, und viele Brasilianer interessiert der Krieg nur, soweit er sich direkt auf den Geldbeutel auswirkt. In Südafrika ist auch das Kabinett bei der Bewertung des Krieges gespalten – nicht zuletzt aus historischen Gründen. Und im von Gewalt geplagten Nigeria wird der Krieg durch die Brille der Religion gesehen: Der Iran gilt als Förderer von Terrorismus, zugleich empfinden viele Muslime den Krieg als erneuten Angriff auf die islamische Welt. Und Treibstoff, Lebensmittel und Transporte werden drastisch teurer. Verglichen damit haben an unseren Zapfsäulen wohlhabende Fahrer großer Autos eher ein Luxusproblem.

Dieser Bericht ist Teil eines Brennpunkts, den wir zu diesem Krieg zusammengestellt haben – mit Meinungen, Berichten und Hintergründen zu den Kriegen in der Region, auch etwa in Gaza und im Libanon. Das soll helfen, die verwickelten Konflikte zu verstehen. Aber vor allem müssen wir hoffen, dass die Kriegsparteien schnell Wege zu einer Deeskalation finden.

Mit vielen Grüßen,

Neu auf "welt-sichten"

Schützt die Pressefreiheit! Die wird von immer mehr Regierungen eingeschränkt, jetzt auch in den USA. Das ist eine Ermutigung für Autokraten, kommentiert Barbara Erbe und fordert Aufnahmeprogramme für verfolgte Journalisten, Schritte gegen Oligopole auf dem Medienmarkt und mehr Geld für öffentliche Medien.

Mehr als eine Frage der Moral: Die Koalition in Berlin plant ein Gesetz zur Rückgabe von Raubgut aus der NS-Zeit und der deutschen Kolonialzeit. Die Grünen mahnen, es dürfe nicht zu schmalspurig ausfallen, und fordern umfassende Wiedergutmachung für koloniales Unrecht, berichtet Marina Zapf.

Fünfte Kolonne des Kreml? Seit Ende 2021 sucht die Russisch-Orthodoxe Kirche Mitglieder in Afrika. Sie stellt das als Angebot an unzufriedene Orthodoxe auf dem Kontinent dar; Kritiker im Westen vermuten dahinter eine Strategie Wladimir Putins. Katja Dorothea Buck geht dem nach.

Was Sie verpasst haben könnten

Noch ein Krieg am Horn von Afrika? Äthiopien und Eritrea steuern auf einen neuen Waffengang zu, der Nachbarländer wie den Sudan und Somalia einbeziehen würde, warnt Kjetil Tronvoll im Interview. Weitere Staaten dürften indirekt mitmischen – und Europa hat keine gemeinsame Politik für das Horn und deshalb kaum Einfluss.

Mit dem Islam lernen: Indonesien hat das weltweit größte islamische Bildungswesen. Es ist teilweise in das nationale Bildungssystem eingebunden und hat eine selbstbewusste islamische Mittelschicht hervorgebracht, erklärt Amanda tho Seeth – ein Artikel aus unserer aktuellen Ausgabe "Ab in die Schule" zum Thema Bildung.

Noch immer interessant

KI im Kriegseinsatz: Ohne Künstliche Intelligenz wären weder gezielte Angriffe auf einzelne Amtsträger wie jetzt im Iran möglich noch der Abschuss von anfliegenden Raketen. Solche KI hat das US-Unternehmen Anthropic der US-Regierung geliefert mit der Maßgabe, dass sie weder für komplett autonome Waffen genutzt werden darf noch für Massenüberwachung. Der US-Kriegsminister hat die Firma deshalb nun als nationales Risiko eingestuft und von allen Regierungsaufträgen ausgeschlossen – eine ruinöse Strafe für ethische Vorbehalte. Wo solche Vorbehalte begründet sind, warum die Technik reguliert werden sollte und warum das so schwierig ist, hat Vanessa Vohs vor gut zwei Jahren erklärt. Nachlesen lohnt sich.

Buchtipp

Mit Hochbeeten gegen die Wasserkrise: Am nur in Mexiko vorkommenden Lurch Axolotl veranschaulichen die Umweltwissenschaftlerin Laura Nadolski und der Lateinamerika-Journalist Toni Keppeler die Probleme des Wassermangels in der Region der mexikanischen Hauptstadt. Doris Regina Gothe hat das Buch gefallen.

Aus unserem Partnernetzwerk

Wir kooperieren mit anderen Organisationen, die sich mit dem globalen Süden beschäftigen, etwa der Infostelle Peru, der Stiftung Asienhaus und der Werkstatt Ökonomie. Auf unserer Startseite unten im Kasten „Aus unserem Partnernetzwerk“ weisen wir auf neue Beiträge unserer Partner hin – zurzeit zum Beispiel auf ein Gespräch mit einem Indigenen in Indonesien über Bergbau und Selbstbestimmung und auf ein Papier des Forums Umwelt und Entwicklung zu nachhaltiger Handelspolitik. Schauen Sie doch mal rein!

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